Freundschafts- und Arbeitsabkommen mit Chile

Fahne und Schwert der Urburschenschaft
Fahne und Schwert der Urburschenschaft
Studium im Mittelalter
Studium im Mittelalter
Studentenleben um 1620
Studentenleben um 1620

Seit der Jahrhundertwende wirkte sich auch in Chile der burschenschaftliche Gedanke mit eigener Lebendigkeit aus, wenngleich in seiner apolitischen, damit ausschließlich kulturellen und die Persönlichkeitswerte fördernden Ausrichtung. Es waren junge chilenische Studenten deutschen Ursprungs, die in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an der Staatsuniversität in Santiago de Chile Vorlesungen besuchten und sich durch die Gründung einer Studentenverbindung die Aufgabe stellten, innerhalb ihres Kreises das europäische Kulturgut in seiner deutschen Prägung zu erhalten. Es waren die Enkel deutscher Siedlerfamilien, die um die fünfziger Jahre nach Südchile eingewandert waren und mit deren Hilfe drei Provinzen urbar gemacht worden sind. Unter den damals annähernd 1.000 eingewanderten Familien, die aus allen deutschen Landen kamen, befanden sich nicht nur Bauern und Landarbeiter, sondern auch zahlreiche Akademiker und Gewerbetreibende, die es in der Folgezeit zu beachtlichen Unternehmen gebracht haben. Als die Söhne der Einwanderer - nach harten Jahren emsiger Arbeit - das erste klingende Geld erübrigen konnten, knüpften sie an die akademische Tradition ihrer Väter an und schickten ihre Söhne auf die Universität der weit im Norden liegenden Landeshauptstadt.

Dort begegneten die jungen Studenten an den einzelnen Fakultäten einer Reihe namhafter deutscher Professoren, die eigens nach Chile berufen worden waren. Sie verkehrten mit deutschen Pädagogen, die für die Erweiterung des chilenischen Unterrichtswesens wirkten, und mit deutschen Instruktionsoffizieren, denen der Neuaufbau des chilenischen Heeres aufgetragen worden war.

In diese geistige Atmosphäre eines verstärkten deutschen Beitrags am Aufbau der jungen Republik fällt die Gründung der Burschenschaft Araucania (1896). Die damaligen Studenten waren über Familie und Schule vornehmlich im Rahmen des deutschen Kulturkreises herangewachsen, ihr nun beginnendes berufliches Leben ging ausschließlich im spanischsprachigen Kulturkreis auf. Ein Ausgleich wollte gefunden werden, auch der einseitigen Ausbildung an den sehr stark als Fachschulen ausgebauten Universitätsinstituten gegenüber.

Es waren vor allem drei Männer, die bei der Gründung richtunggebend waren: der spätere Professor Dr. Christoph Martin, Begründer und langjähriger Vorsitzender des ?Deutsch-Chilenischen Bundes?, vertrat die Form und das Lebensideal der Deutschen Burschenschaft. Er hatte nicht nur das studentische Leben während seiner Schuljahre in Deutschland selbst kennengelernt, sondern ihm war auch durch seinen Vater, den Kolonistenarzt Dr. Carl Martin, der Idealismus des Burschenlebens auf dem Burgkeller in Jena lebendig vermittelt worden. Der spätere Dr. med. Guillermo Muennich, einst erfolgreichster Chirurg an der Westküste Südamerikas, dachte eher an einen intellektuellen Diskussionsklub, während dem angehenden Apotheker Jens Petersen ein spartanisches Leben im Geiste der deutschen Turnerschaft vorschwebte.

Aus diesen drei Vorstellungen entstand als Synthese die Burschenschaft Araucania. Sie übernahm das Lebensbundprinzip und die Formen der Deutschen Burschenschaft, legte aber das Hauptgewicht des studentischen Zusammenseins auf die sogenannte Hauptversammlung, in der jeweils ein Vortrag in deutscher Sprache gehalten und anschließend über das behandelte Thema eifrig debattiert wurde. Der Ehrenkodex und manches studentische Brauchtum wurden Landesverhältnissen angepaßt; anfänglich wurde geboxt, später gepaukt und der junge Student zu sportlicher Ertüchtigung angehalten.

Die Araucania, die ihren Namen von den Ureinwohnern Südchiles herleitet, hat die aufgezeigten Formen und das über die Jahrzehnte langsam entstandene eigene Brauchtum, aber auch ihre geistige Ausrichtung bis in unsere Tage uneingeschränkt erhalten können. Es war die Ausrichtung der Einwanderergeneration, die von den Enkeln aufgegriffen wurde: Sie wollten eingefügt sein in den jungen Staat und keinen Fremdkörper darstellen; sie wollten ebenbürtige, ja sie wollten durch die Persönlichkeitswerte, die das deutsche Kulturgut mitzugeben vermag, die besten Bürger des Staates sein. Die Väter hatten das Land bis dahin wirtschaftlich erschlossen, sie wollten die neue Heimat sich jetzt auch geistig erarbeiten. Insofern ist der Heimatgedanke für die Burschenschaft in Chile neben dem deutschen Idealismus, der noch heute in ihr wirkt, die stärkste Kraftquelle ihres Seins.

In den Händen der Altherrenschaft liegt zum großen Teil heute die Leitung der Einrichtungen deutschen Ursprungs, aber wir finden die Alten Herren nicht minder in hohen Staatsstellungen, im Kultur- und Wirtschaftsleben des Landes. In einer so aufgebauten und ausgerichteten Einrichtung innerhalb der hispano-amerikanischen Welt mußten sich im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung, einmal in Bezug auf das Anpassungsvermögen an die Landesverhältnisse, dann aber auch auf die wechselnden Geschehnisse in der deutschen Heimat, zwei Richtungen herauskristallisieren, die sich gegenseitig befruchtet und abwechselnd ihre Gültigkeit bewiesen haben. Wir können sie als die ?mehr deutsche? und die ?weniger deutsche? Richtung bezeichnen.

Durch den äußeren Druck der beiden Weltkriege ergab sich folgerichtig eine ?mehr deutsche? Ausrichtung des aktiven Verbindungslebens, das über die Alten Herren in diesen Zeiten wohl die nachhaltigsten kulturpolitischen Auswirkungen verzeichnet hat. Mit derselben Folgerichtigkeit führte die nationalistische Welle des Dritten Reiches die ?weniger deutsche? Richtung auf den Plan. Die Burschenschaft wurde in jenen Jahren als unabhängige Einrichtung, die sich in keine Organisation einbauen ließ, das Objekt mancher Anfeindungen.

Was für Araucania gilt, ist nicht minder auch für die übrigen Studentenverbindungen gültig, die sich nach ihrem Muster im Lauf der Jahrzehnte in Chile gebildet haben. Als Concepcion zu Beginn der zwanziger Jahre Universitätsstadt wurde, sammelten sich die deutschstämmigen Studenten in der Burschenschaft Montania (1924). In Santiago de Chile bildete sich eine zweite Korporation, die im Jahre 1926 gegründete Burschenschaft Andinia. Für die Hörer der Technischen Hochschule in Valparaiso hat sich seit dem Jahr 1949 auch dort die Burschenschaft Ripuaria konstituiert. Im Jahre 1962 wurde eine fünfte Burschenschaft, nämlich die Burschenschaft Vulkania, in Valdivia gegründet, wo vor einigen Jahren der Grundstein zu einer weiteren Universität in Chile gelegt wurde.

Die einzelnen Burschenschaften leben in enger Verbundenheit unter sich, so daß es im Jahre 1959 zur Gründung des ?Delegierten-Conventes der Chilenischen Burschenschaften? (DCCB) kam, der ein von den chilenischen Burschenschaften gebildeter Ausschuß ist. Seine Aufgaben sind die Förderung der Arbeit der Burschenschaften im Rahmen der Gemeinschaft und die Behandlung aller den Burschenschaften gemeinsamen Angelegenheiten sowie die Pflege der Beziehungen zur Deutschen Burschenschaft. In diesem Sinne wurde 1959 das ?Arbeits- und Freundschaftsabkommen? zwischen der Deutschen Burschenschaft und dem Delegierten-Convent der Chilenischen Burschenschaften unterzeichnet, das zu einem engeren Kontakt zwischen den beiden Verbänden und zur Errichtung eines gegenseitigen Stipendiums führte. So erhalten je ein Burschenschafter aus Deutschland und zwei aus Chile ein einjähriges Stipendium zum Studium in Chile bzw. in Deutschland. Damit ist ein ständiger fruchtbringender Austausch gewährleistet.

Die chilenischen Burschenschaften

Burschenschaft Andinia
Bustos #2044 Providencia � Santiago de Chile
Telefon und Telefax: +56 2 2235378
Internet: www.bandinia.cl ? E-Mail: info@bandinia.cl

Burschenschaft Araucania
La Serena #478, Las Condes, Casilla 35, Correo Escuela Militar � Santiago de Chile
Telefon: +56 2 2280310 ? Telefax: +56 2 2079140
Internet: www.baraucania.cl/ ? E-Mail: ba@baraucania.cl

Burschenschaft Montania
Los Aguilera #210 ? Concepción (Chile)
Telefon: +56 41 951892
Internet: www.bmontania.cl ? E-Mail: montania@vtr.net

Burschenschaft Ripuaria
Quito #272 ? Valparaiso (Chile)
Telefon: +56 32 662091
Internet: www.ripuaria.cl ? E-Mail: info@ripuaria.cl

Burschenschaft Vulkania
Los Manzanos #040 � Valdivia (Chile)
Telefon: +56 63 213569
Internet: www.bvulkania.cl ? E-Mail: aktiven@bvulkania.cl