Zum Verhältnis von Burschenschaft und Religion

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In diesem Jahr wird das 500-jährige Jubiläum der Reformation begangen und das 200-jährige Jubiläum des Wartburgfestes, nachdem vor 202 Jahren die Urburschenschaft gegründet wurde.
Die Thematik "Burschenschaft und Religion" ist in der Vergangenheit in erster Linie eine Frage des Protestantismus gewesen, aber ist das im 21.Jahrhundert immer noch der Fall?
Ist in unserer Gesellschaft, die keine ethnische oder gar religiöse Einheit mehr bildet, immer noch die Voraussetzung gegeben, daß man sagen kann: "Korporiert ist Burschenschaft und Religion ist Protestantisch"?
Und selbst wenn dem so wäre, bedeutet das zugleich, daß die Religion und das Korporationswesen hier Hand in Hand miteinander gehen? Und in welchem Verhältnis stehen Glaube und Religion zueinander?

Es sind eine Menge von Fragen, die die Überschrift aufwirft. Wenn nun ich, als katholischer Theologe und Sängerschafter, mich dazu äußere, werde ich zwangsläufig eine andere Sichtweise vertreten als der "urprotestantische Burschenschafter". Die Thematik reizt dennoch. Suchen wir zunächst nach einer Antwort auf die erste Frage: Es ist die Frage nach den Gegebenheiten unserer Zeit. Die Antwort ist schnell und einfach: Nein. Ich kenne viele Burschenschafter, die katholisch sind und die sogar die Annäherung an den Protestantismus im Zuge der Reformen durch das Zweite Vatikanische Konzil mit äußerster Skepsis betrachten und gerne auch mal die tridentinische Messe besuchen. Daß man also unbedingt einen protestantischen Hintergrund haben sollte, um Burschenschafter zu werden, ist nicht der Fall.

Die zweite Frage ist schon differenzierter, und so muß es auch die Antwort sein. Im Volksmund ist "korporiert" nach wie vor: Mitglied einer Burschenschaft. Die anderen Verbindungstypen sind der Öffentlichkeit oftmals nicht bekannt. Weder das Corpsstudentum, noch der CV, noch sonstige waffenstudentische oder katholische Arten des Korporationswesens. Hier aber wird es interessant.
Die nichtschlagenden Verbindungen werden generell als "katholisch" bezeichnet; der Gedanke des "protestantischen Burschenschafters" drängt sich wieder auf. Da aber eben bereits die Rede vom Wartburgfest war, soll an dieser Stelle das Wartburg-Kartell erwähnt werden. Hierbei handelt es sich um einen nichtschlagenden evangelischen Dachverband. Darüber hinaus gab es bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten auch spezifisch jüdische Studentenverbindungen, die allesamt die Mensur pflegten. Es gab und gibt also Verbindungen, die konfessionell gebunden sind, aber die Burschenschaften gehörten und gehören gerade eben nicht dazu.
Die Problematik für Katholiken bestand zwischen 1917 und 1983 darin, daß sie beim Schlagen einer Mensur exkommuniziert wurden. Diese Regelung des Kirchenrechts wurde 1983 aufgehoben. Man nahm 1917 diesen Passus ins Kirchenrecht auf, weil man die Mensur als Vorbereitung auf das Duellieren verstand. Die Zeiten haben sich geändert. Das gilt auch im Verständnis bei der Erwähnung des Wortes „Studentenverbindung“. In unserer Gesellschaft denken die Außenstehenden an zweierlei Dinge: einerseits Burschenschaft und (durch Hollywood) andererseits sogar an die amerikanischen "Fraternities". Das Bild des Korporierten in der Öffentlichkeit ist ein Zerrbild. Unabhängig des Bildes durch die Medien bleibt aber die Prägung des deutschen Verbindungswesens mit dem christlich-abendländischen Weltbild verknüpft.

Damit kommen wir zur eigentlichen Thematik. Ich möchte hierbei die beiden letzten Fragen nicht getrennt voneinander beantworten. Die Antwort auf beide Fragen ist nämlich: Jein. Man mag sich wundern, daß auch auf die offene Interrogativfrage des Verhältnisses von Glaube und Religion, ich die Antwort "Jein" gab, aber das will ich gerne begründen:
Jein bringt zunächst einmal zum Ausdruck, daß etwas uneindeutig ist; man kann weder eine positive, noch eine negative Aussage treffen. Genau das ist beim Verhältnis von Religion und Burschenschaft der Fall. Wer Mitglied einer Burschenschaft wird, der tut dies aus Überzeugung. Wer Mitglied einer Religionsgemeinschaft wird, tut das ebenso aus Überzeugung. Die übliche Praxis der Kindertaufe steht hier nicht zur Debatte, da man dort noch nicht religionsmündig ist, und die Eltern stellvertretend nach ihrer Überzeugung handeln. Wer später nicht von der Entscheidung seiner Eltern überzeugt ist, kann jederzeit konvertieren, oder aber im agnostischen oder atheistischen Fall allen Religionen den Rücken kehren.

Die Frage der Religion unterscheidet sich vielleicht nicht von der Frage nach dem Glauben, aber fundamental von der Frage des Glaubens. Im Alltagssprachgebrauch werden Religion, Konfession, Glaube gleichgesetzt. Ein Irrtum. Denn wie wir oben gesehen haben, gab es außerhalb des Christentums auch andere Religionen im Korporationswesen, und der persönliche Glaube unterscheidet sich oftmals von den Vorgaben der Konfession.

Der Historiker Michael Hesemann stellt auf seiner Internetseite fest, daß der Heilige Geist in der evangelischen Kirche wohl durch Abwesenheit glänze, wenn "eine Frau Käßmann zeitgeistkonforme Gutmenschenparolen als Theologie verkauft, eine Frau Göring-Eckart aus grünen evangelische und aus evangelischen grüne Parolen fabriziert."

Somit klingt auch immer die Frage nach dem Politischen bei der Frage des Glaubens und der Überzeugung mit an. Eine Errungenschaft der Aufklärung, die neben vielen fragwürdigen Dingen – darauf einzugehen würde den Rahmen dieses Textes sprengen – auch viele gute Aspekte mit sich brachte, ist die strikte Trennung von Staat und Religion. Es stellt sich dabei aber zwangsläufig die Frage, ob das gänzlich möglich ist. Die Prägung der Kultur geschieht durch die Werke der in ihr verwurzelten Menschen. Diese Werke äußern sich in der Literatur, der Architektur und vielen anderen Dingen mehr. Ein solcher Kulturgegenstand ist zweifelsohne die Religion.
Man vergleiche den Städteneubau im ehemaligen Ostblock, der nicht darauf konzipiert wurde, Kirchen in neuen Wohnvierteln zu bauen, beispielsweise mit mittelalterlichen Städtebauprojekten. Somit ist das Umfeld stets von der Überzeugung geprägt. Die Trennung von Staat und Religion nimmt hierbei die verschiedensten Ausprägungen an: Während es in Deutschland eine Kirchensteuer und staatlichen Religionsunterricht gibt, ist beides in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht der Fall; dafür reden US-Präsidenten gerne von: "God´s own country". Letzteres wäre in Deutschland ein Unding, ersteres in den USA.
Man mag überlegen, ob die Kirchensteuer nicht durch eine für alle, unabhängig ihrer Religionszugehörigkeit, verpflichtende Weltbildsteuer ersetzt werden solle und jeder individuell entscheiden kann, welcher Konfession bzw. welchem Verein er das Geld zukommen lassen mag, aber nirgendwo wird der Einzelne darauf verpflichtet einer bestimmten Glaubensrichtung anzugehören; nirgendwo erhebt der Staat den Anspruch von Gottes Gnaden zu sein; im Gegenteil selbst bei der Vereidigung der Politiker bleibt in Deutschland Gott oftmals außen vor.

Burschenschafter sein heißt eben auch eine Überzeugung haben. Diese Überzeugung basiert auf Wertvorstellungen. Wenn Habermas recht gehabt hätte mit seiner Aussage, daß Wahrheit das ist, worauf sich die Mehrheit einigt, dann müsse der Mond aus Käse bestehen, wenn eine Mehrheit zu dieser Überzeugung gelange.
Nein, Wahrheit ist entweder etwas transzendentales, also das eigene Ich übersteigendes Objektives – ich wähle bewußt nicht den Begriff transzendent, was eine göttliche Dimension beinhaltete, da ich auch den Zuspruch lesender Atheisten wünsche –, oder aber nicht existent. Genauso sieht es aber mit allen tatsächlichen Werten aus. Sie sind existent oder nicht. Ein an einen Zeitgeist geknüpftes Sich-Einigen auf Werte, kann niemals tatsächlich einen Wert darstellen. Als abschreckendste Beispiele des vergangenen Jahrhunderts seien die Werte im stalinistischen Sowjetrußland oder im nationalsozialistischen Deutschland angeführt. Ergänzend sei auch die systematische Suche nach Hexen und ihre anschließende Verbrennung in der Zeit der Aufklärung erwähnt.

Zeitgeist und Werte müssen einander ausschließen – diese Erfahrung müssen wir als Deutsche "im Bewußtsein [unserer] Verantwortung vor Gott und den Menschen" wie es in der Präambel des Grundgesetzes heißt und auch durch die bitteren Lehren der Geschichte ohne Zweifel feststellen. Das Ja des Jeins bedeutet für uns, daß wir die Werte, die uns antreiben nicht in kurzlebigen Zeitgeistströmungen suchen, sondern eben in etwas Übergeordnetem. Dieses Übergeordnete stellt in unserem Fall das Christentum dar, das unsere deutsche Kultur durch und durch geprägt hat. Das Nein auf der anderen Seite ist das abschreckende Beispiel, daß zeitgeistiges Politdenken mit Religion verknüpft werden soll.

Religion birgt immer auch die Frage nach dem Wohin und Woher.
Das Wohin des Menschen nach seinem Tod wird immer eine Frage des Menschen bleiben. Auch das Woher wird letztlich nie geklärt werden können. Der Glaube schlägt also die geistige Brücke zwischen dem Immanenten, also dem Hier und Jetzt, und im Falle des Christentums dem Transzendenten, dem Ewigen, dem Zeitlosen, dem Unsagbaren, dem Mysterium.

1917 schrieb der Philosoph, Religionswissenschaftler und evangelische Theologe Rudolf Otto das Buch Das Heilige. In diesem Werk kommt er zum Schluß, daß das Heilige immer ein "tremendum et faszinosum" ist. Das Heilige, das die Welt übersteigt, ist also etwas Erschauerndes und Entzückendes zugleich. Diese Sichtweise ist sehr passend, denn wer erinnert sich nicht an leuchtende Kinderaugen bei der Bescherung am Heiligen Abend.

In seiner letzten großen Reichstagsrede wußte der damalige Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck zu sagen: "Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt. Und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt."
Diese Aussage muß ein wenig paradox anmuten, fand sich doch gerade auf dem deutschen Gebiet die Hauptszenerie des Dreißigjährigen Krieges, in dem sich alle Menschen, um der Konfession willen gegenseitig lynchten, vierteilten, erdrosselten, erschlugen, verbrannten oder sonstwie töteten. Ja, Gottesfurcht geht mit Vertrauen Hand in Hand, aber zwangsläufig daraus Frieden ableiten zu wollen, scheint gewagt. So ist im Reformationsjubiläumsjahr bei aller Begeisterung für Martin Luther auch zu sehen, daß Luther die geistigen Grundlagen für den Dreißigjährigen Krieg und später sogar den Nationalsozialismus legte. Religion und Glaube sind zwei Paar Schuhe. Der persönliche Glaube orientiert sich immer an der Religion, aber der persönliche Glaube geht über das, was einen die Religion lehrt, hinaus.

Abschließend sei daran erinnert, daß die Urburschenschaft ihre Werte eben auch nicht als Zeitgeistströmung, sondern als ein Vermächtnis von tatsächlichen in der Transzendenz verwurzelten Werten sah. Daher lautete ihr Wahlspruch "Gott, Ehre, Freiheit, Vaterland".

Jörg Dohmen