Unsere Einheit in Europa

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Eine der wesentlichsten Forderungen am Wartburgfest 1817 war die nach Einheit des deutschen Volkes, aber auch nach Einheit der Studentenschaft. Um diese umwälzende Forderung zu verstehen, muß man sich die Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Erinnerung rufen und sie mit der heutigen Situation in Europa vergleichen.

Infolge der Zerschlagung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch Napoleon und dessen Fremdbesatzung aller deutschen Länder bestand eine tiefe Niedergeschlagenheit. Diese wurde erst durch die daraus resultierenden Reformen und den nachfolgenden Patriotismus umgedreht. Vorwiegend der nationale Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, der Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt und der Redner der Nation Johann Gottlieb Fichte bewirkten allgemein und besonders bei den Studenten eine gesamtdeutsche Hochstimmung und Freiheits-Erwartungshaltung. Die Erfahrungen bei den Befreiungskriegen verstärkten dies, besonders durch die gemeinsamen Erlebnisse im Lützow’schen Freikorps, der ersten Nicht-Söldner-Truppe, die Freiwillige aus dem gesamten deutschen Sprachraum vereint hatte.

Die hohen Erwartungen wurden jedoch durch den Wiener Kongreß bitter enttäuscht. Wurde doch wiederum die Zersplitterung in zahllose Fürstentümer statt eines einheitlichen Vaterlandes installiert. Auch eine versprochene Verfassung war – mit Ausnahme von Sachsen-Weimar – in weite Ferne gerückt. Daß die Burschenschaft an einer Einheit des deutschen Volkes und an einer Verfassung festhielt, war in den Augen der Herrschenden etwas durchaus Revolutionäres.

Der erste Zusammenschluß von Studenten (also "Burschen") auf der Wartburg 1817 war etwas völlig Neuartiges! Versammlungen waren bis dahin nur von den Herrschenden einberufbar. Das Wartburgfest war die erste freiwillige nationale politische Versammlung freier Bürger. Das dort Besprochene hatte weitreichende und bedeutsame Folgen für die politische und verfassungsmäßige Geschichte im gesamten deutschen Sprachraum – und darüber hinaus. Das von den Delegierten der meisten Hochschulen – meist Burschenschafter – besuchte, völlig friedlich verlaufende Wartburgfest war mit seiner Einbeziehung der Bevölkerung eine Manifestation des Einheits- und Freiheitwillens der jungen, erst 1815 gegründeten Burschenschaft.

Es war die nationale deutsche Jugend, die mit dem Festzug unter Teilnahme des Volkes auf die Wartburg, dem dortigen patriotischen Gottesdienst, dem Volksfest in Eisenach, der allgemeinen Völkerschlacht-Siegesfeier am Wartenberge und dem ersten Studenten-Parlament der Geschichte auf der traditionsreichen Wartburg Zeichen setzte. Die "Grundsätze und Beschlüssen vom 18.10.1817" erwiesen sich als zukunftsweisend!

Entsprechend dem burschenschaftlichen Wahlspruch "Ehre, Freiheit, Vaterland" wurden damit Forderungen nach Einheit, Gleichheit, umfassende Freiheit und Verfassung in die Welt gesetzt: Dinge, die bis heute und weiterhin nachwirken! Besonders der Funke, der bei der Besiegung des französischen Feindes durch das gemeinsame Zusammenstehen aller deutschen Stämme von Wien bis Berlin, von Aachen bis Königsberg auf alle übergesprungen war, entfachte den Gedanken des Gemeinsamen, der Zusammengehörigkeit, der Einheit zu begeisterndem Wollen.

Nicht mehr das Trennende, die regionale Zersplitterung, die fürstlich bedingte Kleinstaaterei sollte die Zukunft sein, sondern ein alle umschließendes Band: "Ein Deutschland ist und ein Deutschland soll sein und bleiben". "Je mehr die Deutschen durch verschiedene Staaten getrennt sind, desto heiliger ist die Pflicht, dahin zu streben, daß die Einheit nicht verloren gehe und das Vaterland nicht verschwinde". "Das Land, wo wir geboren sind, ist unsere Heimat, unser Vaterland aber ist Deutschland". Welch eine moderne, zeitlose, immer gültige Feststellung!

Solche und ähnliche Sätze, wie z.B. "Die Lehre von der Spaltung in Nord- und Süd-Deutschland, bzw. die Spaltung in ein katholisches und protestantisches Deutschland ist irrig und falsch. Alle Deutschen sind Brüder" waren zur damaligen Zeit – und nicht nur damals – den Herrschenden ein fürchterlicher Dorn im Auge. Mußte das doch zwangsläufig ihre damals praktisch absolute Macht drastisch einschränken. Der Gedanke zur Einheit der Deutschen war allen Vorfahren immer schon prägend gewesen. Hermann der Cherusker, leitete mit Hilfe der geeinten Stämme als Befreier vom römischen Joch eine eigenständige Geschichte ein. Karl der Große begründete durch Wiederbelebung einer früheren Kaisertradition ein europäisches Reich der deutschen – germanischen Stämme. Die Einheit wurde durch die Ottonen abgesichert gegen den Ansturm der Ostvölker, erhielt durch den imperialen Anspruch der Stauffer als kaiserliche Beschützer der Christenheit seinen Ausbau. Jahrhundertelang war der Kampf um die Stätten der Christenheit, der Kampf gegen die westlichen und östlichen Nachbarn beherrschendes Thema in Mitteleuropa. Die, durch die Fürsten im Osten des Reiches zur Urbarmachung, Bewirtschaftung und Besitzabsicherung gerufenen Deutschen führten zu Erweiterung des deutschen Siedlungsraumes.
Die dreißigjährigen Glaubenskriege und Fürstenansprüche führten zur langanhaltenden Lähmung trotz vieler Bemühungen der Kaiser des nunmehr Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zum Zusammenhalten (der Besitztümer). Die Verwüstung Südosteuropas durch die anstürmenden Türken führte nach deren endgültiger Besiegung durch den ruhmreichen kaiserlichen Feldherrn Prinz Eugen zu einer Neubesiedlung dieser Gegenden durch deutsche Siedler. Die sich zuspitzenden Auseinandersetzungen der deutschen Fürsten in Wien und Berlin um die Vorherrschaft ließen es dem Franzosenkaiser ein leichtes werden, die deutschen Kleinfürsten gegeneinander auszuspielen und das morsche Reich zu zertrümmern.

Nach der Niederlage aber erwachte der Einheits-Gedanke. Auch durch Metternich’sche Unterdrückung war er nicht mehr unterzukriegen. Zwar gab es nur mehr das alle Deutschen umfassende lose Band des "Deutschen Bundes", aber immerhin. Bei der Bürgerlichen Revolution 1848 versuchte das, aus den bisher einzigen gesamtdeutschen Wahlen hervorgegangene, "Burschenschafter-Parlament" die Wartburg-Forderung nach einem alle umfassenden Vaterland durchzusetzen. Das scheiterte an dem restaurativen Neoabsolutismus. Auch der strategische Versuch vom Frankfurter Fürstentag 1863, ein gemeinsames Band auszubauen, scheiterte, diesmal am Widerstand von Preußens Bismarck.
Nach dessen Hinausdrängen von Österreich aus dem Deutschen Bund durch die Schlacht bei Königgrätz 1866 gelang ihm zwar mit der Gründung vom Deutschen Kaiserreich 1871 ein kleindeutscher Coup. Das wurde zwar "Deutscher Nationalstaat" genannt, umfaßte aber nicht alle Deutschen. Der Zweibund zwischen den deutschen Habsburgern und Hohenzollern konnte die Niederlage des I. Weltkrieges nicht verhindern. Demokratisch legitimierte Versuche eines Zusammengehens der deutschen Nachkriegsstaaten im Sinne des versprochenen Selbstbestimmungsrechtes wurden von den „Siegermächten“ unterbunden. Die diktatorische Zwischenlösung zum Zusammenführen führte letztendlich zum bedingungslosen Kapitulation und Niedergang des deutschen Volkes in Europa.
Vertreibung und Genozid an den Deutschen, jahrzehntelange kommunistische Diktatur auf der einen Seite in Ost- und Südosteuropa, im Westen die ebensolange Umerziehung führten nicht nur zur Spaltung und Zerrissenheit des deutschen Volkes, sondern dieses auch an den Rand der substantiellen Vernichtung.

Es gibt einen Trost für die Zukunft: Einerseits gelang mit der friedlichen kleinen Wiedervereinigung von West- und Mittel-Deutschland ein Durchbruch gegen die aufgezwungene alliierte Jalta-Nachkriegsordnung. Andererseits kam es nach dem Abschütteln des Kommunismus in den Ostblock-Ländern nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhanges zu einem Wiederfinden der Deutschen in diesen Staaten.

Und jetzt gibt es etwas, das allen Deutschen in ganz Europa eine neue Perspektive geben kann und soll: Erstmals in der langen Geschichte unseres deutschen Volkes sind alle Deutschen freiwillig unter einem gemeinsamen Dach vereint: Unter dem Dach der Europäischen Union sind praktisch alle Deutschen – egal ob im Verband der ehemaligen Sieger- oder Verlierer-Mächte – vereint. Vereint auch mit allen Staaten durch die in Verfassungsrang stehende EU-Charta. In dieser sind all die "Bürgerlichen Freiheitsrechte" verankert, fast wortwörtlich identisch mit den Forderungen vom Wartburgfest 1817! Welch eine faszinierende Geschichte.

"Je mehr die Deutschen in verschiedenen Staaten getrennt sind, desto heiliger ist die Pflicht dahin zu streben, daß die Einheit nicht verloren gehe". Möge diese Verpflichtung des Wartburgfestes 1817 den in der Mehrheit der Europa-Staaten siedelnden Deutschen, als Minderheit und als Mehrheit, im Binnendeutschtum und im Auslandsdeutschtum Vorbild und Zukunftshoffnung sein. Mit Selbstbewußtsein im Zusammenhang mit den, den Deutschen nachgesagten Tugenden wird es dem deutschen Volk möglich sein, im Chor der Völker trotz manch unglückseliger Vorkommnisse im 20. Jahrhundert eine gemeinsame anerkannte Rolle zum Wohle aller zu übernehmen.

Dr. Bruno Burchhart (Olympia Wien)

Unser Autor Verbandsbruder Dr. Bruno Burchhart (Olympia Wien, 1960) war DBÖ-Vertreter im Ausschuß für Burschenschaftliche Arbeit (AfBA) der Deutschen Burschenschaft sowie DBÖ-Verbindungsreferent zu anderen Korporationen. Verbandsbruder Burchhart beschäftigt sich seit dem Studium intensiv mit volksdeutschen Minderheiten in Europa, seit 2006 ist er Obmann vom „Burschenschaftlichen Volkstumsvereins“. Zudem ist er seit 2010 als DB-Bildungsbeauftragter mit der Ausrichtung von DB-Regionalseminaren beauftragt.