Religion und Burschenschaft

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Der Schriftleiter hat dazu aufgerufen, sich über das Verhältnis zwischen der Burschenschaft und der Religion Gedanken zu machen. Dafür gebührt ihm Lob, zumal sich die Burschenschaft mit dem Verhältnis zwischen dem Dies- und dem Jenseits meist nur im Rahmen von Julfeiern beschäftigt. Oft wird dabei das Gleichnis vom Licht, welches die Dunkelheit durchbricht, angesprochen. Ein Symbol für das Gute welches wider das Reich der Finsternis kämpft. Es wäre eine Verlockung wert dieses Bildnis zum Anlaß zu nehmen, um tagespolitische Beispiele herauszuarbeiten, was denn alles ein Teil dieses Reiches der Finsternis sei. Ich möchte das nicht tun, sondern einige historische Beispiel aufzeigen, die uns bei der Beantwortung der Frage was diese Finsternis, die es zu durchbrechen gilt, ausmacht. Die Tagespolitik ist oft plakativ und oberflächlich – wer den Dingen auf den Grund gehen will, muß sich oft die Mühe machen tiefer zu graben.

Es sind drei Beispiele, die mir in den vergangenen Jahren begegnet sind, die ein gutes Gefühl für das geben, was wir Burschenschafter zutiefst ablehnen.

Das erste stammt aus der Zeit der Französischen Revolution. Der Jakobiner François Noël Babeuf (1760-1797) – einer der ersten Frühkommunisten – hatte damals den Plan gefaßt eine neue Gesellschaft auf Basis eines neuen Menschen zu errichten. Dazu wollte er das Privateigentum und die traditionellen Familienverbände abschaffen. In seinem Schlachtruf "Die Familie ist ein Greuel, ihr Erbrecht verewigt die Ungleichheit" kommt seine kollektivistische Weltanschauung trefflich zum Ausdruck. Seine Aufrufe standen unter dem Titel "Aufruf an die Höllische Armee" und das verwundert nicht, denn Babeufs Plan war nur bei oberflächlicher Betrachtung ein ökonomischer.
In Wahrheit ging es ihm um die Beseitigung der bestehenden abendländischen Religion zugunsten einer neuen Religion, die nicht mehr an Gott, sondern an ein Höchstes Wesen glaubt. Am Höhepunkt des Jakobinischen Terrors wurde die Zehntagewoche eingeführt, die Kirchen entweiht, eine neue Zeitrechnung eingeführt und unzählige Menschen getötet. Der vermeintliche Kampf für eine gerechte Verteilung von Gütern entpuppte sich rasch als Religionskrieg. Das traditionell geprägte Rechtsverständnis sollte einer Religion der Menschenrechte weichen.

Ein zweites Beispiel begegnet uns im Zuge der 1848er Revolution, als der Anarchist Michail Bakunin (1814-1876) sein Unwesen trieb. Bakunin hat uns ein ungemein aufschlußreiches Dokument hinterlassen, nämlich seinen sogenannten Revolutionären Katechismus.
Von einem Anarchisten würde man sich erwarten, daß er das Wesen des Anarchismus erklärt, nämlich daß das Gewaltmonopol von der juristischen Person Staat auf die einzelnen natürlichen Personen heruntergebrochen werden soll – um dadurch Machtmißbrauch unmöglich zu machen. Aber nein! Bakunin setzt überraschenderweise eine ganz andere Priorität in seinem Katechismus:

Der erste Punkt lautet schlicht und einfach: "Verneinung Gottes".
Der zweite – episch etwas breiter: "Achtung der Menschheit muß den Kult der Gottheit ersetzen".
Es folgen vier weitere Punkte, die vor allem das Prinzip der faktischen Gleichheit Aller und die Abschaffung des Staates zum Inhalt haben.

Ein drittes, besonders schönes Beispiel, stammt aus der neueren Geschichte, nämlich des Terrors der Roten Armee Fraktion aus den 1970er Jahren. Und zwar ist mir bei der Beschäftigung mit Andreas Baader ein interessantes Detail aufgefallen, nämlich die Frage nach seinem historischen Vorbild. Man würde vermuten, daß es sich um einen Che Guevara oder um einen Mao handeln würde – aber nein, sein Vorbild ist eine Figur die real überhaupt nie existierte, nämlich der einbeinige Kapitän Ahab aus Hermann Melvilles 1851 erschienenen Roman Moby Dick. Und da stellt sich die Frage, was denn der Terror der 1970er Jahre mit einer Waljagd des neunzehnten Jahrhunderts zu tun hat.

Fragen, deren Beantwortung einen genaueren Blick in Melvilles Meisterwerk erfordert. Der Schlüssel zum Verständnis liegt insbesondere im 9. Kapitel "Die Predigt". Hier läßt der Autor Vater Mapple das Gleichnis vom ungehorsamen Jona, dessen einziges Ziel es ist vor Gott in ein Land zu fliehen das nicht Gott, sondern allein die Kapitäne der Erde regieren, erzählen. Doch Jona soll seine Flucht nicht gelingen. Ein Wal vereitelt seinen Plan von der Errichtung einer gottlosen Gesellschaft: "Und nun sehet, wie Jona hochgehoben und wie ein Anker ins Meer geworfen wird! (...) Der Wal aber läßt all seine Elfenbeinzähne wie weiße Riegel über seinem Kerker zusammenschnappen. (...) Er spürt, daß seine Strafe gerecht ist. (...) Jona ist in Tharsis niemals angekommen".

Der Wal erweist sich somit als das entscheidende Hindernis zur Realisierung von Jonas gottlosem Plan. Solange der Wal wacht kann die gottlose Gesellschaft nicht errichtet werden. Und das ist genau der Punkt an dem Kapitän Ahab die Bühne betritt. Er ist einzig von einem Ziel getrieben: den Wal töten um den Weg zur Flucht vor Gott zu ermöglichen. Dafür ist er bereit sich selbst zu opfern. Diesem Ziel ordnet er bedingungslos alles andere unter. Als die Pequod im 128. Kapitel dem Walfängerschiff Rachel begegnet, und dessen Bitte zur Suche nach Schiffbrüchigen abweist, nimmt Ahab den Bruch mit dem Rest der menschlichen Zivilisation ohne weiteres in Kauf.

Gewidmet ist Moby-Dick oder Der Wal Nathaniel Hawthorne "zum Zeichen meiner Bewunderung für sein Genie", wie Melville 1851 schrieb. Dabei ist der Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern aufschlußreich, zumal diese Korrespondenz die Intention von Melvilles Parabel unterstreicht: "Soll ich Ihnen eine Flosse des Wals schicken, als Happen zum Vorkosten? Der Schwanz ist noch nicht gar – obwohl das Höllenfeuer, über dem das ganze Buch gegrillt wird, es eigentlich schon längst durchgegart haben müßte. Dies ist das Motto (das geheime) des Buchs – Ego non babtiso te in nomine – aber finden Sie den Rest selbst heraus."

Alle diese Beispiele haben etwas gemeinsam, nämlich einen unübersehbaren Bezug zum Jenseits. Die Höllische Armee, der Satanismus als intellektuelles Prinzip, das Höllenfeuer über dem der Wal sterben soll...

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wo da eigentlich die Burschenschaft steht, ob es eine burschenschaftliche Utopie gibt, die uns Aufschluß darüber geben kann, was wir eigentlich sind und wo wir in diesem ewigen Kampf stehen.
Verbandsbrüder, ja, diese Utopie gibt es. Um sie zu entdecken, müssen wir uns gedanklich in das Wintersemester 1818/19 nach Jena versetzen, denn dort begegneten sich zwei Männer, die für die burschenschaftliche Utopie von maßgeblicher Bedeutung sind. Nämlich der Philosophieprofessor Jakob Friedrich Fries und der Unbedingte Burschenschafter Karl Follenius, der später als Charles Follen Professor für deutsche Literatur in Harvard und dann unitaristischer Prediger in Boston werden sollte. Er war es übrigens, der den Brauch des Weihnachtsbaumes in die neue Welt trug.

Ihr Kreis ist von der Ethik des Philosophieprofessors Jakob Friedrich Fries geprägt: Gott hat seine Samenkörner in jeden Menschen gelegt – wer in sich hinein hört, kann seine Stimme vernehmen – wer Gottes Stimme vernimmt, hat eine Überzeugung – wer eine Überzeugung hat, muß sie realisieren. Dadurch soll sich die Welt in eine bessere, nämlich in eine Republik verwandeln. Literarisch wird diese Haltung durch den utopischen Roman Julius und Evagoras oder die Schönheit der Seele untermauert. In diesem Roman legt Fries seine Erwartung an die Burschenschaft dar – ein Jünglingsbund, der dem Volk die Republik vorlebt und Anarchisten bekehrt.

Ergänzt wird diese Utopie durch den Entwurf Follens für eine Künftige Deutsche Reichsverfassung – denn zu jeder Utopie gehört eine Gegenverfassung zu den politischen Zuständen der Realität. Diese sieht die Errichtung einer protestantisch-gesamtdeutschen Republik vor. Für die Angehörigen anderer Religionsgesellschaften und Völker soll in diesem neuen Deutschland grundsätzlich kein Platz sein.

Die burschenschaftliche Utopie erweist sich im Gegensatz zu den kommunistischen und anarchistischen als:
archistisch, also herrschaftsbejahend; als republikanisch-demokratisch und als reformiert christlich und somit antiklerikal. Und sie erweist sich somit keinesfalls als atheistisch, sondern basiert auf den Rechtsinstituten des Privateigentums und der Familie. Also auf genau jenen Rechtsinstituten, die die Jakobiner unter dem Vorwand der Einführung einer Religion der Menschenrechte beseitigen woll(t)en. Sie predigt nicht die Religion der Menschenrechte, sondern versteht sich als Bürgerrechtsbewegung.

Diese klare Positionierung überrascht nicht, zumal die Urburschenschaft niemals eine Partei der atheistischen Schule war. Sie ist eine Abspaltung der konservativen Gegenrevolution, also ein Teil jener Kraft, die in den Befreiungskriegen des frühen 19. Jahrhunderts wider Frankreich und gegen die neue Gesellschaftsordnung kämpfte. Die Abspaltung vollzog sich wenige Jahre nach der Völkerschlacht, nämlich im Zuge des Streites um den Artikel 13 der Bundesakte des Wiener Kongresses, der die Einführung von "Landständischen Verfassungen" vorsah.
Den interpretierten die Konservativen (Metternich, von Gentz) dahingehend, daß sie die alten Stände erhalten wollten und das Volk nur im Rahmen des ihnen Genehmen mitsprechen lassen wollten. Die Progressiven interpretierten diese Bestimmung als Verpflichtung zur Schaffung von Repräsentativverfassungen, also zur Abhaltung allgemeiner Wahlen. Der Dissens ("Bruch des Verfassungsversprechens") mündete in der Gründung der Burschenschaft, in weiterer Folge in den Karlsbader Beschlüssen.

Obgleich diese ideengeschichtliche Einordnung so manchem nicht mehr geläufig ist, erscheint mir die Burschenschaft der Gegenwart in allen wesentlichen Fragen sehr ähnlich zur Urburschenschaft. Ehe, Familie, Privateigentum, Volk, Demokratie sind allesamt Werte die wir uns beibehalten haben und die uns ausmachen. In Vergessenheit geraten ist hingegen die theologische Komponente, und somit auch die Erkenntnis, daß unsere politischen Gegner, also all diejenigen, welche die von uns behüteten Werte angreifen und abtöten wollen, eigentlich einen Religionskrieg gegen diese Werte und somit gegen unsere Gesellschaft führen. Die Linke will eine neue Gesellschaftsordnung auf Basis eines neuen Menschen. Das Christentum, das in seinen 10 Geboten unsere Werte wie das Privateigentum, die Ehe und die Familie schützt, ist dabei ein Hindernis das weggeräumt werden muß.

Es fragt sich, wie ein Verband, der sich im Laufe der Zeit in religiösen Fragen als zunehmend indifferent gezeigt hat, dieser Erkenntnis stellt. Vor dem Hintergrund der immer stärker werdenden gesellschaftspolitischen Erosion – als Beispiel sei die Einführung der Homoehe genannt – erschienene es mir adäquat, würde sich die Burschenschaft wieder mehr mit theologischen Fragen auseinandersetzen. Die Homoehe ist übrigens ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich die Bereiche von Theologie und Politik zunehmend vermischt haben.
Worum geht es bei der Forderung nach der Homoehe wirklich? Geht es darum, Diskriminierungen zu beseitigen? Oder geht es darum, daß der zivile Ehebegriff erstmals mit dem kirchlichen nicht mehr synchron sein soll? Wer – aus welchen Gründen auch immer – die traditionelle Ehe aufrecht erhalten will, wird sich mit der theologischen Dimension dieser Frage auseinandersetzen müssen. Wer dazu nicht bereit ist, wird den Kampf nicht gewinnen können – ebensowenig wie einer, der ein dreidimensionales Schachspiel nicht gewinnen kann indem er sein Spiel auf eine Ebene beschränkt.

Der sogenannte "Kronjurist des III. Reiches", Carl Schmitt, hat vielleicht ein wenig übertrieben als er in seiner Politischen Theologie versuchte den Nachweis zu führen, daß sich hinter jedem(!) politischen Problem in Wahrheit ein theologisches verbirgt. Ungeachtet dessen, hat er in seinem völkerrechtlichen Standardwerk Der Nomos der Erde uns eine Erkenntnis von ungeahnter Bedeutung geschenkt, nämlich die Lehre vom Katechon. Also von jener politischen Größe, die über die Jahrhunderte hinweg die Rolle dessen inne hatte der den Antichristen aufhielt und wider die Errichtung seines Reiches der Finsternis ankämpfte. Die prominentesten Vertreter dieser Gattung waren die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Und dieser Katechon ist – wenn Schmitt recht hat, wofür viel spricht – der Träger der Fackel, der Träger jenes Lichtes, das wir Burschenschafter so oft schon symbolisch entzündet haben um die Finsternis zu durchbrechen.
Ich meine, wir Burschenschafter sollten uns mit unseren Lichtern in seine Reihen eingliedern.

Norbert Nemeth (Olympia Wien)

Parlamentsrat Mag. Norbert Nemeth (Jg. 1969) ist Mitglieder der Wiener akad. Burschenschaft Olympia und Klubdirektor des Freiheitlichen Parlamentsklubs. Unter dem Pseudonym S. Coell veröffentlichte Nemeth den historischen Roman "Im Schatten des Gracchus".