Zwangsbeglückung kann Unglück sein

Nächstenliebe setzt Selbstliebe voraus – Glaube hat noch immer gesellschaftlich höchste Bindekraft

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Papst Benedikt XVI. hat die Christenheit vor Verweltlichung und Beliebigkeit gewarnt. Er hob 2006 vor deutschen Studenten in Regensburg die Nähe des Islams zur Gewalt als Herausforderung hervor. Falsch verstandene Toleranz gibt es bei Christen und Atheisten gleichermaßen. Der Glaube hat aber die notwendige gesellschaftliche Bindekraft, um eine richtig interpretierte Nächstenliebe zu leben. Das ist ein ehrenamtliches Aufgabenfeld für ins bürgerliche Berufsleben einsteigende Burschenschafter.

Einer der berühmtesten Rabbiner des Spätjudentums, Rabbi Hillel (um 110 v. Chr. bis um 9 n. Chr.), soll einer Anekdote nach einem Heiden in einer Zeitspanne, die ein Mensch auf einem Fuße stehen könne, das Judentum nahegebracht haben. "Was Dir selbst widerwärtig ist, das tue auch Deinem Nächsten nicht an. Das ist das ganze Gesetz ­­– alles andere ist Auslegung." Nur wenige Jahrzehnte später kam ein Rabbi auf Jesus zu und fragte diesen: "Was muß ich tun, um das Heil zu erlangen?". Die Antwort Jesu ist uns heute als die beiden wichtigsten christlichen Gebote bekannt. "Du sollst Gott, Deinen Herrn, lieben aus Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzen Geist. Ein zweites aber ist diesem gleich: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst." Diese simplen Grundlagen des jüdischen und christlichen Glaubens haben bis heute Gültigkeit, spiegeln sich in säkularer Form in den Grundrechten wider.

Wer heute auf die deutschen christlichen Kirchen blickt, kommt nicht umhin, eine tiefe, fast hilflose Empathie für alle Geschundenen, Verarmten und Vertriebenen dieser Welt zu erkennen. Auch das Judentum kennt diese Empathie. Ein Vergleich zwischen Israel, dem jüdischen Staat, und Deutschland, unserem christlich-jüdisch geprägten Vaterland, zeigt indessen eine große Kluft in der Bereitschaft der beiden Länder, die eigenen Errungenschaften zu verteidigen. Während Israel gegen den gesamten Islam im Nahen Osten sich in Verteidigungshaltung befindet, zeigen sich die christlichen Kirchen – vom Credo der Nächstenliebe geprägt – bereit, jeden tatsächlich oder vermeintlich Geschundenen dieser Welt aufnehmen zu wollen.

Dabei ist offensichtlich, daß ein Großteil der muslimischen Glaubensrichtungen für das Credo der Durchsetzung des Islams als Glaubens- und Rechtsordnung anfällig ist. Es gibt – das gehört zum vollständigen Bild – tatsächlich auch liberale islamische Glaubensrichtungen, beispielsweise die auf den Mystiker Hadschi Bektasch (13. Jh.) zurückgehende Bektaschi, deren Zentrum heute in Albanien ansässig ist. Der in Deutschland wachsende Islam bringt im Ganzen dennoch eine kulturelle Veränderung mit sich, die religiös geprägt ist und partiell einen politischen Anspruch verfolgt, was sich am anachronistischen Frauenbild und an der Bewertung von Ungläubigen ausmachen läßt.

Veränderung durch Zuwanderung

Das Nichtsehenwollen dieser durch Zuwanderung erfolgenden Veränderung des gesellschaftlichen Spektrums innerhalb der beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland geht einher mit einem Schrumpfen der Kirchen. Seit 1990 haben die Katholiken rund 5 Millionen und die Lutheraner mehr als 7 Millionen Gläubige verloren, der Islam in derselben Zeit 1,5 Millionen Gläubige hinzugewonnen. Doch obwohl die Kirchen einen massiven Mitgliederrückgang verzeichnen müssen, ist die Sehnsucht nach Halt im Glauben groß. Kleine freie Gemeinden etablieren sich neu und bieten Halt, wo die großen Kirchen durch Verweltlichung, durch eine sich selbst verleugnende Toleranz Raum lassen.

Haben die Kirchen den zweiten Teil der Nächstenliebe aus den Augen verloren? Die Liebe zum Nächsten ist ohne Eigenliebe nicht denkbar. Was zu Silvester 2015/16 am Fuße des Kölner Doms geschah, und nicht nur dort, spricht Bände und war eine Demonstration davon, daß Deutschland es eben nicht mit Einzelfällen zu tun hat, sondern mit einer massiven Ausbreitung eines patriarchalischen Glaubens, der der christlichen Toleranz Stärke entgegensetzt, der grenzenlose Empathie mit Selbstbewußtsein beantwortet. Auch die jüdischen Gemeinden in Deutschland beklagen ein Wiedererstarken des Antisemitismus – diesmal vornehmlich durch Muslime. Ob die typisch deutsche, entgrenzte Toleranz ein Effekt aus den Verbrechen des NS-Regimes ist, mag dahinstehen, denn die Antwort hilft nicht bei der Zukunftssicherung. Tatsache bleibt, daß vom Islam eine potentielle und bereits mehrfach in Deutschland realisierte Gefahr der Gewalt ausgeht. Auf die hatte Papst Benedikt XVI. hingewiesen, indem er am 12. September 2006 in einer Rede an der Universität Regensburg einen Dialog zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350 bis 1425) und einem persischen Gelehrten zitierte:

"Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von 'Schriftbesitzern' und 'Ungläubigen' einzulassen, wendet er (der Kaiser) sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: 'Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten'.
Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. 'Gott hat kein Gefallen am Blut', sagt er, 'und nicht vernunftgemäß, nicht σὺν λόγω zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider'. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung."

Ein Blick auf unsere europäischen Nachbarn im Zusammenhang mit dem Dublin-Abkommen zeigt, daß es in Europa Nationen gibt, die mit mehr Vernunft das eigene Land und die eigene Kultur schützen, die die Liebe zu sich selbst nicht verleugnen – sie lehnen die erweiterte Aufnahme von Flüchtlingen – über das Maß des bereits national Praktizierten hinaus – ab. Das katholische Polen ist dabei ein besonderer Fels in der Brandung. Doch auch Irland und andere Nationen zeigen, daß sie die Selbstliebe als ein Teil der Nächstenliebe verstehen. Selbstliebe ist Ausdruck eines Selbstwertgefühls – das gilt für den Einzelnen, das gilt für die Gläubigen und das gilt auch für Deutschland und Europa.

Ein neues Selbstwertgefühl der Deutschen als Kulturgemeinschaft wäre wünschenswert. Der Glaube – mit oder ohne die beiden großen Kirchen – kann dabei helfen. Ein starker selbstbewußter Glaube hat eine breite gesellschaftliche Bindekraft, da das Christentum seit mehr als 1000 Jahren den deutschen Kulturraum prägt. Wie in allen christlichen Ländern ist es der Kirche gelungen, althergebrachtes Kulturgut zu integrieren und somit eine größtmögliche Akzeptanz zu erzeugen. Wir kennen diese Integration als Weihnachtsbaum, als Osterhase, -eier und Feuer. Selbst die Terminierung des Weihnachtsfestes ist eine Berücksichtigung heidnischer Bräuche.

Wie sieht die Alternative aus? Der Atheismus ist kein brauchbarer Ersatz für einen starken christlichen Glauben. Er hat Bindekraft nur für den Atheisten selbst, fördert dadurch eher den Hedonismus und kann allenfalls den fragilen Verfassungspatriotismus als gemeinsame ethische Programmatik beschwören. Atheismus ist die Plattform für Beliebigkeit und somit auch für das Entstehen neuer Extremismen. Die reine Sprach- und Kulturgemeinschaft enthält keinerlei ethische Rahmenbedingungen.

Tatsächlich ist das Christentum, selbst heute noch, mit großem Abstand zu anderen ethischen Philosophien die stärkste, relevante moralische Kraft in Deutschland. Eine Erneuerung des Glaubens, eine Wiederaufnahme der durch Selbstliebe vervollständigten Nächstenliebe hat das Potential, Deutschland in die politische Normalität zurückzuführen, eine Normalität, in der nicht nur die eigene Kultur, sondern auch das Asylrecht als hohes Gut wertgeschätzt und geschützt wird vor einer Entwertung durch eine Massenzuwanderung.

Weder die sieben leiblichen noch die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit stehen dabei im Widerspruch zum Schutz der eigenen Kultur- und Glaubensgemeinschaft. Fremde aufzunehmen ist barmherzig, Lästige geduldig zu ertragen ebenfalls – so steht es im katholischen Katechismus. Der katholische Moraltheologe und Jesuit Peter Knauer zeigte 2002 in seinem Werk Handlungsnetze – Über das Grundprinzip der Ethik die Grenzen der Nächstenliebe auf:
"Zwangsbeglückung kann die schlimmste Form von Unglück sein. In Wirklichkeit geht es in der Forderung, den Nächsten wie sich selbst zu lieben, anstelle von Selbstliebe um die Fähigkeit, sich selber in die Situation anderer hineinzuversetzen und dann in deren wirklichem Interesse zu handeln. Dabei genügt es nicht, vermeintlich im Interesse der anderen zu handeln; man muss alles tun, um sich vor solcher Selbsttäuschung zu schützen. Natürlich kann es auch nicht darum gehen, anderen unter Vernachlässigung der eigenen Person zu helfen und dadurch letztlich auch die Hilfe selbst zu untergraben."

Ähnlich die Auslegung des Wiener Moraltheologen Karl Hörmann (1915-2004) zu den Grenzen der Nächstenliebe in seinem Lexikon zur christlichen Moral: "Schon innerlich kann er nicht jedem Mitmenschen seine liebende Aufmerksamkeit zuwenden und noch weniger kann er sich für die Anliegen eines jeden Mitmenschen durch die Tat einsetzen. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als für das Tun der Nächstenliebe eine kluge Auswahl zu treffen, etwa nach seiner näheren oder entfernteren Verbundenheit mit den Mitmenschen, nach der Größe ihrer Not, nach dem Rang der Werte, um die es für sie geht (vgl. Pflichtenkollision, Wert). Wenn sich z.B. mehrere Mitmenschen in gleicher Not befinden, drängt die Nächstenliebe den Menschen zur Hilfe für den, der ihm durch alle Gegebenheiten und Fügungen am nächsten verbunden ist; bei gleicher Verbundenheit aber fordert die Nächstenliebe den Einsatz dort, wo die Not am größten ist."

Die Risiken sind nach wie vor nicht behoben

Empathie für von Fluchtursachen Betroffene heißt mithin nicht, jene 60 Millionen Menschen, die sich derzeit auf den Weg nach Europa befinden, aufzunehmen, sondern sich auf die schlimmsten Fälle der Entwurzelten zu konzentrieren und sich im Rahmen der Möglichkeiten um die Beendigung von Fluchtursachen zu bemühen. Wir können weder alle aufnehmen, noch können wir jede Not lindern. Wir können aber zu einem gesunden Glauben, zu einer von Herz und Ratio geprägten Nächstenliebe zurückfinden.
Selbstliebe bedeutet, zwischen recht und schlecht zu unterscheiden. Der Christ kann erlittene Unbill vergeben, er muß sich sogar darum bemühen. Vergebung heißt aber nicht, den Täter vor staatlicher Ahndung zu bewahren oder den potentiellen Wiederholungstäter, also den nicht-reuigen Sünder nicht auf Distanz zu halten.
Unsere Heimat ist durch den unbegrenzten Zuzug von Flüchtlingen aus sicheren Drittländern an den Rand der gesellschaftlichen Belastbarkeit geraten. Die Risiken sind nach wie vor nicht behoben – sie realisieren sich immer wieder, dafür stehen Freiburg, Ansbach, Würzburg und jetzt Berlin. Da "Nächster" nicht nur der Fremde, sondern auch der Verwandte ist, gibt es selbst aus engagiertem Glauben heraus keinen Grund für eine entgrenzte, den eigenen Selbstwert verleugnende Toleranz.

Burschenschafter als engagierte Christen können kulturschützende Patrioten und im Idealfall Hüter einer Nächstenliebe sein, die die Liebe zum eigenen Volk nicht ausblendet. Ein starker Glaube, ein engagiertes Christsein können das Selbstbewußtsein des Landes – ungeachtet des säkularisierten Staates – stärken. Das jüdisch-christlich geprägte Abendland kann nur retten, wer die jüdisch-christliche Kultur zu retten versteht, wer den Glauben lebt. An dem Tag, an dem dieser Glaube zur unbedeutenden Minderheit geworden ist, kann auch das so geprägte Abendland nicht mehr gerettet werden. Ob Deutschland dann noch Burschenschafter braucht, die Frage darf gestellt werden.

Sich auf Gott einzulassen, Glaube zu leben und Gemeinde mit zu prägen, ist daher sinnstiftend und mit Blick auf die Wurzeln unserer Gemeinschaft sogar urburschenschaftlich. Ob dies in den beiden großen Kirchen geschieht, oder in neuen freien Gemeinden, die bibeltreuer und konservativer ihren Glauben leben, ist aus Sicht des Verfassers dabei zweitrangig. Gelebter Glaube und engagierte Kirchenmitgliedschaft ist eine Möglichkeit, um die Selbstliebe als notwendigen Teil der Nächstenliebe neu beleben zu können und auf diesem Wege eine breiten Konsens in der europäischen Christenheit für eine Rückbesinnung auf die zu verteidigenden Werte zu erreichen.

Bernhard Knapstein (Germania Leipzig)

Bernhard Knapstein (Germania Leipzig)

Der 1967 in Köln geborene Leipziger Germane ist seit WS 1988/98 Burschenschafter. Der engagierte Katholik hat in Köln Geschichte, Sport- und Rechtswissenschaften studiert. Knapstein ist verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet heute als angestellter Journalist einer Tageszeitung in der Lüneburger Heide.