Neu-Humboldt’sche Elite-Universitäten

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07.09.2016


"Wenn wir auf allen Gebieten das Verlangen nach der Einführung von geregelten Bildungsgängen und Fachprüfungen laut werden hören, so ist selbstverständlich nicht plötzlich ein erwachender 'Bildungsdrang', sondern das Streben nach Beschränkung des Angebots für die Stellungen und deren Monopolisierung zugunsten der Besitzer von Bildungspatenten der Grund. Für diese Monopolisierung ist heute die „Prüfung“ das universelle Mittel, deshalb ihr unaufhaltsames Vordringen. Und da der zum Erwerb des Bildungspatents erforderliche Bildungsgang erhebliche Kosten und Karenzzeiten verursacht, so bedeutet jenes Streben zugleich die Zurückführung der Begabung (des 'Charisma') zugunsten des Besitzes, – denn die 'geistigen' Kosten der Bildungspatente sind stets geringe und nehmen mit der Massenhaftigkeit nicht zu sondern ab."
(Max Weber, 1864-1920, deutscher Nationalökonom, Soziologe und Burschenschafter)

Deutsche Universitäten waren einmal das Vorbild für viele ausländische Universitätsgründungen und -reformen. Das ist längst Geschichte. Die älteren Semester unter den Lesern dieser Zeilen erinnern sich vielleicht noch an Zeiten, in denen Universitäten keine Bildungsmasseneinrichtungen waren. Auch erinnern sie sich wohl möglich auch daran, daß sie mit einem Universitätsabschluß faktisch eine Garantie auf einen (gutbezahlten) Arbeitsplatz erwarben.

Durch die Bildungsexpansion hat sich die Hochschullandschaft enorm verändert. Nahmen 1960 nur sechs Prozent eines Jahrgangs ein Universitätsstudium auf und weitere zwei Prozent ein Fachhochschulstudium, waren es im Jahre 2010 23 Prozent bzw. 15 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studenten an den deutschen Universitäten um 18,5 Prozent (von 1.437.000 auf 1.702.000) gewachsen. Trotz eines Wachstums des Gesamtbudgets aller Universitäten um ca. 25 Prozent konnte die Zahl der Professoren mit der Studentenanzahl nicht Schritt halten. Die Betreuungsrelation (die durchschnittliche Zahl von Studenten pro Professor) ist nach 2003 zunächst zwar gesunken, hat aber seit 2011 den Wert von 2003 wieder überschritten. Heute liegt sie bei eins zu 52 (bei den Geisteswissenschaften gar bei über eins zu 100).

Gleichwohl hängt das Betreuungsverhältnis stark vom Unterrichtsfach ab. Im Vergleich zu internationalen Spitzenuniversitäten, mit denen sich die besten deutschen Universitäten messen müssen, ist es um die meisten Fächer schlecht bestellt. Die Bologna-Studienreform, die im letzten Jahrzehnt umgesetzt wurde, hat die Situation tendenziell noch verschärft. Durch sie wurden Bachelor-Studienabschlüsse unterhalb des Masters (wieder) eingeführt, die vom Arbeitsmarkt nur teilweise angenommen wurden.
Die einstige Erwartung, daß nur das forschungsorientierteste Drittel der Studenten nach dem Bachelor an der Universität verbleiben würde, hat sich nicht erfüllt. Als Folge davon setzt sich das schlechte Betreuungsverhältnis auch in den Masterstudiengängen fort. Kritisch betrachtet sind die Universitäten durch „Bologna“, unter Senkung des allgemeinen Leistungsniveaus, "verschult" worden.

Die deutschen Universitäten sind erheblich unterfinanziert. Allein an maroden Gebäuden schätzt die ehemalige Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, bundesweit einen Investitionsbedarf von 25 Milliarden Euro. Ein Grund für die Misere ist auch, daß die Höhe der Basisfinanzierung für Universitäten in Deutschland maßgeblich von der Anzahl der Studenten abhängt. Dies führt zu der paradoxen Situation, daß sich die Universitäten proaktiv um mehr Studenten bemühen, aber gleichzeitig die schlechten Betreuungsrelationen beklagen.
Wenn wir bedenken, wo wir einmal waren, als deutsche Wissenschaft und Forschung sich unangefochten an der Weltspitze befanden, dann hilft uns nicht der Trost neuer Rekordzahlen unter den Abiturienten und Studenten weiter. Nein, es muß uns bewußt werden, unseren Wohlstand, unseren Reichtum können wir nur bewahren, in dem wir wieder mehr wissenschaftliche Erkenntnisse und Patente hervorbringen als die anderen Nationen (und diese natürlich auch zu schützen wissen) und das dafür notwendige geeignete Personal an unseren Schulen und Universitäten erzeugen.

Rückblick

Wer verstehen will, warum bis 1918 40 Prozent aller Nobelpreise an deutsche Wissenschaftler verliehen wurden, 80 Prozent der wissenschaftlichen Literatur in der Welt bis 1939 in deutscher Sprache erschien, die internationale Wissenschaftssprache deutsch und nicht englisch war, die deutschen Universitäten zum begehrten Ziel ausländischer Studenten wurden, die deutsche medizinische Wissenschaft an der Weltspitze stand, der muß das preußisch-deutsche Schul- und Hochschulwesen sehr genau studieren.
Mit dem hohen Bildungsniveau Preußen-Deutschlands hing der Aufstieg der Deutschen zur führenden Industrienation zusammen. Die Leistungsauslese gehörte zur preußischen Staatsräson. Sie war gerecht und kam der Allgemeinheit zugute. Der Niedergang des Schulsystems in der Bundesrepublik ist hingegen ein ideologisch motivierter Trend, in welchem das pädagogische Moment durch ein sozialpolitisches ersetzt wurde. Seit Ende der 60er Jahre wurde die Schule zu einem Instrument der Chancenzuteilung. Gleichzeitig sank das deutsche Bildungsniveau im Vergleich zu anderen OECD-Ländern dramatisch ab.

Studium aus "bloßem Übermut", die Überfüllung der Universitäten mit ungeeigneten Studierenden aus den unteren sozialen Schichten, die Gefahr der Erzeugung eines "akademischen Proletariats", die unzureichende Qualität der schulischen Vorbereitung und der akademischen Ausbildung, verbunden mit fehlenden Übergangs- bzw. Zugangsregelungen, waren im 18. Jahrhundert Thesen im Tenor einer allgemeinen Studierfähigkeitsdebatte – vieles davon kommt einem auch heute wieder bekannt vor.

In Preußen war die Sorge vor der "Studirwuth" der Untertanen deshalb bereits frühzeitig Gegenstand zahlreicher königlicher Reglementierungsversuche: Edikt "Wider den Mißbrauch des Studirens" von 1708 sowie 1718 die "Erneute Verordnung wegen der studirenden Jugend auf Schulen und Universitäten" (sowie der "Erneuten und erweiterten Verordnung" von 1735), die neben einem Zertifikat der Schule eine Eingangsprüfung der Universität anordnete – ohne jedoch nachhaltigen Erfolg. Das bedeutet nicht, daß Preußen wenig an Bildung und besonders auch akademischer Bildung seiner Untertanen interessiert war. Im Gegenteil: um 1790 gab es in Deutschland etwa 6.000 Studenten, davon allein in Brandenburg-Preußen rund 3000 (Universität Halle allein mit ca. 1.000 Studenten). Auch ist an das Generallandschulreglement von 1763 zur erinnern.

Die Reform des Schul- und Hochschulwesens im 19. Jahrhundert ist in Deutschland stark durch das preußische Modell beeinflußt worden. Mit Blick auf die Vorgeschichte im 18. Jahrhundert ist dies auch nicht verwunderlich. Ganz besonders prägend sind hierbei die Namen Wilhelm von Humboldt und Friedrich Theodor Althoff zu nennen. Das gilt sowohl hinsichtlich einer theoretischen Klärung des Bildungsverständnisses als auch im Hinblick auf die aus diesem neuen Bildungsbegriff hervorgehenden Reformkonzepte sowie Schul- und Hochschulpläne.

Stärker jedoch als Althoff ist der Freiherr Wilhelm v. Humboldt und das Humboldt‘sche Bildungsideal in Erinnerung geblieben. Schlagwortartig verkürzt läßt sich Humboldts Auffassung von Bildung mit dessen eigenen Worten so zusammenfassen: "Der wahre Zweck des Menschen […] ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen." In dieser Formulierung kommt mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck, daß der Zweck des menschlichen Lebens nicht mehr in dem gesehen wird, was jemand leistet, schafft, bewerkstelligt oder hervorbringt, sondern in dem, was er aus sich selber macht bzw. wie dieser seine Person im Widerstreit ihrer Kräfte zur "harmonischen Persönlichkeit emporbildet".

Von gesellschaftlicher Brauchbarkeit und Nützlichkeit als Bildungsziel, die noch im 18. Jahrhundert die preußische Bildungspolitik maßgeblich prägte, ist bei Humboldt keine Rede mehr. Für ihn ist das Universitätsstudium kein Lernen im schulischen Sinne mehr, sondern es besteht darin, "die Einheit der Wissenschaft zu begreifen und hervorzubringen". Außerdem war er der Grundüberzeugung, daß dieses absichtsfreie Beschäftigen mit der Wissenschaft, nicht aber das nach Berufsvorbereitung und Qualifikation haschende "Brotstudium", am besten auf das Leben in Öffentlichkeit und Beruf vorbereiten könnte. – Aus meiner Sicht ist die letztere Annahme Humboldts nicht ganz richtig und sollte differenzierter, "realistischer" betrachtet werden, wenn wir unsere Schlußfolgerungen für die Hochschulpolitik ziehen wollen.

Ideengeschichtlich besonders nachhaltig wirkte Humboldts Konzeption der Universität. Sie gewann nicht nur in der 1810 gegründeten Berliner Universität konkrete Gestalt und wurde auf diese Weise zum Muster der neuzeitlichen Universität im In- und Ausland, sondern sie stellt bis heute einen konstanten Bezugspunkt der Hochschulreform dar. Die Prinzipien dieser Universität waren:
1. Freiheit und Einheit von Lehre und Forschung,
2. Wissenschaft als unabgeschlossener und unabschließbarer Prozess,
3. die Philosophie als Angelpunkt und Aufgipfelung des Universitätsstudiums,
4. akademische Arbeit mit dem ethischen Anspruch, den sie hindurchgegangenen Menschen zu veredeln und auf den opferbereiten Dienst am Gemeinwohl verpflichten zu können, und
5. die grundsätzliche Gleichrangigkeit von Lehrenden und Lernenden (Professoren und Studenten).

Der Universitätsidealismus Humboldts kann uns Inspiration sein. Wichtiger allerdings scheint mir Humboldt dennoch unter dem Maßstab der Nützlichkeit zu denken. Hierfür soll uns Prof. Dr. Friedrich Theodor Althoff Vorbild sein: Der am 10. Oktober 1882 berufende Althoff zum Leiter des Universitätsreferats in der zweiten Abteilung des preußischen Kultusministeriums sah in den Universitäten Staatseinrichtungen, nicht eigenständige "Gelehrtenrepubliken". Universitäten seien kein Selbstzweck. Sie haben die Wissenschaft zu fördern und dem Staate Männer (und Frauen) zu erziehen, die ihrem späteren Beruf gewachsen sind. Die Forschungsfreiheit der Universitäten blieb unter Althoff trotzdem unangetastet, er folgte auch weitgehend ihren Berufungsvorschlägen, die er jedoch im Vorfeld zu beeinflussen suchte.

Die Zunahme der Anzahl der Studenten und die Ausweitung der Wissenschaften auf viele neue Gebiete erforderten erhebliche bauliche Investitionen an den Universitäten. Wie alles in Preußen unterlagen die Aufgaben des Staates dem Zwang der Sparsamkeit. Althoff machte deshalb aus der Not eine Tugend, indem er zur Vermeidung doppelter Ausgaben Schwerpunkte an einzelnen Universitäten setzte. Als Deutschland "Bildungsweltmeister" war, bspw. im Jahre 1908, betrugen die Ausgaben für Bildung pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland nur 5,04 Mark, während in England 7,87 Mark bzw. 5,52 Mark in Frankreich investiert wurden.
Geld allein ist offensichtlich keine Lösung. Eine weitere Idee Althoffs war die Gründung von Instituten und Seminaren, womit er vorsichtig den Schritt von der reinen Lehruniversität zur Ausbildungs- und Arbeitsuniversität vollzog. Weiterhin ist ihm auch zu verdanken, daß der Universitätscharakter der Technischen Hochschulen durchgesetzt und ihnen 1899 das Promotionsrecht erteilt wurde.

Zum hundertjährigen Bestehen der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität) verkündete Wilhelm II. die Stiftung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (KWG). In der Naturwissenschaft hatte die Überbürdung der Professoren durch Lehre und Forschung Althoff große Sorge bereitet. Aus diesem Grund schlug er die Gründung einer Bildungsakademie vor und entwarf deren Statuten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Institute der aufgelösten KWG nach und nach von der neu gegründeten Max-Planck-Gesellschaft übernommen, die sich als deren Nachfolgerin und Erbin versteht. "Nach einer einzigartigen Bildungs- und Ausbildungsgeschichte erklomm Preußen-Deutschland zum Ende des 19. Jahrhunderts den internationalen Gipfel der Wissenschaft, es wurde unumstritten das wissenschaftlich führende Land in der Welt", resümierte der deutsch-jüdische Biochemiker David Nachmansohn (1899-1983). Die Welt hat von Preußen-Deutschland wissenschaftliches Arbeiten gelernt.

Ungenügende Maßnahmen

Damit deutsche Universitäten wieder mit den internationalen Spitzenuniversitäten mithalten können, entwickelte die Bundesregierung das Konzept der "Exzellenzinitiative zur Förderung von Wissenschaft und Forschung", das 2005/06 parallel zur grundlegenden Umstellung des Hochschulwesens durch den Bologna-Prozeß eingeleitet wurde. Basierend auf einer Idee der Organisation eines deutschlandweiten Wettbewerbs unter allen deutschen Universitäten, wurden die mit der Auszeichnung "Elite-Universität" versehenden Hochschulen in die Förderlinien „Zukunftskonzepte“ (Entwicklung der Gesamtuniversität), "Exzellenzcluster" (Förderung der Forschung eines Themenkomplexes) und "Graduiertenschule" (Förderung von Doktoranden in einem breiten Wissenschaftsgebiet) gesteuert.

Während der beiden bisherigen Phasen der Exzellenzinitiative (2006-2017) fließen den deutschen Universitäten insgesamt rund 4,6 Milliarden Euro an zusätzlichen Mitteln für die universitäre Forschung zu. Auf zwölf Jahre umgerechnet ergibt dies einen durchschnittlichen Betrag von etwas weniger als 400 Millionen Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 gaben die deutschen Universitäten insgesamt 9,87 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus. Der Anteil der Exzellenzinitiative an diesen Ausgaben beläuft sich somit auf vier Prozent! Im internationalen Vergleich bleiben die deutschen "Elite-Universitäten" beim Verhältnis zwischen Budget und Studierendenzahl damit weithin nicht konkurrenzfähig:

Wie auf der Abbildung zu sehen, liegen im ausgewählten Vergleich die privaten US-Universitäten Stanford und Massachusetts Institute of Technology (MIT) vorn, gefolgt von den europäischen Spitzenuniversitäten Oxford, Cambridge, ETH Zürich und den staatlichen US-Universitäten (UC Berkeley, Michigan). Am wenigsten Geld pro Student haben in diesem Vergleich die beiden deutschen Exzellenzuniversitäten RWTH Aachen und Konstanz.
Die Universität Konstanz hat bei fast gleichen Studierendenzahlen nur rund neun Prozent des Budgets des MIT (ohne deren nationaler Forschungseinrichtung gerechnet). Würden der RWTH die gesamten Jahresausgaben der Exzellenzinitiative zusätzlich zur Verfügen stehen, gliche ihr Budget in etwa dem der University of Michigan, die auch ähnliche Studierendenzahlen aufweist, oder dem der ETH Zürich, die weniger als die Hälfte der Studierenden hat.

Offen bleibt auch die Frage, inwieweit die finanzielle Förderung und Schwerpunktsetzung nachhaltig ist. Nachhaltigkeit bedeutet, daß beim Wegfall der Finanzierungsströme aus der Exzellenzinitiative die Möglichkeit besteht, die aufgebauten Strukturen und initiierten Aktivitäten – zumindest teilweise – aus universitätseigenen Mitteln, aus speziellen Zuschüssen des Landes sowie aus anderen Drittmitteln weiter zu finanzieren, zumindest dann, wenn das Programm als erfolgreich beurteilt wird.

Angesichts der chronischen Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen erstaunt es zudem nicht, daß die Gelder aus der Exzellenzinitiative primär als dringend nötige zusätzliche Finanzmittel interpretiert worden sind. Der 1935 in Ostpreußen geborene deutsche Rechtswissenschaftler und Wissenschaftsmanager George Turner beurteilt die Exzellenzinitiative daher besonders kritisch: "Die Vermischung von Urteilen über erbrachte Leistungen und darauf aufbauenden Anträgen und Szenarien von Verwaltungshandeln führt zu unsachlichen Ergebnissen. Das wird nach dem Ende der Förderungsdauer im Jahr 2017 zu einer verfestigten Schieflage des deutschen Universitätssystems führen. Damit wird mehr Unheil angerichtet als durch die absurdesten Vorhaben in den 1970er Jahren."

Insgesamt hat die Exzellenzinitiative im Zusammenhang mit der Ausbildung von Studenten in jenen Problembereichen, welche die Entwicklung zu international sichtbaren Spitzenuniversitäten behindern, kaum etwas verbessert. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß die Exzellenzinitiative auch nirgends einen Bezug auf das Humboldt’sche Bildungsideal der Einheit von Lehre und Forschung nimmt bzw. die Beiträge exzellenter Forschung auf die Lehre (und umgekehrt) nicht explizit hervorhebt. In der Exzellenzvereinbarung II kommt der Begriff Lehre nur ein einziges Mal vor:
Als Fördervoraussetzung für Zukunftskonzepte werden "[…] innovative Konzepte für forschungsorientierte Lehre" als Bewertungskriterien angeführt. Angesichts der Tatsache, daß die europäischen Universitäten sich fast ausnahmslos in einem desolaten Zustand befinden – hohe Studienabbrecherquoten, chronische Unterfinanzierung, grotesk auseinanderlaufendes Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden, wobei in Deutschland eine lähmende bürokratische Überregulierung dazukommt –, beweisen sich die Mittel der deutschen Exzellenzinitiative als völlig ungenügend und im Kern ihrer nicht nachhaltigen Steuerung sogar als schädlich.

Humboldt-Universität 2.0

"Gegenwärtig erleben wir die Rückentwicklung der deutschen Universität in eine Lehranstalt, die sie vor der Humboldtschen Reform gewesen ist", urteilte Jürgen Hofmann, Dozent am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei.
Zweifellos sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Fehler in den Bildungsreformen begangen worden. Es ist meines Erachtens jedoch nicht sinnvoll, die zurückliegende Entwicklung komplett über den Haufen zu werfen. Dies würde mehr Schaden als Nutzen anrichten. Grundsätzlich wird das digitale Informationszeitalter mehr denn je eine akademische Ausbildung der jungen Menschen erfordern. Dafür haben wir verschiedene Modelle: die Universitäten, die Fachhochschulen und auch die nicht uninteressanten Berufsakademien. Diese sollten wir nach Nützlichkeitserwägungen optimieren und weiterentwickeln.

Leider herrscht allzu sehr die irrige Vorstellung, alle Menschen wären gleich. Und wenn doch nur alle die gleichen Bedingungen hätten, so würden sie ähnliche bis gleich gute Kompetenzen erwerben. Darin liegt mehr Hoffnung als Wirklichkeit. Die kompetentesten fünf Prozent entscheiden stärker über den innovativen Erfolg als die übrigen 95 Prozent unserer Bevölkerung. Einer aus dem obersten Prozent der intelligentesten Deutschen kann 40 Patente haben und 40 Millionen durchschnittliche Deutsche zusammen nicht eines. Selbst im obersten Prozent (99-100) distanziert das obere Viertel (99,75-100) bei Patenten, Mathe, Ingenieur- und wissenschaftlichen Leistungen das untere Viertel (99,00-99,25).
Viele Milliarden Euro zur Förderung und Hebung des Durchschnitts zu investieren mögen human sein und bringen leichte Verbesserungen, aber keine Patente. Es hilft unserer Gesellschaft auch nicht weiter, wenn theoretisch alle Bürger Wissenschaftler und Forscher werden würden. Daher sollten wir uns auf eine überschaubare Größe von geeigneten Menschen konzentrieren, die unser Land künftig (wieder) voranbringen müssen.

Die internationale Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Hochschulsektors hängt ganz entschieden davon ab, ob es uns gelingt, begabte junge Menschen als wissenschaftlichen Nachwuchs zu rekrutieren, zu qualifizieren und in das System zu integrieren. Dazu müssen wir ein effizientes und transparentes Nachwuchssystem herstellen, das den Leistungsfähigsten eine planbare Chance für eine akademische Karriere einräumt.

Das, was Humboldt unter der Universität verstand, ist eine Bildungs- und Forschungseinrichtung, die wir in diesem Sinne benötigen. Statt mit einigen Milliarden an den bestehen Universitäten herumzudoktern, schlage ich die Schaffung Humboldt’scher Bildungseinrichtungen vor, die den Berufsakademien, Fachhochschulen und auch den heutigen Universitäten neben- und übergeordnet sind: wahre "Elite-Universitäten".
In Einzelfällen mag es sinnvoll sein, die ein oder andere bestehende Universität (oder Teile von ihr) in diese Richtung zu entwickeln. Leichter, ohne strukturkonservative Elemente und ohne zu gravierende Veränderungen für die Bestandsstudenten sind bewußte Neugründungen dieser gedachten Forschungs- und Lehreinrichtungen.

Wagen wir die nächste Stufe der Schulevolution. Ziel für jene Einrichtungen muß es jedoch klar und deutlich sein:
a) wie bei ausländischen Spitzenuniversitäten eine deutlich bessere Finanzierungsgrundlage zu schaffen, sei es durch staatliche Zuwendungen, Studiengebühren, Einkünfte aus eigenem Vermögen oder sonstigen privaten Zuwendungen;
b) eine moderne, eigenverantwortliche Selbstverwaltung zu ermöglichen, die durch große Autonomie und eine klar definierte Führung geprägt ist und gleichzeitig den Freiraum der Forschenden und die optimale Entfaltungsmöglichkeit ihres kreativen Potentials fördert;
c) die Zahl der Studenten pro Professur (Betreuungsverhältnis) zu beschränken;
d) eine geringere Lehrbelastung für Professoren und damit mehr Zeit für Forschung und Betreuung von Studenten und Promovierenden zu gewährleisten, was die Qualität der Lehre durch deren starke Anbindung an die Forschung erhöht;
e) Zahl und Qualität der Studenten selbst steuern zu können – durch restriktive Aufnahmekriterien und selektiv wirkende Prüfungen, wobei nicht das bereits vorhandene Bildungspatent über die Aufnahme entscheiden darf, sondern allein die (mitgebrachte) Kompetenz des Einzelnen.

"Und ist der Gehorsam um so viel mehr nöthig, weil die Unterthanen nicht immer in dem Stande sind zu urtheilen, was zum gemeinen Besten gereichet, weil sie von der Beschaffenheit des gantzen gemeinen Wesens und seinem wahren Zustande nicht genugsame Erkäntnis haben. Sie urtheilen gemeiniglich bloß darnach, ob es ihnen vortheilhafft sey, was befohlen wird oder nicht. Allein es pflegt gar offt zu geschehen, daß dem gantzen gemeinen Wesen ersprießlich ist, was einem oder dem anderen von den Unterthanen nachtheilig befunden wird. Im gemeinen Wesen aber muß die gemeine Wohlfahrt der besonderen vorgezogen werden. Öffters verstehen auch die Unterthanen selbst nicht, was zu ihrem Besten dienet und halten für gut, was ihnen schädlich seyn würde. Und demnach dienet nicht wenig sie zum Gehorsam bereit und willig zu machen, wann man ihnen deutlich zeiget, daß zu ihrem Besten gereiche, was die Obrigkeit befiehlet: welches theils durch öffentliche Schrifften, theils auch durch den Unterricht der öffentlichen Lehrer geschehen kan."
Christian Wolff, 1679-1754, deutscher Universalgelehrter und Philosoph der Aufklärung

Leider kommt die große Mehrheit der deutschen Politiker nicht über die Kompetenz eines Untertanen hinaus – von den auf sie einwirkenden Lobbyisten ganz zu schweigen. Wichtig für die Zukunft unserer Nation wird es sein, die notwendigen Erneuerungen Deutschlands anzugehen – den Widerständen zum Trotz – und dafür die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Reform des Hochschulsektors ist nur eines der anzugehenden Projekte, aber eine ganz entscheidende!

Gordon Engler (Arminia Leipzig)

Gordon Engler (Arminia Leipzig)

Gordon Engler (Arminia Leipzig) war Sprecher der Deutschen Burschenschaft im Geschäftsjahr 2014 und studierte auf Lehramt an der TU Dresden. Engler ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und im Ehrenamt Stadtrat der sächsischen Landeshauptstadt Dresden.