Mortui Viventes Obligant

Kategorie: Schwerpunkt


Wir sind zusammengekommen, um unsere Toten zu ehren. Unser Gedenken gilt allen verstorbenen Burschenschaftern. Besonders trauern wir um diejenigen, die vor ihrer Zeit aus unseren Reihen fortgerissen worden sind.

Unser Blick gilt 200 Jahren burschenschaftlichen Lebens. Burschenschafter haben die Entwicklung Deutschlands konstruktiv und kritisch begleitet. Jeder lebte unter den Bedingungen seiner Zeit. Und jeder war stets bemüht, nach unseren Idealen von Ehre, Freiheit und Vaterland so zu handeln, wie es ihm geboten und möglich erschien. Welche Bedeutung hat all das für uns, die wir uns heute hier versammelt haben? Viele Generationen unserer Brüder haben ihre Pflicht als Burschenschafter erfüllt: Ob als freigeistiger Student, als kritischer Staatsbürger, im ehrhaften Eintreten für die Freiheit, im Ringen um ein besseres Deutschland. Wir stehen heute hier vor dem Burschenschaftsdenkmal, um ihrer zu gedenken.

DAS WERDEN DER BURSCHENSCHAFT

Jede Geschichte hat ihre Wurzeln. Für die Burschenschaft sind uns heute zwei dieser Wurzeln wichtig. Einmal die der Studentenverbindung. Sie liegt in den alten Landsmannschaften. Dann die Wurzel der Freiheit. Der Freiheit als Idee, aber auch der Freiheit als praktischer Herausforderung in der Zeit der Befreiungskriege gegen die französische Besetzung unter Napoleon.

Das ist auch die Geschichte von Gottlieb Schnelle. Ostern 1809 begann er zu studieren. Zunächst in Göttingen, ab Herbst dann in Jena.1 Zusammen mit seinen mecklenburgischen Landsleuten gründete er dort die Vandalia, deren Senior er wurde. Großen Einfluss auf Gottlieb Schnelle hatten Männer wie Luden, Friesen und Jahn. Deutschland war zersplittert, wie auch die Studentenschaft es war. Das war der geistige Nährboden, in dem der Wunsch nach einer „allgemeinen Verbindung“ aufkam. Schnelle war einer ihrer intensivsten Befürworter. Dann schloss er sich dem Lützowschen Freicorps an und wurde bald schon Leutnant. Als sich zur Gründung der Urburschenschaft in Jena am 12. Juni 1815 auch die Fahnen der Vandalia vor der Grünen Tanne senkten, stand Gottlieb Schnelle im Feld. Kurz danach wurde er in der Schlacht bei Ligny verletzt und bekam Wundfieber. Gottlieb Schnelle starb am 6. Juli 1815.2 Heute sprechen wir seinen Namen aus und sagen ihm dadurch: Dich vergessen wir nicht!

VON DEN BEFREIUNGSKRIEGEN ZUR REVOLUTION

Die Gründung der Burschenschaft führte zum Wartburgfest, von dem ein Fanal der Freiheit ausging. Unsere Landsleute verfolgten die Unabhängigkeitsbestrebungen in Südamerika und das Ringen um mehr Freiheit in Ländern Europas mit großer Anteilnahme. Mit dem Herzen waren die gebildeten Deutschen dabei, als sich die Griechen gegen die Türkei erhoben, um Freiheit und Unabhängigkeit zu erreichen. Gymnasiasten und Studenten traten in das Freiwilligenbataillon der „Philhellenen“ ein, das zur Hälfte aus Deutschen bestand. Dieser Idealismus war von Herzen gut gemeint, die Realität aber war bitter.Viele der jungen Männer sind umgekommen.4 

Burschenschafter kämpften auch 1830/31 im polnischen Novemberaufstand.5 1832 wehte auf dem Hambacher Fest nicht nur unsere schwarz–rot–goldene, sondern auch die weiß–rote polnische Fahne. Burschenschafter und andere Verbindungsstudenten tragen auch heute noch die Pekesche. Die damaligen Burschenschafter wollten zeigen, dass Freiheit überall erreicht werden kann. Nicht nur in Griechenland oder Polen, sondern auch in Deutschland.6


Das Jahr 1848 ist mit der Revolution verbunden. Das war auch das Leben von Franz Wilhelm Adolph von Trützschler, Mitglied der Gesellschaft auf dem Burgkeller– Jena, später des Corps Montania Leipzig. Er war Führer der Vormärzbewegung in Sachsen und gehörte zeitweilig der Frankfurter Nationalversammlung an. Dann trat er in den Dienst der badischen Revolutionsregierung. Nachdem preußische Truppen die Revolution niedergeschlagen hatten, scheiterte seine Flucht. Am 14. August 1849 wurde er in Mannheim auf dem Hauptfriedhof erschossen.7 

Wir gedenken all jener, die in den Befreiungskriegen für ein einiges und freies Deutschland kämpften. Wir denken an die Gründer der Urburschenschaft vor 200 Jahren. Wir vergessen auch nicht die Burschenschafter, die sich für die Freiheit anderer Völker in Europa einsetzten und dabei ihr Leben ließen. Schließlich gedenken wir auch all jener, die in der Revolution für die Freiheit alles wagten und verloren.

AUSLÄNDISCHE BURSCHENSCHAFTER, BURSCHENSCHAFTLICHE AUSWANDERER

Schon immer kamen Studenten aus allen Ländern der Welt an deutsche Universitäten. Mancher schloss sich in Deutschland einer Burschenschaft an. Unser freiheitliches Gedankengut nahm er dann später mit in seine Heimat. So jemand war Isidorio Errázuriz aus Chile. Er studierte in Göttingen Rechtswissenschaften und gehörte zur dortigen Burschenschaft Hannovera. Errázuriz ging zurück nach Chile und war im freiheitlichen Sinne für sein fernes Vaterland aktiv.8 Er ist ein Beispiel dafür, dass die Ideale der Burschenschaft in vielen Völkern und Ländern Anhänger haben. Ehre, Freiheit und Vaterland sind ewige Werte, die überall gelten.

Gerade in Chile gab und gibt es den geistigen Nährboden, der die Existenz von Burschenschaften ermöglicht. In unser heutiges Gedenken schließen wir ausdrücklich die verstorbenen Brüder der Burschenschaften in Chile mit ein.

Viele Deutsche wanderten aus, darunter auch Burschenschafter. Einer von ihnen war Carl Slevogt. Er studierte Philosophie in Königsberg und war einer der Gründer der Burschenschaft Gothia. Später ging er nach Amerika. Bei Ausbruch des Sezessionskrieges wurde er Offizier der Unionstruppen. Im Rang eines Captain nahm er an der Schlacht von Fredericksburg teil. Dort fiel Carl Slevogt am 13. Dezember 1862.9

In die heutige Ehrung schließen wir alle Burschenschafter ein, die ihre Heimat außerhalb Deutschlands hatten oder später in ihrem Leben fanden.

EINIGUNGSKRIEGE UND DIE ZEIT DANACH

Während in Nordamerika der Sezessionskrieg tobte, gab es auch bei uns Kriege. Und sie forderten ihre Opfer. Ich denke an Adolf Schulze, aktiv bei der Burschenschaft Arminia Berlin. Er war Soldat im deutsch–dänischen Krieg, wurde schwer verletzt und verstarb 1864 im Lazarett. Im Deutschen Bruderkrieg fiel 1866 Alexander Wallinger, Mitglied der Wiener akademischen Burschenschaft Olympia.10

Der danach geführte Krieg zwischen Deutschland und Frankreich griff stark in das innere Gefüge der studentischen Verbindungen ein.11 Viele Burschenschafter kämpften. Ein Beispiel ist Hermann Emmrich aus Meiningen. Der junge Student wurde im Sommersemester 1870 bei Germania Leipzig aktiv. Statt der erhofften akademischen Zukunft kam der Krieg. Hermann Emmrich wurde am 8. Januar 1871 schwer verletzt. Zum Sterben brauchte er zwei Tage. Im Okkupationsfeldzug von 1878 eroberte Österreich–Ungarn das ihm im Berliner Kongress zugesprochene Bosnien und die Herzegowina. Auch Studenten wurden einberufen. Einer von ihnen war Max Piesslinger, Angehöriger der Oberösterreicher Germanen zu Wien. Er kehrte todkrank aus dem Feldzug zurück und starb kurze Zeit später.12

Heute gedenken wir auch aller Burschenschafter, die ihr Leben in den Einigungskriegen und im Feldzug von 1878 verloren haben.

ERSTER WELTKRIEG

Vor etwas mehr als 100 Jahren taumelte Europa in einen Krieg, der sich rasch zum Weltkrieg ausweitete. Alle Burschenschafter taten ihre Pflicht. Viele starben. Die Gefallenentafeln auf unseren Häusern nennen ihre Namen. Die jungen Soldaten, die mit echter Begeisterung in den Krieg zogen, gingen von einem großen Abenteuer mit geringen Gefahren aus. „Weihnachten sind wir wieder zuhause“, so dachten sie. Im Kopf waren die Erzählungen der Alten über 1870/71.13 Doch Krieg und Kampf waren seitdem zu einer Industrie geworden, in der das Material mehr zählte als der einzelne Soldat. Gewiss, auch der Einzelne konnte sich im Schlachtengetümmel noch bewähren. Aber viele hatten dazu im Feuer der Maschinengewehre keine Chance.

Hier vor dem Burschenschaftsdenkmal stehen wir an der Langemarck–Grube. Langemarck steht heute symbolisch für alle Schlachten des Ersten Weltkrieges, in denen die Jugend Deutschlands in Scharen gefallen ist.

Wir Germanen denken an unseren Bundesbruder Heinrich Haas, der in Marburg Medizin studierte. Im Sommersemester 1913 trat er unserem Bund bei. Auch sein Vater war bereits Germane. Man spürt die allgemeine Stimmung zu Kriegsbeginn in dem, was Haas II aus dem Feld an seine Eltern schrieb: „Vater, Mutter, Elternhaus, Geschwister, vielleicht auch ein heißgeliebtes Mädel und viele andere, gute Verwandte und Bekannte: alles muss man lassen, vielleicht für eine kurze Spanne, vielleicht auch für eine längere. Alles droht einem. Nicht berücken lassen wir uns davon. Stehen wollen wir unseren Mann, dass alle, die uns kennen, mit Stolz sagen können: den kenne ich auch.“ Danach lernte er die Realität des Krieges kennen. Es kam noch eine Karte von Langemarck. Aus seinen Worten hört man, dass er deutlich ernüchtert war. Er schrieb an seine Eltern: „Meine Lieben! Eben geht’s an die Engländer. Gottbefohlen!“ Wiedergekommen ist er nicht. Am 23. Oktober 1914 erhielt er einen Kopfschuss und war nach wenigen Minuten tot.14

Wenn wir heute den Namen von Heinrich Haas nennen, denken wir an alle Burschenschafter, die bei Langemarck gefallen sind. Hier, an der Langemarck– Grube vor dem Burschenschaftsdenkmal, sagen wir ihnen, dass sie zu uns gehören. Dass wir an sie denken. Dass sie ein Teil unserer Gemeinschaft sind und immer sein werden. Die Einigungskriege und der Weltkrieg waren für alle Burschenschaften ein Einschnitt, der schmerzte. So hat die Burschenschaft Germania Jena im deutsch–französischen Krieg und im Ersten Weltkrieg insgesamt 72 Bundesbrüder verloren.

Die Worte von Fritz Gentsch beschreiben das ganze Elend des Krieges: Draußen von feindlichen Kugeln zerrissen, mit Todesschmerzen herausgerissen. Das gilt für alle unsere Brüder. Wir werden sie nicht vergessen.

Wir gedenken aller Burschenschafter, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. An einen von ihnen wollen wir am heutigen Tage noch besonders erinnern. Es handelt sich um Curt Tischer. Curt Tischer stammt von hier, aus Eisenach. Er studierte in Kiel, wo er im Wintersemester 1905/06 bei der Burschenschaft Teutonia aktiv wurde. Sein Studium konnte er noch abschließen. Er war Referendar. Dann wurde er Soldat. Curt Tischer ist auf den Tag genau vor 100 Jahren gefallen. Am 29. Mai 1915 endete sein irdisches Leben. Wenn wir heute an Curt Tischer erinnern, geht es nicht nur um seinen 100. Todestag. Er war ein Kind dieser Stadt. Wenn wir ihn nennen, dann gedenken wir auch aller Eisenacher, die in den Kriegen ihr Leben verloren haben.

ZWEITER WELTKRIEG

Am 12. Juli 1936 trafen sich Frontkämpfer aller teilnehmenden Länder bei Verdun. Zwanzig Jahre zuvor tobte jene Schlacht, der etwa 700.000 Männer zum Opfer gefallen sind. Ein Teilnehmer berichtet: „Da waren nicht nur Deutsche und Franzosen, sondern auch Italiener, Amerikaner, Briten, Kanadier und Belgier.“ Diese Männer wussten, was Krieg war. Alle legten vor den Gebeinen der Toten einen Schwur ab, den Weltfrieden zu achten und zu schützen. „Nie wieder“, so riefen sie in allen Sprachen. 16

Heute wissen wir, dass es anders kommen sollte. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Angriff auf Polen. Ich denke an Franz–Georg Donow, seit dem Wintersemester 1931/32 Mitglied der Burschenschaft Germania Danzig. Er fiel an diesem Tag. Einer der ersten von so vielen, die ihr Leben noch lassen sollten.

Den Namen von Franz–Georg Donow nenne ich stellvertretend für alle Burschenschafter, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten gefallen sind. Es gehört auch zu diesem Krieg, dass sich die Kampfhandlungen nicht auf die beteiligten Soldaten beschränkten. Im Hagel der Bomben kamen unendlich viele Zivilisten um. Ganze Familien wurden ausgelöscht. So die des Rechtsanwalts Werner Horn, aktiv bei der Burschenschaft Derendingia Tübingen im Sommersemester 1921/22. Er war ein begeisterter Burschenschafter. Mehrfach gelang es ihm, Abiturienten seiner Heimatstadt Chemnitz für seinen Bund zu werben. Werner Horn heiratete im Kriegsjahr 1940. Anfang 1945 wurde der Familie ein Sohn geboren. Ein Glück, das nur von kurzer Dauer war. Am 3. März 1945 fiel er mit Mutter, Frau und Kind einem schweren Bombenangriff auf Chemnitz zum Opfer.17

Ein bitterer Teil der Wahrheit über jene Zeit ist, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Anschauungen verfolgt wurden. Das war das Schicksal des Mediziners Oskar Franz Scheuer, Mitglied der Burschenschaften Fidelitas Wien und Alemannia Prag. Außerdem war er Ehrenmitglied der Lese– und Redehalle der deutschen Studenten in Prag und des Burschenbundes Guestphalia in Freiburg. In unseren Kreisen bekannt wurde Scheuer als Studentenhistoriker. Schon früh wandte er sich vom jüdischen Glauben ab. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Scheuer tapfer und wurde mehrfach ausgezeichnet. Ende Oktober 1941 wurden er und seine Frau verhaftet und in das Ghetto Litzmannstadt18 deportiert. Dort kam er um.19

Es gab auch Burschenschafter, die in jener Zeit nicht geschwiegen haben. So war es bei Hans Menges. Geboren in Karlsruhe, studierte er an der dortigen Technischen Hochschule Architektur. 1927 wurde er bei der Burschenschaft Arminia aktiv. Menges war auch Mitglied des Jung–Stahlhelms, der später in die NSDAP überführt wurde. So wurde er Parteigenosse. Hans Menges gehörte nicht zur damaligen Opposition. Aber er hatte sein burschenschaftliches Ethos behalten. Er ging davon aus, in seiner Partei so frei reden zu können wie er es im Kreise der Bundesbrüder konnte. In persönlichen Gesprächen wies er auf Missstände und Unrecht hin. Er hielt den Krieg für aussichtslos und suchte Mitstreiter für einen ehrenvollen Frieden. 20 Hans Menges wurde denunziert, zunächst aber nur strafversetzt. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er dann verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Es gibt ein Spannungsverhältnis von staatlich verordneter Pflicht und freiem, burschenschaftlichem Handeln. Das wird anhand dieser Zeit von Diktatur und Krieg besonders deutlich. Dietmar Kopp und Klaus Oldenhage haben dazu ausgeführt: Jedes Urteil hat davon auszugehen, dass niemandem allein aus der Tatsache ein Vorwurf gemacht oder erspart werden kann, dass er als Soldat in der Deutschen Wehrmacht kämpfte, zum Widerstand gehörte oder beides miteinander verband oder ob er aus persönlichen oder politischen Gründen in die Emigration ging oder im Lande blieb. Sie weisen auf Konrad Adenauer hin, der vor dem Deutschen Bundestag sagte: „Es kommt in jedem Falle darauf an, dass die Motive seines Handelns wie sein Handeln selbst ehrenhaft waren.“21
Das gilt für unsere Bundesbrüder, deren Namen wir auf den Gefallenentafeln auf unseren Häusern in Ehren halten. Das gilt für alle Brüder, an die wir uns heute erinnern. Sie alle wollten leben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen sind sie getötet worden. Sie handelten im Einklang mit ihren Idealen und taten in schwerer Zeit, was ihr burschenschaftliches Gewissen von ihnen verlangte. Diesen Männern gilt unser Gedenken.

DIE ZEIT NACH ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES

Mit dem Ende des Krieges kam keineswegs das Ende des Sterbens. Viele Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Wir nennen Kurt Muth, einen HNO–Arzt. Er war Burschenschafter, wurde 1919 bei Arminia auf dem Burgkeller in Jena aktiv. 1946 starb er in russischer Kriegsgefangenschaft an der Ruhr.

Viele Menschen verloren ihr Leben bei Flucht und Vertreibung aus dem Osten. Einer von ihnen war Richard Rosenberg. Als Student war er bei Ghibellinia Prag aktiv, im Beruf dann Rechtsanwalt in Tetschen an der Elbe. Er wurde aus seiner Heimat vertrieben und schaffte es noch bis Rosenheim. Dort erlag er seinen Strapazen. Mit dem Ende des braunen Regimes kam keineswegs das Ende der schrecklichen Lager in Deutschland. Die roten Machthaber haben in ihrem Bereich nicht nur alte Lager weiterbetrieben, sondern auch neue errichtet. Diese dienten als „Speziallager“ vor allem der Unterdrückung politischer Gegner. Dabei denken wir an Hans Oskar Gelbhaar, Normannia Leipzig. Er war Jurist, zuletzt Richter am Reichsverwaltungsgericht. Im September 1945 wurde in Mühlberg an der Elbe das Speziallager Nr. 1 eingerichtet. Das Leben von Hans Oskar Gelbhaar endete dort am 17. Dezember 1945.22 Wir gedenken heute aller, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten gefallen sind, die als Zivilisten bei Bombenangriffen ums Leben kamen, die aus rassischen oder politischen Gründen getötet wurden. Wir denken auch an diejenigen, die ihr Leben bei Flucht und Vertreibung verloren haben.

DIE TOTEN VERPFLICHTEN DIE LEBENDEN

Augenblicke wie dieser sind Momente der Erinnerung. Wir nennen die Namen unserer Toten aus 200 Jahren, wir rufen sie in unsere Mitte. Es ist aber auch die Zeit des Nachdenkens. Was bedeuten diese Männer für uns? Gibt es etwas, zu dem sie uns verpflichten? Wer sind wir, die hier stehen? Wir sind nicht Gottlieb Schnelle, Alexander Wallinger oder Curt Tischer. Wir sind nicht Carl Slevogt, Heinrich Haas oder Hans Oskar Gelbhaar.

UND WIR SIND ES DOCH.

Burschenschafter zu sein ist eine Lebensentscheidung. Wir wissen, warum die Farben schwarz–rot–gold überall im Land wehen. Wir wissen, für welche freiheitlichen Werte sie stehen. Wir sind stolz, dass Forderungen des Wartburgfestes Eingang in viele Verfassungen und in die Charta der Grundrechte der Europäischen Union gefunden haben. Unseren Toten sind wir verpflichtet, diese Werte zu achten und zu schützen. Und wenn es sein muss, werden wir sie auch verteidigen. Europa hat sich seit 1815 sehr verändert. Aus dem Gegeneinander von Fürsten, Despoten und ganzen Völkern ist ein Miteinander geworden. In Europa streitet man sich heute vielleicht um das Geld oder um Allüren allzu geltungssüchtiger Politiker. Ein neuer Flächenbrand oder eine Gewaltherrschaft drohen aktuell aber nicht.

Das darf jedoch nicht dazu führen, dass wir sorglos werden und die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Sehen wir in die Ukraine oder auf den Balkan, so erkennen wir: Der Friede ist nicht so stabil wie er scheint. Und blicken wir in den Orient, so sehen wir religiöse Fanatiker, die dort ein blutiges Regime führen. Sie nennen sich „Islamischer Staat“ und treten mit dem Anspruch an, dass ihrer Herrschaft die ganze Welt einverleibt werden soll. Wir ahnen: Die Konflikte der Zukunft werden ganz andere sein als die der Vergangenheit. Ob, und wenn ja, welche Sprengkraft für ein Europa der Freiheit darin liegt, kann keiner von uns sagen. Eines aber wissen wir: Gemeinsam mit den anderen Völkern Europas wollen und werden wir zum Schutz und Trutze zusammenstehen. Wir haben vom Freiheitskampf der Griechen und Polen gehört, an dem auch junge Burschenschafter teilgenommen haben. Freiheit, duft‘ge Himmelsblume: Das ist unsere Wurzel! Wir wollen die Freiheit aller Völker in einem freien Europa. Es geht für die Zukunft auch gar nicht anders, als dass wir auf unserem Kontinent zusammenstehen. Von außen gibt es Herausforderungen, die durch kleine Staaten im nachbarlichen Gegeneinander nicht zu bewältigen sind. Die Zukunft packen wir gemeinsam an oder wir werden keine Zukunft haben.

Wir haben uns hier zusammen gefunden, um unserer Toten zu gedenken. Es sind nicht nur diejenigen, von denen wir gehört haben. Unsere Brüder, die als Soldat gefallen oder anders ums Leben gebracht worden sind. Wir haben von 200 Jahren gehört, in denen Burschenschafter lebten und wirkten. Und zum Leben des Einzelnen gehört auch, dass es irgendwann endet. Heute gedenken wir aller verstorbenen Burschenschafter. Mit jedem von ihnen ist es, wie es im Lied des guten Kameraden beschrieben wurde: „Als wär’s ein Stück von mir.“ Unsere Toten sind ein Teil von uns. Und sie werden es immer bleiben.

Ihr toten Brüder! Wir denken an Euch und wir danken Euch. Die Zukunft gemeinsam anpacken! Das ist die Pflicht, die wir Euch gegenüber erfüllen wollen.

Mein Kartellbruder Fritz Gentsch erinnert an sie mit diesen Worten:
Zweiundsiebzig, die mutig–verbissen, Draußen von feindlichen Kugeln zerrissen. Zweiundsiebzig mit unserem Band Für Ehre, Freiheit und Vaterland, Zweiundsiebzig, mit Todesschmerzen Herausgerissen aus Bruderherzen. Zweiundsiebzig aus unseren Reih’n Dürfen niemals vergessen sein!15

1 Schnelle gilt als Corpsstudent. Er gehörte sowohl der Vandalia Göttingen als auch der Vandalia Jena an und wird in den Kösener Corpslisten geführt. Hümmer/Neubert, Spurensuche zur Jenaer und Göttinger Vandalia im Stammbuch (1812–16) Adolph Goetze aus Neustrelitz, in: Einst und Jetzt, Band 60, Neustadt 2015, S. 67 (72), geben den 11.06.1815 als seinen Todestag an.

2 Haupt, Der Vandalensenior Schnelle, ein Bahnbrecher des burschenschaftlichen Gedankens in Jena, in: Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und zur deutschen Einheitsbewegung (rote Reihe), Band V, 2. Auflage Heidelberg 1971, S. 62 ff.

3 Lönnecker in: Kleifeld/Lönnecker/Gerstein/Krause (Hrsg.), GDS–Archiv für Hochschul– und Studentengeschichte, Band 10, Essen 2014, S. 47 (64). Die Deutschen trafen in Griechenland nicht auf die Wiege der Kultur, sondern auf ein karges und entstelltes Land.

4 Klose, Freiheit schreibt auf eure Fahnen, Oldenburg/Hamburg 1967, S. 153.

5 Es gab auch polnische Burschenschaften, so Polonia Breslau (1816) und Polonia Berlin (1818). Vgl. Wróblewski in: Kleifeld/Lönnecker/Gerstein/Krause (Hrsg.), a.a.O., S. 209.

6 Lönnecker in: Meyer, Vormärz und Philhellenismus, Bielefeld 2013, S.

7 K aupp/Dvorak in: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band I Politiker, Teil 6: T–Z, S. 64 ff.

8 Dvorak in: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band I Politiker, Teil 1: A–E, S. 263 f.

9 Balder/Richter, Korporierte im amerikanischen Bürgerkrieg, S. 159.

10 Dvorak in: Burschenschaft Olympia, Wahr und Treu, Kühn und Frei, 2. Auflage 1996, S. 13 (20).

11 Lönnecker in: Ganschow/Haselhorst/Ohnezeit, Der Deutsch–Französische Krieg 1870/71, S. 268.

12 Pendl, Gerhard, Chronik der akademischen Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien, Wien 2010, S. 32.

13 Wettmann, Heimatfront Universität, Köln 2000, S. 392 f.

14 Kriegsmittelungen der Marburger Burschenschaft Germania vom 1. April 1919, S. 2 f.

15 Gentsch, Den Toten – Germanias Ehrenmal, Kartell–Zeitung des grün–weiß–roten Kartells vom 12.12.1924, S. 22.

16 Ettighoffer, Verdun – das große Gericht, Gütersloh 1936, S. 301 ff.

17 Schwabe in: Birkholz, Die Burschenschaft Derendingia 1945–1949, S. 134 f.

18 Heute polnisch ŁódZ´bzw. deutsch Lodz.

19 Golücke, Verfasserlexikon zur Studenten– und Hochschulgeschichte, Köln 2004, S. 288 f.

20 Dvorak in: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band I Politiker, Teil 4: M–Q, S. 80 f.

21 Kopp/Oldenhage in: Handbuch der Deutschen Burschenschaft, Berlin 1998, S. 195.

22 Dvorak/Schmidt in: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Band I Politiker, Teil 2: F–H, S. 113.

F. Roland A. Richter

F. Roland A. Richter

wurde 1969 in Hannover geboren. Nach dem Wehrdienst folgte das Jurastudium in Göttingen, Marburg und dann wieder Göttingen. Das Referendariat leistete er in Wiesbaden mit Wahlstation beim OLG Frankfurt ab. Seit 2000 ist er für ein großes Versicherungsunternehmen tätig. Von 2008 bis 2012 war er Lehrbeauftragter an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden. Richter ist Autor zahlreicher juristischer Veröffentlichungen zu Themen des Versicherungs- und Verkehrszivilrechts sowie Betreiber eines Blogs (www.rrichterblog.blogspot.de). Er ist Alter Herr der Burschenschaften Hannovera zu Göttingen und Germania Marburg sowie Mitglied des Rechtsausschusses der VVAB.