175 Jahre das "Lied der Deutschen"

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07.09.2016


Text und Melodie der Nationalhymne sind im Unterschied zu den Hymnen anderer Völker getrennt voneinander entstanden. Das Lied der Deutschen ist nicht blutrünstig wie andere Hymnen – zum Beispiel die Marseillaise – und sehr friedfertig, man denke nur an die zweite Strophe. Natürlich muß man sie auch verstehen (wollen) und den Text der ersten Strophe in seine Zeit einordnen.

Im Januar 1797, anläßlich des 29. Geburtstages von Kaiser Franz II., komponierte Joseph Haydn eine Melodie zu dem Text Gott erhalte Franz, den Kaiser, wohl auf der Basis eines kroatischen Volksliedes. Nachdem Haydn die Melodie noch im selben Jahr im zweiten Satz seines Streichquartett in C-Dur (Op. 76, Nr. 3) leicht variiert wieder verwendet hatte, setzte sich der Name Kaiserquartett für die Komposition insgesamt durch. Von 1804 bis 1918 war Haydns Kaiserquartett die Melodie der österreichischen Kaiserhymne, wobei der Text der Hymne jeweils an den herrschenden Kaiser angepaßt wurde.
In Deutschland war das Lied mit dem Text Hoffmann von Fallerslebens zwar populär, im Sinne einer Nationalhymne wurde jedoch das in Preußen bereits vor 1871 übliche Lied Heil dir im Siegerkranz verwendet. Die deutsche Nationalhymne unterscheidet sich damit von allen anderen Nationalhymnen weltweit, als nur sie eindeutig und unzweifelhaft von einem weltweit anerkannten Komponisten der Klassik stammt.

Den Text verfaßte Heinrich August Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland – also vor 175 Jahren – das Stück ist Bestandteil der Unpolitischen Lieder. Das Lied der Deutschen wurde dann wenige Tage später von dem Hamburger Verleger Campe veröffentlicht, indem er diesem Text Haydns Melodie beigab. Hoffmann von Fallersleben war begeisterter Sammler und Herausgeber alt- und mittelhochdeutscher Literatur. Sein besonderes Interesse galt dem Volkslied. Seine Lieder Alle Vögel sind schon da und Kuckuck, kuckuck, ruft’s aus dem Wald sind heute noch vielen bekannt.

Das Lied der Deutschen wurde zu einem vielgesungenen und -rezitierten Lied des Vormärz. Insgesamt wurde es später 58-mal vertont, aber keine Melodie reichte an die Haydns heran.
Hoffmann von Fallersleben schrieb das Lied in einer Zeit der Aufsplitterung in Kleinstaaten und fehlender Durchsetzungskraft für demokratische Gesinnung, beseelt von dem Wunsch nach einem freien und geeinten Deutschland. Diese Gedanken sind wohl auch der Grund dafür, daß viele Dichter vor allem während und nach dem Ersten Weltkrieg, den Text des Lied der Deutschen als Grundlage für eigene Texte oder Ergänzungen genommen haben.
Die erste Strophe ist bis heute Gegenstand von Debatten, vor allem die Beschreibung der Geographie Deutschlands („von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“). August Heinrich von Fallersleben wollte damit keine geographischen Vorgaben machen, sondern seinem Wunsch nach einem einigen deutschen Vaterland, das in viele Klein- und Kleinststaaten zersplittert war und deshalb immer wieder zum Spielball der anderen europäischen Völker wurde, Ausdruck verleihen.
Vor allem die 3. Strophe, in der Hoffmann von Fallersleben die Sehnsucht seiner Zeit, die Wünsche, Hoffnungen und Forderungen der deutschen Verfassungsbewegung des 19. Jahrhunderts in den Begriffen Einigkeit, Recht und Freiheit zusammengefaßt hat, hat dabei weitere Deutungen erfahren.

Im Kaiserreich gab es zwei Lieder, die als Staatshymnen betrachtet werden konnten, Die Wacht am Rhein und Heil Dir im Siegerkranz. Das Lied der Deutschen wurde erstmals am 9. August 1890 bei einer staatlichen Feier auf Helgoland gesungen als die kaiserliche-deutsche Flagge auf Helgoland gehißt wurde. Durch den Vertrag vom 1. Juli 1890 zwischen dem Deutschen Reich und dem Vereinigten Königreich fiel Helgoland an Deutschland und Sansibar an das Vereinigte Königreich.

Am 11. August 1922, dem 3. Jahrestag der Verkündung der Weimarer Verfassung, hat Reichspräsident Ebert in einer wie er es später nannte "Kundgebung" das Hoffmann-Haydnsche Lied zur Nationalhymne erklärt, auch wenn an diesem Tag der Begriff "Nationalhymne" noch nicht verwandt wurde. Zur Begründung für seine Wahl führte Reichspräsident Ebert in dieser "Kundgebung" damals aus:

"...Einigkeit und Recht und Freiheit! Dieser Dreiklang aus dem Liedes des Dichters gab in Zeiten innerer Zersplitterung und Unterdrückung der Sehnsucht aller Deutschen Ausdruck; er soll auch jetzt unseren harten Weg zu einer besseren Zukunft begleiten. Sein Lied, gesungen gegen Zwietracht und Willkür, soll nicht Mißbrauch im Parteikampf, es soll nicht Kampfgesang derer werden, gegen die es gerichtet war; es soll auch nicht dienen als Ausdruck nationalistischer Überhebung. Aber so wie einst der Dichter, so lieben wir heute ´Deutschland über alles´. In Erfüllung seiner Sehnsucht soll unter den schwarz-rot-goldenen Fahnen der Sang von Einigkeit und Recht und Freiheit der festliche Ausdruck unserer vaterländischen Gefühle sein...."

Beim Staatsakt im Reichstag sangen die Anwesenden dann eine Strophe des Hoffmann-Haydnschen Liedes. Bereits einige Tage später, am 17. August 1922, ordnete der Reichspräsident an:
"Entsprechend meiner Kundgebung vom 11. August 1922 bestimme ich: Die Reichswehr hat das Deutschland-Lied als Nationalhymne zu führen..."
Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Begriff der Nationalhymne festgelegt. In Zeiten des Nationalsozialismus wurde das Lied der Deutschen als Vorspann zum Horst-Wessel-Lied entwertet. Am 19. Mai 1933 wurde durch Reichsgesetz angeordnet, daß nur die erste Strophe mit dem Horst-Wessel-Lied als Nationalhymne galt. Man spielte das Lied der Deutschen nach dem Krieg zu offiziellen Anlässen nicht mehr und es wurde am 14. Juli 1945 verboten.

Bei der Sitzung des parlamentarischen Rates am 23. Mai 1949 und der konstituierenden Sitzung des 1. Deutschen Bundestages am 7. September 1949 wurde deshalb die thüringische Weise Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, Dir Land mit Lieb und Leben, mein Deutsches Vaterland von Hans Ferdinand Maßmann (1797-1874) gesungen. Er war Philologe, Turner bei Friedrich Ludwig Jahn und Mitglied der Urburschenschaft. So wurde auf Wunsch des Bundespräsidenten Heuss bei offiziellen Anlässen das Volkslied Ich hab‘ mich ergeben gesungen.
Das Bedürfnis nach einer Nationalhymne war aber ungebrochen. Am 2. Mai 1952, entsprach dann Bundespräsident Heuss in einem Schriftwechsel mit Bundeskanzler Adenauer der Bitte der Bundesregierung, das Hoffmann-Haydn’sche Lied als Nationalhymne anzuerkennen. Aus diesem Briefwechsel geht hervor, daß bei staatlichen Veranstaltungen nur die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen sei. In einer mündlichen Verlautbarung des Bundespräsidialamtes wurde damals jedoch gleichzeitig versichert, daß alle drei Strophen als der Nationalhymne zugehörig zu betrachten seien. Heuss verzichtete darin aber ausdrücklich auf eine feierliche Proklamation.

Nach dem Beitritt der Länder der ehemaligen "DDR" zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland 1990 wurde die Frage diskutiert, ob das Lied der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben auch die Nationalhymne des vereinten Deutschlands bleiben sollte oder ob nicht ein anderer Text bzw. gar mit einer neuen Melodie angezeigt wäre. In diesem Zusammenhang wurde auch die sogenannte Kinderhymne von Berthold Brecht in die Diskussion eingebracht.

Hierzu hat Bundespräsident von Weizäcker am 19. August 1991 in einem Schriftwechsel mit Bundeskanzler Kohl festgestellt, daß die dritte Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben mit der Melodie von Joseph Haydn die Nationalhymne für das deutsche Volk ist. Dabei war sicherlich ausschlaggebend, dass es bei einem Staatssymbol, sei es Flagge, Wappen oder Hymne, darauf ankommt, dass sich die Mehrheit der Bürger mit diesem Symbol identifizieren kann.

Der Bundespräsident schrieb unter anderem wörtlich:

"Das Lied der Deutschen, von Hoffmann von Fallersleben vor 150 Jahren in lauteren Gedanken verfaßt, ist seither selbst der deutschen Geschichte ausgesetzt gewesen. Es wurde geachtet und gekämpft, als Zeichen der Zusammengehörigkeit und gemeinsamen Verantwortung verstanden, aber auch in nationalistischer Übersteigerung mißbraucht. Als Dokument deutscher Geschichte bildet es in allen seinen Strophen eine Einheit.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat sich die dritte Strophe ... als Hymne der Bundesrepublik Deutschland im Bewußtsein der Bevölkerung fest verankert. Gerade in der Zeit der Teilung hat sie den tiefen Wunsch der Deutschen nach Rechtsstaatlichkeit und nach Einheit und Freiheit ausgedrückt.

Die dritte Strophe ... hat sich als Symbol bewährt. Sie wird im In- und Ausland gespielt, gesungen und geachtet. Sie bringt die Werte verbindlich zum Ausdruck, den wir uns als Deutsche, als Europäer und als Teil der Völkergemeinschaft verpflichtet fühlen."

Abschließend sei noch erwähnt, daß die ausführliche Festlegung der dritten Strophe auch die Diskussion über die erste Strophe beenden sollte.
Die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland genießt auch einen Schutz vor Verunglimpfung. Dies gewährleistet § 90a Abs.1 Nr.2 StGB. Danach wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldbuße bestraft, wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften die Farben, die Flagge, das Wappen oder die Hymne der Bundesrepublik Deutschland oder einer ihrer Länder verunglimpft.
Die Handlung besteht darin, daß eines der genannten Objekte verunglimpft wird. Das ist der Fall, wenn die Hymne als Symbol des Staates empfindlich geschmäht, etwa besonders verächtlich gemacht wird, zum Beispiel durch eine verunglimpfende Textentstellung.

Dem Absingen der ersten beiden Strophen stehen auch nach der Proklamation des Lied der Deutschen zur Nationalhymne 1991 keine bundesrechtlichen Vorschriften entgegen. Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 7. März 1990 genießt aber lediglich die dritte Strophe des Deutschlandliedes den Schutz als staatliches Symbol.
Die Verwendung der Nationalhymne stellt keine Ordnungswidrigkeit im Sinne des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten dar; dies würde dem Sinn und Zweck der Hymne – als Lied der Deutschen – entgegenstehen.

Harald Berzl (Frankonia Heidelberg, Arminia Berlin)