500 Jahre Deutsches Reinheitsgebot

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04.09.2016


Oder heißt es nicht "Bayrisches Reinheitsgebot"? Denn das "älteste noch angewandte Lebensmittelgesetz", wie oft gesagt wird, stammt doch aus dem Süden der Republik, wo es am 23. April 1516 erlassen wurde.

"Ältestes noch angewandtes Lebensmittelgesetz". Noch so ein Mythos. Die Vorgaben, die im deutschen Reinheitsgebot stehen, haben schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr den Charakter eines Gesetzes. Und dennoch – in Deutschland wie international – ist kaum eine Regelung der Lebensmittelindustrie so bekannt.
Weltweit werben Firmen damit, ihr Bier nach dem "German Beer Purity Law" herzustellen, daß sie beim Brauprozeß nur Wasser, Gerstenmalz und Hopfen verwendet werden. So stand es zumindest in der ursprünglichen Fassung, die später noch um die Zutaten Weizenmalz und Hefe ergänzt wurde.
Geht es dabei wirklich nur um Bier? Um Tradition? Oder um Deutschland? Was ist die Geschichte vom Deutschen Reinheitsgebot – und vor allem die vom Brauen in Deutschland?

Der Gedanke, die Bierqualität durch den Staat zu schützen, ist alt. Schon im Babylonischen Reich gab es Gesetze, nach denen Brauer, die ihr Bier panschten, im eigenen Braukessel ertränkt wurden.
Auf deutschem Territorium sollte es dagegen noch etwas länger bis es zu ersten Erlassen und Verordnungen dauern. Vorher mußte erst einmal ein systematischer Brauprozeß entwickelt werden. Dies fand ab dem 7. Jahrhundert innerhalb von Klostermauern statt. Zu diesem Zeitpunkt war Brauen in den Gasthöfen "ein glücklicher Zufall", da unter Alltagsbedingungen eine Gärung nicht gewährleistet werden konnte.
Dazu im Gegensatz studierten die klösterlichen Braumeister den Prozeß, hinterfragten ihn, testeten neue Rezepturen und experimentierte mit Heilkräutern. Als eine der wichtigsten Zutaten wurde im 12. Jahrhundert das Heilkraut Hopfen entdeckt, das die Lagerfähigkeit und das Aroma des Bieres verbesserte. Bis dato wurde die Grut, ein Kräutergemisch das je nach Region variiert, verwendet.
In einigen Rezepten von damals tauchen Zutaten wie Anis, Beifuß, Heidekraut, Ingwer, Kümmel, Lorbeer, Mädesüß oder Orangenschale auf, um dem Bier ein fruchtig-würziges Aroma zu verleihen. Gerne wurden für die Grut auch halluzinogene Pflanzen, wie Tollkirschen oder Stechapfel hinzugefügt, welche die berauschende Wirkung verstärkten.

Die Mönche haben damals das Bier nicht ausschließlich für sich gebraut, sondern auch für umliegende Schenken. Im 12. und 13. Jahrhundert haben Städte und Adlige diese Einnahmequelle erkannt und somit den Mönchen Konkurrenz gemacht. Da zuerst in Privathäusern gebraut wurden und diese aufgrund ihrer Holzstruktur leicht in Brand gerieten, wurde schließlich Brauen für private Zwecke verboten. In den Städten wurden "Bräuhäuser" errichtet, in denen Privatleute und Brauzünfte ihre Biere herstellten. Dies natürlich im Rahmen von Gebühren für die Benutzung von Anlagen und Zutaten, sowie Steuern.
Vom 13. bis in das 16. Jahrhundert führten die norddeutschen Hansestädte bei der Bierproduktion. Vor allem Bremen belieferte das ganze Heilige Römische Reich, aber auch Nationen wie England oder Dänemark. Damit sich auch der Süden gegen diese Konkurrenz durchsetzen konnte, lag ein qualitativer Standard nahe.
Gesetze und Verordnungen gegen das Bierpantschen gab es dort natürlich schon vor 1516. Städte wie Augsburg oder Nürnberg erließen im 12. und 13. Jahrhundert Vorschriften für die Qualität aber auch den Preis von gebrautem Bier. Die Strafen blieben dabei humaner als im alten Babylon: Brauer mußten schlechtes Bier entweder selbst trinken oder zu Spottpreisen verjubeln. Üblich waren auch Geldstrafen oder der Entzug der Braulizenz. Diese Vorschriften blieben jedoch auf eine regionale Anwendung beschränkt.

Doch dann erließ am 23. April 1516 Herzog Wilhelm Alexander im bayerischen Landständetag das Reinheitsgebot für alle bayerischen Brauer. Die Qualität des nach dem Reinheitsgebot gebrauten Bieres überzeugte und durch die Anwendung im gesamten Herzogtum erlangte das Gesetz schnell Bekanntheit über dessen Grenzen hinaus. Der Stolz auf die vollendete Beherrschung der Braukunst mit nur fünf Rohstoffen prägte sich so stark aus, daß dieses Gesetz nach und nach im gesamten Heiligen Römischen Reich übernommen wurde – und ab 1871 im Kaiserreich, wo es im Biersteuergesetz verankert war.
Auch zur Zeit der Weimarer Republik galt das Reinheitsgebot. Bedanken kann man sich hierbei bei den Bayern, die nach dem 1. Weltkrieg ihre Zugehörigkeit zu Deutschland davon abhängig machten, ob das Gesetz übernommen werde. Später, in der Bundesrepublik Deutschland, fand sich das Reinheitsgebot wieder als Vorlage des Biersteuergesetzes.
Erst die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (als Vorläufer der EU) erwirkte eine Lockerung der Vorschrift, um den deutschen Biermarkt für den internationalen zu öffnen. Daraus folgte 1993 eine Neufassung des Biersteuergesetzes, auch "Vorläufiges Biergesetz" genannt, das den Einsatz weiterer Rohstoffe für den Brauprozeß erlaubt.

Heutzutage hat das Deutsche Reinheitsgebot den Status eines Gütesiegels – mit dem die meisten deutschen Brauereien gerne werben. Verständlich, denn es ist nicht nur ein internationales Aushängeschild, aus diesen fünf Zutaten läßt sich auch ein enormes Spektrum verschiedenster Biere erschaffen, vom schlanken, klaren, schön gehopften Pils bis hin zu schweren, süffigen Eisböcken, deren Gehalt Wein in den Schatten stellt.
Die Internetseite beermap24.de zählt allein auf deutschem Boden mehr als 7000 Biersorten. Und doch gilt auch bei dem Reinheitsgebot: Kein Gesetz ohne Einschränkung. Fährt man über die Grenze, zum Beispiel nach Belgien oder Frankreich, so findet man Biere die mit Himbeeren gebraut werden, mit Eßkastanien, Tomaten (in den USA) oder die technologisch vollkommen neuen Wege gehen.
Nicht jedes dieser Biere muß einem schmecken, aber sie zeigen die Möglichkeiten auf, die in Deutschland durch das jahrhundertelange Festhalten am Reinheitsgebot nie bedacht werden konnten. Dies wird aber seit ein paar Jahren durch den Craft Beer-Trend nachgeholt.

Aber unabhängig davon, welche Ideen uns entgangen sind: Dank dem Reinheitsgebot haben die Deutschen die letzten 500 Jahre unzählige Sorten qualitativ hochwertiges Bier trinken dürfen. Das ist auf jeden Fall ein Grund, daß es noch bis zum tausendjährigen Jubiläum bestehen kann.

Dirk Taphorn (Normannia-Nibelungen Bielefeld 2003/04)

Dirk Taphorn (Normannia-Nibelungen Bielefeld 2003/04)