Betreutes Denken – Digitalisierung im Zeitalter der Vermassung

Vortrag auf der Verbandstagung der Deutschen Burschenschaft in Jena am 14. November 2015

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Kategorie: Schwerpunkt


Wer mit wachen Augen seine Zeit beobachtet, ist immer wieder erstaunt, in welch geistig beschränkten Bahnen viele seiner Mitmenschen den Tag abrollen lassen. Statt einer freien Existenz als urteilsfähiger Selbstdenker führt der heutige Durchschnittszeitgenosse, ob jung oder alt, ob mit akademischem Abschluß versehen oder nicht, in der Regel eine Schwarmexistenz, der nichts wichtiger ist als im Strom der vermassten Mitmenschen zu schwimmen. Bei dieser Stromlinienkultur können eigenes Denken und die Entwicklung eigener Urteilsfähigkeit nur hinderlich sein. Der amerikanische Soziologe David Riesman beschrieb schon 1950 in seinem Klassiker Die einsame Masse, worauf es diesem außengeleiteten Massenmenschen stattdessen ankommt:

65 Jahre später und verstärkt durch die elektronische Revolution, spätestens seit der Jahrtausendwende, haben sich diese Mainstream- und Abschleifeffekte zugunsten von oben verkündeter Herrschaftsmeinungen, die von oben verkündet werden, in beängstigender Weise gesteigert. Jeder von uns kann täglich die Beobachtung machen, daß kaum noch ein Gespräch mit solcher Art von medialem Einheitsbrei angefütterten Zeitgenossen Ertrag verspricht. Statt überzeugend-fundierten, womöglich sogar originellen Ansichten begegnet man allenthalben demselben medial nacherinnerten "Talk"-Sermon, denselben Sprechblasen, den immer gleichen Plattitüden. Diese entspringen nicht dem Denken eines freien Menschen, sondern dem Bestreben eines außengesteuerten Individuums, die Erwartungen eines von ihm aktuell als Mehrheitsmeinung wahrgenommenen Neusprechs möglichst genau zu erfüllen und alles zu vermeiden, was dem Eindruck Vorschub leisten könnte, man wolle sich der Konsensdressur entziehen und den massenpsychologisch zusammengezimmerten Machtanspruch der öffentlichen Meinung in Zweifel ziehen. Dabei muß das treffende Gleichnis von Michael Klonovsky, moderne Gesellschaften glichen Schafherden, die von Journalisten umbellt würden, um die Beobachtung erweitert werden, daß viele Schafe selbst ohne solches Gebell zu ahnen scheinen, welchen Teil der Weide man besser nicht betritt. Dieses Phänomen ist ganz intelligenzunabhängig und läßt sich soziologisch auf keine bestimmte Schicht der Bevölkerung begrenzen. Ganz im Gegenteil: "In einer Zeit, die in der Angst vor dem Denken lebt" (Martin Heidegger), hat es häufig den Anschein, als ob mit Zunahme der von "Vater Staat" ausgereichten akademischen Formalbildung und der stärkeren Prägung durch ein wissenschaftliches Umfeld die Gleichschaltungstendenzen auf allen geistigen Gebieten zunehmen. Von der Anpassungssucht an die Dogmen unserer Zeit befallen ist also keineswegs nur Lieschen Müller, sondern gerade auch Dr. Lieschen Müller. In einem Lande wie Deutschland, das einst als "Volk der Denker" galt und dessen wichtigste zukunftsträchtige Ressource das geistige Leistungsvermögen seiner Bürger, die Fähigkeit zur "schöpferischen Zerstörung" (Joseph Schumpeter), ist, muß ein solcher Zerfall geistiger Selbstbestimmung besonders erschrecken; daß es in anderen Ländern ähnlich oder gar noch schlimmer aussehen mag, kann daher wenig trösten. Welche Ursachen kann man für diese immer mehr um sich greifende Enteignung des Denkens benennen und welches sind deren konkrete Erscheinungsformen, insbesondere unter Berücksichtigung der fortschreitenden Digitalisierung unseres Lebens?

Seit der Entfremdung des Menschen von der Natur und der mit der wachsenden Industrialisierung verbundenen Verstädterung gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine Entwicklung ein, die heute noch als nicht abgeschlossen erscheint: die Heraufkunft des Massenmenschen und dessen Eigenart, nach und nach krakenartig alle Kulturgüter, alle seelischen Bestände und jegliche Art geistiger Wahrnehmungstechnik in den Bannkreis seiner nivellierenden Denkschablonen zu ziehen. Nichts scheint dem Individuum im Zeitalter der Masse wichtiger, als dem zu entsprechen, was die anderen zu denken und zu fühlen scheinen. Wie Baumwipfel im Sturm werden die Ansichten und das soziale Prestige, das mit dem Äußern solcher Ansichten verbunden ist, von Mächten hin und her gewogen, denen der atomisierte Einzelmensch zu folgen gut beraten ist, will er nicht in der Isolation enden. Je gleichförmiger die Individuen diesem massenpsychologisch äußerst effizienten Windkanal und der stimulierenden Wirkung ständig wechselnder Leidenschaften ausgesetzt werden, desto stärker wächst die Vergötterung der Zahl und der Glaube daran, die Wahrheit und das Wissen um den rechten Weg sei stets bei den vielen. Die Ermittlung dessen, was viele und was nur wenige zu denken scheinen, überläßt man der Demoskopie (von griech.: demos = Volk + skopos = Aufseher), einer der wichtigsten Herrschaftstechniken der Moderne. Wie die Spartaner im antiken Griechenland das Orakel von Delphi befragten und dessen Weissagungen für bare Münze nahmen, so blickt der moderne Massenmensch auf die vermeintlich aussagefähigen und vertrauenswürdigen Ergebnisse demoskopischer Umfragen. Dieses Abhängigkeitsverhältnis, in das sich der einzelne – unter Aufgabe eigener geistiger Selbstbestimmung – durch seinen blinden Glauben an die Mehrheit begeben hat, macht deutlich, warum der Kampf um die öffentliche Meinung auch heute noch das Herzstück politischer Auseinandersetzungen darstellt.
Der französische Schriftsteller Alexis de Tocqueville schrieb nach der Rückkehr von einer Reise durch Amerika schon im Jahre 1835:

"In Amerika zieht die Mehrheit einen drohenden Kreis um das Denken. Innerhalb dieser Grenzen ist der Schriftsteller frei; aber wehe, wenn er sie zu überschreiten wagt! […] Unter der absoluten Herrschaft eines Einzelnen schlug der Despotismus, um den Geist zu treffen, den Körper: eine grobe Methode; denn der Geist erhob sich unter den Schlägen und triumphierte über den Despotismus; in den demokratischen Republiken geht die Tyrannei anders zu Werk; sie kümmert sich nicht um den Körper und geht unmittelbar auf den Geist los. Der Machthaber sagt hier nicht mehr: ‘Du denkst wie ich, oder du stirbst‘; er sagt: ‘Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben, Vermögen und alles bleibt dir erhalten; aber von dem Tage an bist du ein Fremder unter uns. Du wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird dir nicht mehr nützen; denn wenn du von deinen Mitbürgern gewählt werden willst, werden sie dir ihre Stimme verweigern, ja, wenn du nur ihre Achtung begehrst, werden sie so tun, als versagten sie sie dir. Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst wer an deine Unschuld glaubt, wird dich verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod."

Auch der Gleichheitskult und die Rolle der öffentlichen Meinung, in deren Bann der Massenmensch der Moderne heute ist, ist von Tocqueville schon vor 180 Jahren präzise beschrieben worden:
"Je gleicher und ähnlicher die Bürger einander werden, desto geringer wird die Neigung eines jeden, blind einem bestimmten Menschen oder einer bestimmten Klasse zu glauben. Die Neigung, der Masse zu glauben, wächst, und am Ende ist es die öffentliche Meinung, die die Menschen führt. […] In den Zeiten der Gleichheit schenken sich die Menschen wegen Ihrer Gleichheit gegenseitig kein Vertrauen, aber dieselbe Gleichheit flößt ihnen ein fast unbegrenztes Vertrauen in das Urteil der Öffentlichkeit ein. Es erscheint ihnen nämlich nicht wahrscheinlich, daß die Wahrheit sich nicht auf seiten der größten Zahl befinde, da sie alle gleich aufgeklärt sind. Die Öffentlichkeit besitzt infolgedessen bei demokratischen Völkern eine eigentümliche Macht, von der die aristokratischen Nationen sich nicht einmal eine Vorstellung machen konnten. Sie versucht nicht durch ihre Anschauung zu überzeugen, sie drängt sie auf und treibt sie – mit einem ungeheuren Druck der Massenseele auf den Einzelgeist – in die Gemüter ein. In den Vereinigten Staaten nimmt es die Mehrheit auf sich, den Individuen eine Menge Meinungen zu liefern, und enthebt sie so der Verpflichtung, sich eigene zu bilden. Nichts ist nämlich dem Menschen geläufiger, als dem, der ihn unterdrückt, eine größere Weisheit zuzuerkennen."

In der Nachfolge Tocquevilles haben kluge Autoren den Prozeß dieser geistigen Fremdbestimmung im 20. Jahrhundert bis in die feinsten Verästelungen beschrieben. Gustave Le Bon beobachtete in seinem Werk Psychologie der Massen (1895) als die Hauptmerkmale des einzelnen in der Masse:
"Schwinden der bewußten Persönlichkeit, Vorherrschaft des unbewußten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in der gleichen Richtung, Neigung zur unverzüglichen Verwirklichung der eingeflößten Ideen. Der Einzelne ist nicht mehr er selbst, er ist ein Automat geworden, dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat." Eines der wesentlichen Charakteristika des Massenmenschen sei seine Leichtgläubigkeit und sein völliger Mangel an kritischem Geist. Seine Handlungen stünden "viel öfter unter dem Einfluß des Rückenmarks als unter dem des Gehirns".

In seinem Buch, von dem – nicht zufällig – Adolf Hitler fasziniert war und das als Blaupause nationalsozialistischer Massenbeherrschung gelesen werden kann, spricht Le Bon von den "Kollektivhalluzinationen" einer Masse, die in Bildern denke und dadurch zu einem "Spielball aller äußeren Reize" werde. José Ortega y Gasset prangerte in seinem Aufstand der Massen (1929) die Herrschaft der "gewöhnlichen Seele" an, die "sich über ihre Gewöhnlichkeit klar ist, aber die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten und es überall durchzusetzen." Der Massenmensch, der selbständig nicht denken könne und noch nicht einmal wisse, was selbständiges Denken sei, sei der "Triumphator des Jahrhunderts", dessen Erfolge freilich erst durch die Fahnenflucht der Eliten erklärbar würden. Hendrik de Man definierte in Vermassung und Kulturverfall (1951) die Masse als "Quantität ohne Qualität. Sie ist im Hegelschen Sinne nicht Subjekt, sondern Objekt: Auch wenn sie glaubt zu schieben, wird sie noch geschoben." Die Massen seien "technologisch aus der Mechanisierung, ökonomisch aus der Standardisierung, soziologisch aus der Anhäufung und politisch aus der Demokratie" entstanden. Nicht umsonst werde der "Infantilismus der Massenseele" von laufend wechselnden Moden bedient. Arnold Gehlen schließlich hat in seinem Werk Die Seele im technischen Zeitalter (1957) die Vermessenheit jener "Fachmenschen ohne Geist" und "Genußmenschen ohne Herz" (Max Weber), wie sie auch im 21. Jahrhundert auf Schritt und Tritt zu beobachten ist, präzise beschrieben: "eine von der Industrie umgeschaffene, durchtechnisierte Außenwelt, in der sich Millionen von ichbetonten, selbstbewussten und auf Anreicherung ihres Erlebens bedachten Menschen bewegen und für die das folgenlose, verpflichtungslose Lebendigwerden an irgendwelchen ganz beliebigen Reizen und Eindrücken kein Problem enthält, nichts fragwürdiges ist; Modus der Selbstverständlichkeit."

Beobachtet man den heutigen durchdigitalisierten Zeitgenossen, wird man feststellen müssen, daß sich jener ort- und ziellose Erlebnishunger ebenso noch gesteigert hat wie die bisweilen schier unglaubliche Ichverpanzerung solcher Individuen. Mitunter hat es den Eindruck, als ob in dieser Spaßgesellschaft nichts hinderlicher sein könnte als selbständiges Denken. Die Dauerbespaßten, die das Verschwinden der Ruhe aus ihrem Leben nicht beklagen, sondern aus Furcht vor Langeweile begrüßen, werden so stark von den Einsen und den Nullen und dem von ihnen ausgelösten Schnellfeuer-Aufmerksamkeitswechsel angezogen und gefesselt, daß die Frage, inwieweit der Nutzer das Gesehene überhaupt noch geistig zu reflektieren in der Lage sei, beinahe schon drollig-antiquiert erscheint. Die Geistverlassenheit, die Gedankenflüchtigkeit, der Verlust von Muße und Urteilskraft – das ist die Signatur eines Zeitalters, das noch wie keines zuvor unduldsam ist gegen den, der es wagen sollte, dem unschöpferischen mainstream beim "Absondern seiner Fertigteil-Sprache" (Botho Strauß) Widerpart zu bieten. Konnte man es früher als Kompliment auffassen, als "Zeitablehnungsgenie" (Heine über Goethe) bezeichnet zu werden, so muß man sich heute zweimal überlegen, ob es tunlich ist, sich mit der "Beliebigkeitsbarbarei" (Frank Lisson) anzulegen und dieser zu offenbaren, daß man zu all ihren Anmaßungen stichhaltige obiter dicta bereit hält, die das Kartenhaus der Vergnügungsregenten schnell zum Einsturz bringen könnten. Durch die Fortschritte der modernen Computer- und Kommunikationstechnik, die weltweite Vernetzung und die explosionsartige Verbreitung der omnipräsenten Ohr-, Augen- und Fingerfesseln (Handy, Laptop, Notebook, I-Phone, I-Pad, I-Pod und sonstige ichzentrierende Zeitvernichtungsinstrumente) ist dieser Prozeß der Auflösung eigenständigen Denkens in den vergangenen 15 Jahren in erstaunlicher Weise forciert worden. Das gilt gerade für die "Generation Google", also die Alterskohorten der seit Anfang der 1990er Jahre sozialisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit dem elektronischen Schnuller aufgewachsen ist. In diesem Umfeld hat "googeln", "twittern", "eMail-checken" oder Warten auf "neue Nachrichten" fast so einen Kultstatus wie der Klampfenklang der Wandervogelgeneration 100 Jahre zuvor. Durch diese nicht selten suchtartige Abhängigkeit von der elektronischen Apparatur droht eine Situation, bei der es zur Enteignung des Denkens schon gar nicht mehr kommen kann, weil zuvor eine Aneignung dessen, was denken heißt, nie stattgefunden hat. Denken ist nämlich gerade nicht Konsumieren von Informationen, das passiv-rezeptive Reagieren auf das, was eine Maschine vorgibt. Denken besteht nicht in einem elektronischen Zusammensuchen dessen, was Algorithmenzufälle auf den Bildschirm zaubern. Und mit Denken hat es auch nichts zu tun, sich durch Klicken auf Hyperlinks, auf "Gefällt-mir"-Knöpfe, durch Internetsurfen oder anderweitiges Herumgezappe die Konzentration (zer)stören zu lassen. Dabei sind es gerade die von der wachsenden Rechnerpotenz befeuerte Geschwindigkeit der elektronischen Abläufe und die von ihr ausgelöste, nachgerade orgiastische Informationsflut, die einem wirklichen Verstehen, einem echten Aneignen geistiger Inhalte entgegensteht. Denn das Geheimnis des Denkens und des geistig Schöpferischen ist die Versenkung in die Materie, ist die ungeteilte Hingabe an einen Stoff. Und eine solche konzentrative Kraft wächst nur dem zu, der sich ein sinnliches Verhältnis zur Stille bewahrt hat. Das Netz ist demgegenüber in erster Linie ein grundbeschleunigtes Medium für rasantes Vergessen: Statt im entschleunigten Studierzimmer mit Papier und Bleistift zu lesen oder sich bei einem Waldspaziergang geistig zu beleben, ist der moderne homo electronicus gefangen von dem sekündlichen Wechsel von Bildern und Buchstaben, die aber nicht haften bleiben können, weil ein Raster fehlt, in das diese Informationen eingeordnet werden könnten. Damit verbunden ist ein regelrechter Fetisch der Oberflächlichkeit, der diejenigen, die von ihm gefangen sind, aber nicht daran hindert, sich den Verstehensillusionen unserer Zeit hinzugeben. Dieser fortschreitende Prozeß geistiger Fremdbestimmung kennzeichnet das "Ausschließungsverhältnis von Informiertheit und Weisheit" (Reinhard Falter), das zum Schicksal der "Info-Dementen" (Botho Strauß) zu werden droht. Stefan George hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Blick auf die USA von einer "Verameisung der Erde" gewarnt, und manches spricht dafür, daß dieser Siegeszug des amerikanisierten Einheitsmenschen in dem Bescheidwisserathleten neuerer digitaler Prägung seine würdige Fortsetzung erhält. Dieser herandräuende, powerpointberieselte und photopostende Multitaskingtyp, dessen Ahnungslosigkeit nur noch von seiner Blauäugigkeit überboten wird, kann sich häufig noch nicht einmal vorstellen, wieviel Fleiß und Zeit man benötigt, um sich jenes faktengesättigte Wissen anzueignen, auf dessen Grundlage man überhaupt erst imstande ist, sich eine eigene, von dem Illusionstheater der Medien freie Meinung zu verschaffen. Noch weniger hat der mit Computermainstreamflüssigbrei aufgezogene Zeitgenosse eine Ahnung davon, wieviel Mut und Opfer man einzusetzen bereit sein muß, um eine solche originäre Meinung gegen eine elektronisch im wahrsten Sinne des Wortes "angesagte" communis opinio zu vertreten, die dergleichen nicht nur nicht hören mag, sondern deren Wächter alles dafür tun, eine solche unabhängige Meinung zum Verstummen zu bringen. Wer sich gegenüber den Segnungen der Computer- und Kommunikationsindustrie kritisch äußert und die wikiverflüssigte "Weisheit der Vielen" (kennzeichnenderweise ein Begriff aus der modernen Bienenforschung – "collective wisdom") für eine contradictio in adiecto hält, muß sich vorsehen. Nur allzu leicht kommt man in den Geruch des Maschinenstürmers, der nicht begreifen will, daß sich – wie es schicksalsergeben-schön heißt – der Fortschritt nicht aufhalten läßt. Gegenwind erfährt diese blinde Technikgläubigkeit aber gerade von den neuesten neurologischen Forschungen, die deutlich gemacht haben, wo die digital natives am Ende landen werden, wenn die Kapitulation des Geistes vor der schönen neuen Elektronikwelt vollendet werden sollte. Der Hirnforscher Manfred Spitzer spricht in diesem Zusammenhang von einer "digitalen Demenz" und hält Computer "zum Lernen für genauso dringend nötig wie ein Fahrrad zum Schwimmen oder ein Röntgengerät, um Schuhe auszuprobieren." Der Autor warnt vor den Verwüstungen, die die elektronische Unterforderung der originären geistigen Anlagen eines Jugendlichen verursacht (Nichtherausbilden von Synapsen). Wer wie der heutige digitale Ureinwohner an seinem 21. Geburtstag durchschnittlich 250.000 E-Mails oder SMS gesendet bzw. empfangen und 10.000 Stunden mit seinem Handy verbracht habe und 3.500 Stunden in "sozialen" Netzwerken wie zum Beispiel Facebook "unterwegs" gewesen sei, leide nicht nur häufiger unter Schlafstörungen und beschädige seine Traumwelten, er zerstöre vielfach seine Lese- und Konzentrationsfähigkeit und intellektuelle Ausdauer. Aber auch von geisteswissenschaftlicher Seite gerät die – bei einer wachsenden Zahl struktureller Analphabeten von derzeit 7,5 Millionen in Deutschland – von der Computerindustrie massiv betriebene Digitalisierung aller Lebensbereiche unter Druck: So kennzeichnet der Heidelberger Editions-Wissenschaftler Roland Reuß die Physiognomie unserer elektronisch-digitalen Gegenwart als eine "Verklumpung von Digitaltechnologie, Bürokratie, Kontrollbedürfnis und subjektiver Totalverblendung". Hinter der Eliminierung des Buches und der Liquidierung konzernunabhängiger Verlage erkennt Reuß den "– im genauen Sinn des Wortes – geistesgestörte(n) Ausgriff von Technik-Unternehmen und staatlicher Dienstleistungsbürokratie auf die kulturelle Produktion der Zeit." Den Menschentypus, den die elektronische Allvernetzung hervorgebracht hat, beschreibt die ZEIT-Journalistin Susanne Gaschke als "pancake people, Pfannkuchen-Persönlichkeiten, weit und flach ausgestrichen über ein riesiges Informations- und Kommunikationsnetzwerk, das von niemandem Tiefe verlangt. Ebenso wenig wie das Fernsehen kann dieses weltumspannende Computernetzwerk seinem Wesen nach gesteigertes Interesse daran haben, uns das komplexe innere Selbst früherer Zeiten zu erhalten: pancake people sind die idealen Eingeborenen des Netzes, leicht weiterzuleiten, abzulenken für dies und das, zum Dosieren und für ‚Freundschaften‘ mit Leuten zu begeistern, die sie nicht kennen und nicht kennen lernen werden."

Trotz dieser kritischen Stimmen spricht manches dafür, daß die elektronische Karawane weiterzieht und die Digitalisierung sich ins Unvorstellbare steigern könnte. Das dürfte nicht nur zu einem (weiter) wachsenden Konformitätsdruck und zu einer Ausweitung der heute schon mehr als ausreichend dimensionierten intellektuellen Flachwasserzone führen. Zu erwarten ist auch, daß die Privatheit, nach Ansicht des Facebook-Geschäftemachers Mark Zuckerberg "eine obsolet gewordene soziale Norm", und die Diskretion durch den herrschenden Transparenzwahn weiter zerstört werden. Die medial inszenierte Intimität und ein unendlich narzißtisches Geschwätz werden dagegen von den geschilderten Entwicklungen ebenso befördert werden wie die sonstigen psychischen Stripteaseveranstaltungen in irgendwelchen TV-Shows oder Internetforen. Nicht vergessen werden darf schließlich der Machtanspruch des Denunzianten, dessen Erfolgsrezept, die Beschädigung und Zerstörung von Existenzen durch Verbreitung von unbewiesenen Gerüchten und Halbwahrheiten, noch nie so zielführend umgesetzt werden konnte, wie durch aus dem Anonymen heraus geführte Internet- und elektronische Rundbrief-"Aktionen". Daß all dies der Fähigkeit zu selbständigem Denken und dem Mut zu darauf aufbauendem ungehindertem Äußern einer wahrhaft freien, eigenen Meinung, beides essentielle geistige Vorgänge in einer echten Demokratie, zuträglich ist, steht nicht zu erwarten. Eine Republik benötigt aber wie das Salz zum Leben die Erörterung der öffentlichen Sache, der res publica. Wird diese res publica "durch die Annahme verdrängt, gesellschaftlicher Sinn erwachse aus dem Gefühlsleben der Individuen" (Richard Sennett), existiert keine Republik mehr, sondern ein granatapfelähnliches Konglomerat von Millionen von Einzelindividuen, die nebeneinander herleben, die vielleicht noch gewisse konsumkontaminierte Lebensstile verbindet ("Generation Golf", "Generation Harry Potter", usw.), die aber gerade nicht in der Lage sind, mit einer Stimme für die jeweilige Entität (Familie, Dorf, Volk, Staat) zu sprechen. In einer solcherart atomisierten, einen Gemeinschaftswillen zu artikulieren unfähigen Masse und mit dem damit einhergehenden "Fall of the Public Man" (Richard Sennett) wird die Manipulation einem neuen ungeahnten Frühling entgegensehen, von dem die Propaganda-Nachtgestalten des 20. Jahrhunderts nur träumen konnten. Die Folgen, die die beschriebenen soziologisch-elektronischen Entwicklungen auf die Wirklichkeit der Meinungs- und Gedankenfreiheit in Deutschland haben, müssen als fatal bezeichnet werden:
Jeder schaut sich bei seinen Worten um, ob er auch nichts Falsches sagt. Wenn er sich nicht sicher ist, daß die anderen seine Ansichten teilen, schweigt er. Die Qualität einer Meinungsäußerung wird vom Ottonormalzuhörer nicht nach ihrem Inhalt beurteilt, sondern danach, wer diese Meinung äußert und woher er kommt. Bei eigenen Äußerungen steht die Angst, sich zu isolieren, gleichberechtigt neben der Angst, Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Beide Ängste mögen psychologisch verständlich sein, sie korrumpieren aber das Denken und fördern einen lemmingartigen, unendlich langweiligen Diskurs, bei dem, das belegen die Talkshows Abend für Abend, außer der Befriedigung von Eitelkeiten kaum etwas herauskommt. Für den heutigen Deutschen, der viel von Zivilcourage redet, aber keine hat und in der Regel noch nicht einmal weiß, was Zivilcourage ist, ist nichts wichtiger als zu wissen, was "die anderen"‚ "die Öffentlichkeit" von ihm erwartet.

Diese Öffentlichkeit, auf die es ankommt, wird – daran haben die Abertausende von Internet-Blogs nichts geändert – bestimmt von maximal 200 bis 300 Personen, die in den maßgebenden Medien den Ton angeben und darüber befinden, wer zu Worte kommt und wer nicht, was wie "gebracht" wird und was in der "Schweigespirale" zu bleiben hat. Nicht zuletzt die politische Klasse, der man ansonsten Scharfsinn bei der Bewältigung der uns überrollenden Problemlawine nicht unbedingt attestieren kann, weiß, wenn es um die Analyse der realexistierenden Machtverhältnisse in der veröffentlichen Meinung der BRD geht, sehr genau, wo der Hammer hängt.

An Schulen, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen, etc. wird zwar viel geredet, aber jeder, der redet, weiß, worüber er besser nicht redet. Offen redet man vielleicht noch einmal mit einem Taxifahrer oder einer Urlaubsbekanntschaft in Andalusien, weil man von diesen Zeitgenossen ziemlich sicher weiß, daß man sie in der Regel nie wieder im Leben sieht, also negative Rückkopplungen der geäußerten Meinung auf den eigenen sozialen Status ausgeschlossen sind. In der "DDR" wurde dieses bigotte Auseinanderklaffen von öffentlicher und privater Rede, das für den politischen Willensbildungsprozess in einer Demokratie tödlich ist, wenigstens noch mit dem politischen Witz bespöttelt: Frage: "Was ist das Nationalgericht der DDR?" Antwort: "Gedämpfte Zunge!" In der heutigen Bundesrepublik sucht man nach Merkel- oder Claudia-Roth-Witzen vergeblich, obwohl doch jeder dieser bambini americani mindestens so lächerlich ist wie Erich Honecker und Egon Krenz zusammen. Der DDR-Bürger wußte oder ahnte zumindest, daß er unfrei ist. Der BRD-Bürger – und das macht die Sache nicht einfacher – glaubt, daß er frei sei, und zwar deswegen, weil er die sanften Fesseln der westlichen "Freiheit" nicht (mehr) spürt. Die Unfreiheit läßt sich, so bemerkte Ernst Jünger einmal, bedeutend steigern, versteht man es, ihr den Schein der Freiheit zu geben. Obwohl es derzeit – trotz der zunehmenden Verschärfung der strafrechtlichen Werkzeuge – in Deutschland keinen Gulag und auch kein Bautzen gibt, war es nach meiner Überzeugung noch nie so schwer, ein geistig freier Mensch zu werden und zu bleiben wie heute:

Peter Sloterdijk, der es als talkshowgestählter Staatsphilosoph der BRD wissen muß, hat den obwaltenden deutschen Demokratiezuständen eine ebenso düsteres Zeugnis ausgestellt:
"Was den von außen kommenden Beobachtern unserer Verhältnisse am stärksten ins Auge springen würde, obschon es für uns durch seine Alltäglichkeit fast unsichtbar geworden ist: wir haben uns unter dem Deckmantel der Redefreiheit und der ungehinderten Meinungsäußerung in einem System der Unterwürfigkeit‚ besser gesagt: der organisierten sprachlichen und gedanklichen Feigheit eingerichtet, das praktisch das ganze soziale Feld von oben bis unten paralysiert."

Dieses Land lebt also, was Geistes- und Meinungsfreiheit betrifft, in Parallelwelten, einem äußeren (An-)Schein und einer realen Lage:
"Auf dem Papier ist Deutschland zweifellos ein offenes Land. Denn hier hat es eine Verfassung, welche die Würde und Freiheit des einzelnen an die Spitze stellt, Glaubens- und Meinungsfreiheit gewährleistet, die Zensur für abgeschafft erklärt usw. Eine freie Gesellschaft setzt indessen mehr voraus, als das Papierformat der Freiheit. Wo es an der freiheitlichen Gesinnung fehlt, bleibt die liberalste Verfassung ohne Leben. Wie man sich leicht überzeugen kann, haben in dieser Hinsicht tiefgreifende Veränderungen stattgefunden. Die auffälligste besteht darin, daß der selbständige Bürger, dem der demokratische Rechtsstaat auf den Leib geschnitten war, keine gesellschaftlich tragende Schicht mehr repräsentiert. An seiner Stelle ist der Verbraucher getreten, der nicht mehr an Freiheit, sondern an Sicherheit und Versorgung interessiert ist. Bereits damit ist die überkommene Grundlage der freiheitlichen Gesellschaft gefährdet. Das äußert sich in vielem: Politische Institutionen werden schrittweise ins Gegenteil verkehrt, ohne daß man daran Anstoß nimmt. Das Volk nimmt es ungerührt hin, daß man es zur Bevölkerung umdefiniert hat, um es im nächsten Schritt ganz abzuschaffen. Vielleicht wäre das sogar folgerichtig. Denn der Gedanke der Nation hat sich zu nichts verflüchtigt; die Familie als Kern einer gemeinsamen Ordnung hat fragilen Konsensualbeziehungen Platz gemacht; zur überkommenen Kultur hat man keine Beziehung mehr; an die Stelle der Religion ist ein materialistischer Hedonismus getreten, dessen höchster Wert nicht die Würde der anderen, sondern das eigene Ego ist. Das alles hat wenig gemein mit dem geistigen Boden, aus dem die freiheitliche Ordnung erwachsen ist. Es dürfte daher schwer fallen, sie auf dieser Basis zu erhalten. Längst sind Angehörige fremder Kulturen, denen der Gedanke des demokratischen Rechtsstaates von Haus aus fremd ist und die sich hier vor allem nach ihren eigenen Vorstellungen einzurichten gedenken, in das entstandene Vakuum hineingestoßen. Um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Aussichten sich dadurch eröffnen, reicht ein Blick auf deren Herkunftsstaaten. Über solche Dinge offen zu reden, ist freilich in Deutschland verpönt. Denn obgleich die freie Rede zum Lebenselement der Demokratie gehört, muß man hierzulande über die wichtigsten Fragen einer freiheitlichen Ordnung strenges Stillschweigen bewahren. Über das frühere Land der Dichter und Denker hat sich eine geistige Lähmung gelegt, die jeden unbefangenen Gedanken im Ansatz erstickt. Spätere Generationen werden es einmal nicht fassen können. Aber was die öffentliche Diskussion beherrscht, ist nicht etwa die Lage der Gesellschaft von heute oder deren Aussichten für morgen, sondern der unentwegte Kampf gegen einen imaginären Feind, der angeblich unmittelbar vor der Machtergreifung steht. Insofern freilich werden ständig neue Bataillone an fiktive Fronten geschickt, und wer sich nicht auf die eine oder andere Weise an diesem Treiben beteiligt, macht sich bereits dadurch verdächtig. Kurz: Hinter der Fassade einer freiheitlichen Rechtsordnung ist eine unfreiheitliche Realordnung entstanden. Diese legt fest, wann und zu welchem Zweck von der rechtlichen Freiheit Gebrauch gemacht werden darf. Die Herrschaft über diese gedankenpolizeilichen Metaregeln liegt in den Händen derer, die sich auf die Kunst verstehen, an allen Rechtsnormen vorbei unkontrolliert politische Macht auszuüben." (Johann Braun)

Wer diese gedankenpolizeilichen Metaregeln ignoriert, wer die "politisch-korrekten Schleimspuren" (Thorsten Hinz) verläßt, dem widerfährt nicht nur soziale Ächtung, der bekommt es auch schnell mit dem Staatsanwalt zu tun. Das gilt insbesondere für kritische Ansichten hinsichtlich der Reizthemen‚ die von den Tabuhütern in Bundesrepublicanien im medialen Giftschrank verwahrt werden:

  • der unbefangenen Befassung mit der deutschen Geschichte vor 1945 und den in diesem Zusammenhang seitens der veröffentlichten Meinung erhobenen geschichtspolitischen Anmaßungen (sog. "Vergangenheitsbewältigung"),
  • der  nüchternen Beschäftigung mit der demographischen Katastrophe der Deutschen ("Es ist nicht 5 vor l2, es ist 30 Jahre nach 12"),
  • der emotionsfreien Behandlung des Themas Immigration, multikulturelle Gesellschaft und Kriminalität gegen Inländer,
  • der kritischen Befassung mit der massenhaften vorgeburtlichen Kindstötung (sog. "Abtreibung") und
  • der Infragestellung der quasi-diktatorisch vorgegebenen Emanzipations- und Gendermainstream-Politik.

Wer sich zu diesen oder anderen PC-kontaminierten Themen eine eigene Meinung leistet und das Wohlfühl-Studio "Betreutes Denken" verläßt, wird feststellen, daß selbständiges Denken hierzulande schnell gefährlich werden kann.

Fazit

Im Lichte der zu erwartenden technischen, aber auch soziologischen Entwicklung sind die Tendenzen in der Richtung eines weiter wachsenden Konformitätsdrucks unübersehbar. Sich hiergegen als Einzelner zur Wehr zu setzen, ist zwar so schwer wie nie zuvor, es ist aber – das sollte nicht in Vergessenheit geraten – für einen charakterfesten intelligenten Menschen unverändert möglich. Dem Machtanspruch der Moderne kann sich freilich nur derjenige entziehen, der ab origine frei und unabhängig denkt, sich gegenüber den ideologischen Anmaßungen seiner Zeit sein Selbstbewußtsein‚ seine Skepsis und seine Widerstandsfähigkeit bewahrt und dann nach diesen Prinzipien ebenso vorsichtig wie unnachgiebig handelt. Das ist in einer Massengesellschaft ein steiniger und anstrengender Weg; es ist aber der einzige Weg, der uns nach Kant zur Verfügung steht. Alle anderen Wege führen in die selbstverschuldete Unmündigkeit des Bürgers und in politische Systeme, die eben diese Unmündigkeit voraussetzen. Das gilt gerade in einem Lande wie Deutschland, in dem nach einer luziden Bemerkung von Armin Mohler "Geist und Macht […] seit langem getrennte Wege gehen".

Der freie und steinige Weg ist im übrigen der spannendere Weg, weil man mit wachem Auge die anderen beim Stolpern auf ihren Holzwegen und Mainstream-Trampelpfaden beobachten kann.

wußte schon Sören Kierkegaard‚ und wer außer uns selbst kann uns daran hindern, auch in dürftigen Zeiten ein stolzes Leben zu führen und frei zu denken?

Man benötigt zu viel Wissen, zu viel Argwohn, zu viel geistigen Mut usw., um nicht dumm, gemein, sich-selbst-belügend usw. zu werden; man muß ununterbrochen auf dem Quivive sein. Bei Stalin und ähnlichen Beglückern wußte man eher, woran man war, was Lüge war und was nicht; man durchschaute die verordnete Lüge schneller als die ‚naturwüchsige’ der westlichen ‚Konsumgesellschaften’ mit ihrem ganz neuen Totalitarismus, für den wir noch keine befriedigende Analyse haben."
(Günter Maschke)

Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, kann schnell zur Witwe werden",