Atheistische Kritik am Glauben

Kategorie:
18.01.2017


Atheismus beantwortet die Frage nach Gott – gemeint ist der Schöpfergott, das oberste verehrte Wesen der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam). Die Fragestellung lautet: "Glauben Sie an Gott?" Der Monotheist antwortet mit "Ja", der Atheist mit "Nein".

Das Wort Glauben hat eine Vielzahl von Bedeutungen. Im Alltag, der Wissenschaft und der Philosophie heißt es so viel wie "Fürwahrhalten eines Sachverhalts, vermuten". Es kann zusätzlich im Sinne von "erwarten, vertrauen, wünschen, hoffen" benutzt werden. Es drückt in allen Fällen eine Abschwächung aus: Man weiß es nicht, man vermutet, und es wäre kaum überraschend, wenn es sich als falsch herausstellt.
In den Glaubensreligionen wird es abweichend verwendet und bedeutet in etwa "eine feste, unerschütterliche, subjektive, innere Überzeugung von einer Sachlage haben". Sofern man es nicht als Synonym von "vertrauen" etc. gebraucht. Um auf Gott vertrauen zu können muß man davon ausgehen, daß es ihn gibt. Ohne die Basisannahme ergibt das Wort "glauben" keinen religiösen Sinn.

Die Definition im Monotheismus lautet: Von einer Sache überzeugt sein auf die man hofft, ohne fürsprechende Beweise zu haben. Biblisch: "Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht" (Hebräer 11, 1, lt. Einheitsübersetzung).
Jeder Mensch glaubt eine Reihe von Annahmen, bei denen es ihm an ausreichenden Belegen mangelt. Das ist kein "Privileg" religiös Glaubender. Im Allgemeinen tut man es aus Notwendigkeit. In der Religion gilt es als Tugend – was nicht sein kann, wenn man es der Not gehorchend muß, weil es unumgänglich ist. Hier ist es die beständige Überzeugung, basierend auf Hoffnung, die hinzukommt, damit es sich um religiösen Glauben handelt, und nicht nur das Fehlen von Indizien. Letzteres, unter verschiedenen Umständen, führt zu einem begründeten Zweifel.

Wissen ist definiert als "rational (vernünftig) gerechtfertigte Vermutung". Rational heißt, daß nach Abwägen aller verfügbaren und relevanten Informationen und Argumente für und wider sich eine Alternative als besser erweist als die konkurrierenden Möglichkeiten. Gegenteil: Beliebigkeit, man akzeptiert eine der übrigen Lösungen. Man ahnt es: Ließe sich die Annahme, daß ein Schöpfergott existiert, vortrefflicher rechtfertigen als die entgegengesetzte Behauptung, stellte man die Frage anders. Die Stärke der eigenen Überzeugung kann kein Indikator für die Wahrheit einer Aussage sein. Für jede vorhandene lebhaft vertretene Auffassung stoßen wir auf jemanden, der ebenso vehement von deren Falschheit überzeugt ist.

Während Wissen eine logische und empirische Begründung besitzt, die besser ist als bei den Alternativlösungen, ist der religiöse Glauben das exakte Gegenteil: Verzicht auf eine solche Basis, Akzeptanz einer beliebigen Alternative, verknüpft mit einem Ausmaß an Festigkeit, das bei begründetem Wissen angemessen scheint, in dem Fall im Dienst einer Hoffnung oder Wunschvorstellung. Behandelt wird das wie eine Form des Wissens, Gewißheit – in dem Wort steckt das Wissen drin. Man redet von "Glaubensgewißheit".

Aus dem Grunde definiere ich religiösen Glauben in folgender Weise: Vorgeben, etwas zu wissen, was man nicht weiß. Gewißheit ohne rationale Grundlage oder Skrupel, gelegentliche Zweifel nicht ausgeschlossen. Die gelten als "überwindbar".
Solange es nicht als Synonym zu vertrauen, hoffen, wünschen benutzt wird, paßt die Definition. Wünschen kann man sich alles.

Atheismus ist das Fehlen einer felsenfesten inneren Haltung, daß Gott existiert. Es kann – muß nicht – bedeuten, daß man der Ansicht ist, daß es kein "höchstes Wesen" gibt, das über der Natur steht. Es wird gerne behauptet, daß man nur eine von zwei Möglichkeiten wählen kann, was nicht korrekt ist. Zwischen den entgegengesetzten Polen finden wir ein weitgefächertes Spektrum. Überwiegt die Skepsis, kann keine Rede mehr sein, daß man an Gott glaubt im Sinne der eingangs gestellten Frage. Der Zweifel ist der Feind des Glaubens.

Atheismus ist das logische Gegenteil des religiösen Glaubens: Während der Theist vorgibt, etwas zu wissen, was er nicht weiß, tut der Atheist das nicht. Er gibt nicht vor, zu wissen, was er nicht weiß, er ist ungläubig.
Man wird kein Beispiel entdecken, bei dem die Definition nicht funktioniert (sofern es nicht rein um Vertrauen etc. geht). Während der Gottgläubige sagt "Das Universum wurde von Gott erschaffen" lautet die Antwort der Atheisten – speziell der Experten, der Astrophysiker, die sich damit beschäftigen – nur: "Wir wissen es nicht". Aus dem Grund reagiert jemand wie ich auf die Vorhaltung "Atheismus sei auch nur ein Glauben!" mit dem Spott: Ja, und Glatze ist eine Haarfarbe, keine Briefmarken sammeln ist ein Hobby, ein ausgeschalteter Fernseher zeigt nur ein anderes Fernsehprogramm und Nichtschwimmen (ertrinken) ist ein Schwimmstil. Atheismus ist weder eine Religion noch eine Weltanschauung, ebenso wie Theismus für sich betrachtet. Beide sagen für sich genommen beispielsweise nichts über Moral aus, den Sinn des Lebens oder zusätzliche Dinge. Der Gegensatz zu Atheismus ist Theismus, nicht Christentum – Letzteres ist eine spezielle Form einer theistischen Weltsicht.

Ich möchte ein Gedankenexperiment schildern, um den Punkt zu verdeutlichen:
Angenommen, vor Ihnen liegt ein undurchsichtiger Kasten. Eine der beiden folgenden Aussagen ist wahr: Entweder, darin befindet sich ein Ball, oder er ist leer. Sie können nicht nachsehen. Es lassen sich fünf Positionen unterscheiden, obwohl nur einer von zwei Sätzen korrekt sein kann:
1. Sie sind überzeugt, daß der Kasten gefüllt ist.
2. Sie gehen davon aus, daß er leer ist.
3. Sie wissen, daß sie keinen Grund haben, die Annahme 1. oder 2. zu treffen – die Frage ist nicht entscheidbar.
4. Sie haben mehr oder weniger Zweifel an 1. oder 2.
5. Sie halten die Behauptung für sinnlos oder irrelevant.

Es bedeutet nicht, wenn Sie die Ansicht 1. ablehnen, daß daraus folgt, daß Sie 2. akzeptieren müssen. 3. bis 5. sind in gleichem Maß gültige Haltungen. Wir können anhand des Beispiels, wenn wir "Ball im Kasten" durch "Schöpfergott des Universums" ersetzen, die Positionen wie folgt charakterisieren:
1. Ich bin überzeugt, daß Gott existiert (Theismus).
2. Es gibt keinen Gott (starker oder positiver Atheismus).
3. Ich kenne keinen überzeugenden Grund, an Gott zu glauben (schwacher oder negativer Atheismus).
4. Ihre Zweifel an der Existenz Gottes überwiegen (Atheismus) oder nicht (zweifelnder Theismus).
5. Sie befinden die Frage für irrelevant oder sinnlos (starker Atheismus).

Die Position 2. wird von einer Minderheit unter den Atheisten vertreten, 3. finden wir am häufigsten, 4. markiert ein Übergangsstadium, 5. wird ebenso von wenigen angenommen. Atheismus umfaßt ein Spektrum an Möglichkeiten und nicht, wie von Theologen gerne unterstellt wird, nur eine Alternative.

Wenn beispielsweise nicht klar ist, was man mit "Gott" meint, oder die Definitionen widersprüchlich ausfallen, kann man die Frage "Glauben Sie an Gott?" nicht mit "Ja" beantworten, sondern wird "Nein" antworten müssen. Es ist nicht möglich oder intellektuell redlich, an etwas zu glauben, von dem man nicht ahnt, was es sein könnte.
Ich diskutiere seit über 15 Jahren mit Gläubigen jeder Art im Internet über die Gottesfrage. Zwei Beobachtungen veranlassen mich, mich als Atheisten zu bezeichnen:
1. Ich bin noch nie zwei Monotheisten begegnet, die dieselbe Auffassung von Gott teilen.
2. Ich kenne keine logisch konsistente Definition von dem, um was es sich dabei handeln soll.

Einigkeit besteht darüber, daß alle an denselben Gott glauben. Das stimmt auf einer abgehobenen, abstrakten Ebene. Geht man in die Details, wissen viele nicht, woran sie glauben, oder können es nicht beschreiben, definieren, oder plausibel erläutern. Man verharrt im Vagen, Nebulösen, Schwammigen, weil die Konsequenz wäre, sich als Ungläubigen bekennen zu müssen. Gott ist ein Gefühl, daß da mehr ist als die natürliche Welt. Fragt man nach konkreten Inhalten, erhält man keine Antwort oder die, daß es unmöglich sei, den Sachverhalt präziser zu bestimmen. Ich weiß nur eines über Gott, sprich, daß ich keine Ahnung habe, wovon die Gläubigen reden und daß die Fülle der Möglichkeiten eine Entscheidung, woran man glaubt, undenkbar machen. Ich war früher selbst ein gläubiger Mensch – bis ich anfing, Fragen zu stellen, und genauer wissen wollte, was ich denke und was ich da akzeptiere. Das führte nach ein paar Jahren zu einem Scherbenhaufen, der nicht zu kitten war.

Im Beispiel mit dem Ball betrug die Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen, 50%. So einfach ist das nicht. Nehmen wir an, ich sage: Entweder, es liegt ein Ball im Kasten, oder er ist leer. Wenn Sie sagen, es befindet sich ein Ball darin, müssen Sie zusätzlich die Farbe angeben: schwarz, weiß, rot, grün oder blau. Jetzt beträgt die Chance, richtig zu liegen, 1:6. Sagt man, es ist nichts in der Schachtel, ist die Wahrscheinlichkeit weiterhin 1:1. Reden wir vom Gott der Christen, der Juden, der Muslime, der Mormonen, der Zeugen Jehovas oder eine abweichende Vorstellung? Es gibt kein Patt zwischen der Auffassung, daß kein Gott oder einer existiert. In dem Fall ist es vernünftig, sofern nicht sonstige Gründe vorliegen, anzunehmen, daß es keinen Schöpfer gibt; wir reden von einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 1 zu 1 für die eine Seite versus einer von 1 zu unendlich für die andere.

Man muß nicht sagen: Ich bin mir sicher, daß Gott nicht real ist. Es reicht, seine Unwahrscheinlichkeit festzustellen.

Die Gottesbeweise haben sich insgesamt als trügerisch herausgestellt. Meist ist ihre Logik fehlerhaft, oder man unterstellt zweifelhafte Zusatzannahmen, die nicht explizit geäußert werden. Ich kenne ca. 300 Beweise für Gott, repariert man ihre defekte Logik, erhält man in der Mehrheit der Fälle ein Argument gegen Gott. Der Rest – nicht mehr als eine Handvoll – entfällt, sobald man die versteckten Prämissen deutlich ausspricht. Die sog. "atheologischen Argumente" oder Beweisführung gegen Gott sind überwiegend logisch einwandfrei.

Der Beweis von Gödel, der in letzter Zeit durch die Medien geisterte, beweist mit der Hilfe der Modallogik zweiter Ordnung, daß ein maximal positives Wesen möglicherweise real sein könnte. Ob das der Fall ist, liegt außerhalb der Methodik. Die Zusatzannahme lautet: Alles, was möglich ist, gibt es. Das ist zweifelhaft. Darüber hinaus wäre damit die Nichtexistenz des christlichen Gottes bewiesen: Eine perfekte, gute, allmächtige Wesenheit würde keine Welt schaffen, in der die Geschöpfe leiden.
Nachdem ich die Gottesbeweise genau studiert habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß sich die Summe aller gültigen Argumente für Gott exakt zu Null addieren. Man kann aus dem Grund nicht geltend machen, daß der einzelne Beweis nicht überzeugend ist, die Bilanz aber insgesamt positiv ausfalle.

Beliebt ist die Behauptung, daß Gott nicht der Logik unterliegt. Ohne die ergibt nichts in der Religion oder im Glauben einen Sinn. Aus der Aussage folgt, daß alle logischen Beweismethoden für ein schöpferisches Superwesen falsch sind. Mir konnte bis heute niemand erläutern, welches der drei logischen Grundgesetze nicht auf Gott anwendbar sein soll. Ohne schlußfolgerndes Denken erhöht sich die Anzahl der möglichen Gottesvorstellungen um ein Unendliches, so daß die Wahrscheinlichkeit, daß ein spezifischer Gott existiert, Null beträgt. Jeder Unsinn läßt sich verteidigen, indem man kurzerhand behauptet, daß der Sachverhalt nicht der Logik anheimfällt. Der Verdacht erhebt sich, daß genau das beim Schöpfer der Welt der Fall ist.

Mehr noch, bei der Aussage, daß ein Umstand nicht der Logik unterliegt, handelt es sich um eine Immunisierung gegen Kritik, ein ideologisches Manöver. Die vermeintliche Gewißheit besteht darin, daß eine solche Behauptung nicht widerlegt werden kann. Das gilt zum einen in gleichem Maße für die gegenteilige Annahme. Zum anderen schließt man damit aus, daß ein beliebiger Zustand der Verhältnisse einen Hinweis geben kann, was in dem Zusammenhang wahr ist. Wenn ein Gläubiger unter den Gegebenheiten meint, seine Erfahrung könne ein Indiz für Gott sein, denkt er im Irrtum, es wäre logisch unmöglich. Jede Wahrnehmung, jede Erfahrung, ist ein logischer Rückschluß von einer Ursachenkette auf deren Anfang. Ohne Logik sind wir blind und taub.

Wir sehen hier einen Trick am Werk: Zuerst etabliert man den Glauben an Gott, vorzugsweise bei kleinen Kindern. Im zweiten Schritt brennt man alle Brücken ab, über die man herausfinden könnte, daß die ganzen Behauptungen unlogisch sind. Den Atheisten wirft man vor, sich zu sehr an Wissenschaft und Logik zu orientieren, daß sie aber nicht in der Lage sind, das Unlogische mit Logik zu widerlegen. Und was nicht widerlegbar ist, muß wahr sein. Man übersieht, daß die gegenteilige Position den Status der Unwiderlegbarkeit geerbt hat und in gleichem Maß wahr sein müßte. Unwiderleglichkeit ist keine Tugend, sondern ein Laster. Die Frage, die man stellen muß: Welche Art von Argumenten, Beweisen, Indizien könnten Sie veranlassen, Ihre Meinung zu ändern?

Lautet die Antwort "keine", haben wir es mit religiösem Glauben zu tun. Es geht nicht mehr um Wahrheit, sondern um eine Aufrechterhaltung der Ansichten um jeden Preis.
Wahrheit ist per Definition die Eigenschaft eines Satzes, dessen Gehalt in einer Übereinstimmung mit der Realität besteht. Bei einer kritikimmunen Aussage kann das nicht mehr festgestellt werden, wahr und immun gegen Kritik schließen sich wechselseitig aus. Realität ist das, was fortbesteht, wenn man aufhört, daran zu glauben.

Die Mehrheit der Begründungen für Gott beruhen auf einem ungültigen Argument des Nichtwissens. Das Schema gleicht sich. Beispiel: Wir wissen nicht, wie das Universum entstanden ist – als einzige mögliche Erklärung muß man einen Schöpfer annehmen. Menschen haben eine angeborene Neigung, sich für relevante Ereignisse eine auslösende Ursache zu denken. Die angebliche Regel "Alles hat eine Ursache" müßte eher lauten: Für alles, was geschieht, suchen wir eine Ursache. Wenn wir keine finden, nehmen wir eine Beliebige, und mögen die Haare, an der wir sie herbeiziehen, dünn sein.

Gott paßt in jedem Fall. Gott ist so winzig, man kann ihn in jede Erklärungslücke stopfen. Ändert sich Letztere, nimmt er die Form an, die man ihm aufzwingt. Man kommt sich vor wie in einer Poker-Partie, bei der das Gegenüber, wenn er schlechte Karten hat, sich nach Gutdünken Joker aus dem Ärmel schüttelt.

Welchen Wert hat der Glauben?

Er ist Ausdruck einer subjektiven Befindlichkeit, keine Aussage über die Realität. Beides verwechselt man nicht ungestraft. Man tut, als ob es sich um eine Erkenntnismethode handelt. Es geht um ein Festhalten an Meinungen, koste es, was es wolle.

Daß die Wissenschaft uns nicht alle Antworten auf die Fragen zu geben vermag, ist trivialerweise wahr. Das läßt nicht den Schluß zu, der Glauben könne es. Es handelt sich um eine Tradition, die man von seinen Eltern oder seiner Kultur unhinterfragt übernahm. Unseren Vorfahren wurde die Religion aufgezwungen, teilweise unter Androhung der Todesstrafe. Man kann niemanden zwingen, zu glauben, nötig ist es nicht: Unterrichtet man die Kinder in der Lehre exklusiv, hat man nach spätestens zwei Generationen Gläubige, die vom ursprünglichen Zwang nichts mehr wissen. Die ehemalige "DDR" beweist: Entfällt der Religionsunterricht, verschwindet der Glauben großteils aus der Gesellschaft.

Der Monotheismus wird auf folgende drei Weisen verteidigt:
1. Die Religion ist wahr – dazu fehlt, trotz eines 2.000 Jahre währenden Bemühens, jeder Hinweis, jede Bestätigung.
2. Religion ist nützlich – für die Behauptung gibt es keine Indizien, neuere Untersuchungen zeigen eher das Gegenteil.
3. Atheismus schadet der Allgemeinheit – die Aussage ist Teil des Glaubens, es gibt keinen Befund, der das bestätigt.

Untersucht man die Zusammenhänge zwischen Religiosität und anderen Variablen, kommt man entweder darauf, daß es keine gibt. Oder man findet Korrelationen negativer Art, sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch im Vergleich der Kulturen. Atheismus korreliert positiv mit: Intelligenz, Bildung, Wohlstand, Friedfertigkeit. Schaut man sich den Global Peace Index (GPI) an, ein Indikator für die Friedlichkeit einer Nation, stellt man fest: Je mehr Atheisten in einem Staat leben, umso höher das Ranking in dem GPI. Es ist nicht klar, was Ursache und was Wirkung ist, oder ob es sich um vermittelnde Faktoren handelt. Der Zusammenhang ist statistischer Natur, aus dem Grund wird man eine Menge an Ausnahmen finden. Statistiken widerlegt man nicht mit Einzelbeispielen.

Wir können andere Indikatoren hinzunehmen, die sich an christlicher Moral orientieren: In den USA ist die Rate an unerwünschten Teenager-Schwangerschaften und die der sexuell übertragbaren Krankheiten dort höher, wo großer Wert auf christliche Erziehung gelegt wird. Die Mordrate und die der familiären Gewalt ist unter religiösen Menschen höher. Obwohl in den USA Scheidung von Protestanten überwiegend abgelehnt und von Atheisten befürwortet wird, gehören Atheisten zu der Gruppe mit den wenigsten geschiedenen Ehen. Je höher die Religiosität, desto größer die Neigung zu Depressionen. Angesichts der Befunde kann man nicht leichtfertig behaupten, daß Atheismus einer Gemeinschaft schadet: Ungläubigkeit und Irreligiosität ist neutral oder korreliert mit positiven Faktoren.

Daß Religion einen evolutionären Vorteil hat, paßt nicht zu den Daten. Monotheismus, zum einen, ist geschichtlich relativ neu und kann auf die Evolution unserer Vorfahren keinen Einfluß gehabt haben. Zum anderen häufen sich die Erkenntnisse, daß es sich um ein Epiphänomen handelt, daß neutral zu menschlicher Entwicklung steht.
Wir entdecken Religiosität in sämtlichen bekannten Gesellschaften, mit nur ein paar bemerkenswerten Ausnahmen, etwa den Pirahas. Das ist kein Indikator für die Wichtigkeit der Religion oder ihre Unverzichtbarkeit. Ich halte es für wahrscheinlich, daß der Zusammenhang ein anderer ist: Wir finden bei jedem Individuum in jeder Kultur Rituale, die der psychischen und zwischenmenschlichen Welt Stabilität verleihen. Die heidnische Definition für Religion lautet (siehe Cicero): Sorgfältige Einhaltung der Rituale. Das Wort "Religion" leitet sich von "Sorgfalt" ab, nicht von Rückbindung. Letzteres hat der Kirchenlehrer Laktanz behauptet, es gibt keinen Sprachwissenschaftler, der die Ansicht teilt. Die Religion okkupierte im Laufe der Zeit die Rituale, das ist der wahre Grund, warum sie allgegenwärtig ist.

Über die Fähigkeit, gemeinsamer Riten gemeinschaftsstiftend und identitätsbildend zu wirken, brauchen wir mit einer Burschenschaft nicht zu streiten – die genau auf dem Umstand beruht. Die positive Wirkung eines gemeinschaftlichen Brauchtums läßt sich nicht bestreiten. Ob die Riten religiös gestiftet wurden oder nicht trägt zu ihrer Wirksamkeit nicht bei. Je aufwändiger, schmerzhafter, intensiver die Rituale sind, umso deutlicher ist ihr Effekt – aber wem erzähle ich das. Gerade Burschenschafter dürften sich dessen bewußt sein. Als Hypnosetherapeut nutze ich die Macht der Gewohnheit tagtäglich. Heben wir die vorteilhaften Aspekte von Religion hervor, könnte es sein, daß wir die auf Ritualhandlungen zurückführen müssen.

Seit die Psychologie und Anthropologie die Religion als Untersuchungsgegenstand verstärkt ins Visier nimmt – seit 2001 – gibt es eine Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse, die dem widersprechen, was man bislang annahm. Aus der Ecke droht der monotheistischen Religion größeres Ungemach als aus der Evolutionsbiologie.
Wird beteuert, daß eine auf Gott gegründete Moral besser begründet ist als eine der vielen Alternativen, muß man einwenden: Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Gibt es keine hinreichende Begründung für die Existenz Gottes, ist jede darauf aufbauende Moral ohne Grundlage. Glauben kann man so gut wie alles.

Wenn, betrachten Gläubige in der Regel ausschließlich die Gründe, die für ihre Ansicht sprechen, und ignorieren die gegensprechenden. In der Psychologie nennt man das einen "Bestätigungsfehler". Es findet kein Abwägen statt, das Desinteresse an widersprechenden Rechtfertigungen ist auffällig. Man wird als Atheist zwar permanent aufgefordert, zu "beweisen, daß Gott nicht existiert". Verbunden mit der Behauptung, daß das nicht durchführbar sei. Wenn man eine der zahlreichen Schlußfolgerungen darlegt, wird man mit einer Flut an unbegründeten Spekulationen konfrontiert, die unvereinbar sind mit dem, was zuvor ausgesagt wurde. In vielen Fällen geht man gleich zur nächsten Stufe über und stellt Mutmaßungen über die innere Verfassung des Atheisten an. Der angeblich nicht glauben möchte, weil ihm persönliche Defizite im Wege stehen. Eine derartige Strategie, um Begründungen abzulehnen, hat in einer fairen Diskussion nichts zu suchen. Wenn man einen Gläubigen argumentativ in die Ecke drängt, wird vom Thema abgelenkt. Man muß kein Psychologe sein, um zu bemerken, daß hier etwas hinter den Kulissen des eigenen Verstands geschieht. Es wird nicht besser durch den Umstand, daß Ungläubige sich gereizt fühlen und humorige oder schnippische Antworten geben.

Was ist mit den nicht-monotheistischen Religionen?

Es gibt zwischen beispielsweise dem Heidentum und dem Christentum eine Reihe gravierender Unterschiede:
1. Gegenstand der Verehrung von heidnischen Naturreligionen ist die Natur.
2. Götter sind immanent, gehören der Natur an und stehen nicht über ihr oder außerhalb. Das Göttliche manifestiert sich in natürlichen Dingen.
3. Es gibt keine heiligen Texte oder Offenbarungen. Götter offenbaren sich in Naturgeschehen.
4. An Gottheiten »glaubt« man nicht, man verehrt sie, folgt ihnen oder opfert ihnen.
5. Götter werden in Mythen beschrieben. Das sind von Menschen verfaßte Schriften, die das Verhältnis von uns zur Umwelt beschreiben, aber über die Welt nichts aussagen.
6. Götter sind mehr Partner der Menschen, für die gilt: Tue ihnen Gutes, so tun sie Dir Gutes.
7. Zentral für die Religion sind Rituale, mit denen man mit Göttern und Menschen in Kontakt tritt oder Naturereignisse deutet.
8. Es gibt keine Unterscheidung zwischen "wahren" und "falschen" Religionen und keinen absoluten Wahrheitsanspruch.
9. Man verehrt den oder die Gottheiten in freier Wahl, die dem eigenen Lebensgefühl oder der eigenen Moral entsprechen.
10. Götter definiert man als Aspekte der Natur, die vermenschlicht werden, als menschliche Archetypen oder als moralische Leitbilder, die in Mythen beschrieben sind.
11. Naturreligionen kennen keinen Gründer oder Stifter.

Betrachten wir als Beispiel den Gott Poseidon. Er wird als fischschuppiger Mensch abgebildet, ein Symbol für die ungestüme Kraft und Launenhaftigkeit des Meeres, das Leben geben und nehmen kann. An den Aspekt der Natur muß man nicht glauben, wer zur See gefahren ist weiß das. Die gebildeten Heiden der Antike betrachteten die Ansicht, daß Götter wie Menschen seien, die auf dem Olymp wandeln, als primitiven Aberglauben des einfachen Volkes. Den Mythos darf man nicht wörtlich, man muß ihn symbolisch deuten.

Die Mysterienkulte wie der Dionysoskult, Attiskult, Osiriskult verehrten einen sterbenden und auferstehenden Gott. Für die Eingeweihten des Kultes handelt es sich um ein Symbol für die im Herbst "sterbende" und im Frühjahr "auferstehende" Natur. Es geht um eine symbolische Deutung natürlicher Ereignisse. Aus dem Grund konnten die Heiden Celsus und Porphyrios den frühen Christen vorwerfen, sie würden die Mysterienkulte kopieren und buchstabengetreu statt sinnbildlich auslegen. Das wurde – bevor Christen die heidnischen Kulte auslöschten – von christlichen Apologeten nicht bestritten. Man behauptete, der Teufel hätte die Mysterien vorher erschaffen, um später das Christentum zu diskreditieren!

Betrachtet man das Heidentum durch eine christliche Brille, mag man es für eine Art Vorform einer entwickelten, fortschrittlichen (monotheistischen) Religion betrachten. Sieht man genauer hin, bemerkt man, daß im Christentum der heidnische Aberglauben des einfachen Volkes weiterlebt und daß von einer Höherentwicklung kaum die Rede sein kann. Religionskriege gab es unter Heiden nicht, das ist eine Spezialität einer Weltsicht, die absolute Wahrheitsansprüche vertritt. Ob die transzendent wie in der Religion oder immanent wie z.B. im Kommunismus vertreten werden, spielt keine Rolle.

Als Atheist sympathisiere ich mit der heidnischen Ansicht, daß (alle) Götter in Mythen beschriebene moralische Leitbilder sind. Während weder Leib-Seele-Dualismus noch Supernaturalismus des Monotheismus mit dem wissenschaftlichen Naturalismus vereinbar sind, ist ein Heidentum mit letzterer Weltauffassung in jedem Aspekt kompatibel. Religion kann uns über die Welt, das SEIN, nichts sagen – nur über das SOLLEN. Die Wissenschaft wiederum kann uns nicht mitteilen, wie wir leben sollen, sondern nur, was möglich ist und wie die Konsequenzen aussehen.

Volker Dittmar

Geboren in eine katholische Familie im Jahre 1959 wuchs der Autor in einem religiösen Umfeld auf, das ihn in seiner Jugend geprägt hat. Bis unerwartet etwas Überraschendes geschah: Er wurde erwachsen und vernünftig. Erst später erfuhr er, dass beides optional ist. Eine wirksame Loslösung von den christlichen Wurzeln erfolgte durch das Studium der Psychologie. Nach Abschluß seiner Ausbildung verschlug es ihn, bedingt durch das Interesse an Computern, in eine fremde Branche – er bekam eine Anstellung in einer der größten Vermögensverwaltungen Europas. 17 Jahre programmierte er als Systemanalytiker an einer Buchhaltungssoftware. In 2001, am 11. September, erwachte seine Neugierde an der Religion erneut, und er schuf eine Website, die sich kritisch mit dem Thema befasste. Nachdem die Firma von einer Bank gekauft wurde, beschloss er, dem Leben eine neue Wendung zu geben und machte eine Ausbildung zum Hypnosetherapeuten mit. Als solcher lebt und arbeitet er heute in Hamburg.