VaB Salzgitter gedenkt der Einheit

Kategorie: Aus dem Burschenschaftlichen Leben
02.11.2016


Seit 1991 veranstaltet die VaB Salzgitter einen Festkommers am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit.

Eingeladen sind neben den Burschenschafter der VaB Saltgitter alle in der Region ansäßigen Mitglieder weiterer Altakademikerverbände sowie Gäste aus dem öffentlichen Leben, an der Spitze der Oberbürgermeister und seine Vorgänger. Auch diesmal waren wieder mehr als 60 Herren der Einladung gefolgt, zwei Verbandsbrüder waren gar aus dem Rheinland angereist.

Wichtig für uns Burschenschafter in Salzgitter anläßlich dieser politisch-historischen Veranstaltung am 2. Oktober ist es, das gute Verhältnis zu Rat und Verwaltung der Stadt zu dokumentieren.
Das wird von Seiten der Politik dankbar zur Kenntnis genommen und honoriert. Der Vorsitzende des städtischen Kulturausschusses, Klaus Poetsch, würdigte als Vertreter des Oberbürgermeisters in seinem Grußwort die Bedeutung der Aktivitäten der Burschenschafter in der pluralistischen Gesellschaft der Stadt, in Sonderheit lobte er die lange Tradition des Kommerses zum Jubiläum der Wiedervereinigung.

Ein Fixpunkt im Ablauf dieser Traditionsveranstaltung ist der Bericht über das Geschehen auf der Baustelle des Stadtschlosses in Berlin. Dieses Projekt ist und bleibt ein Vorzeigeobjekt, ein nationales wie damals 1913 der Bau der Jahrhunderthalle in Breslau und des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig. Es ist und bleibt auch ein Objekt, das mit dem Humboldt-Forum in der Welt wirken wird, Vergangenheit und Zukunft gleichsam verbindend.
Vbr. Klaus Hense (Germania Braunschweig) schwärmte vom zügigen Bauablauf und lobte die bei Großprojekten schon fast in Vergessenheit geratene Kostendisziplin. Zu bewundern ist auch das Engagement der Bürger, vieler Deutscher aus vielen Ländern, auch jenseits des großen Teiches. In diese lange Reihe um Spenden reihte sich auch die Kommerscorona vom 2. Oktober bei der VaB Salzgitter ein.

In der Festrede "Einigkeit und Recht und Freiheit – 200 Jahre burschenschaftliche Einigungsbestrebungen" deutete der Redner Vbr. Harald Lönnecker die Schlagworte unserer Nationalhymne vor dem Hintergrund der historischen Betrachtung und Bewertung der Burschenschaft: Welche Bedeutung hatten die korporierten Akademiker in der Gesellschaft? Wie haben sich die Burschenschafter innerhalb der Gruppe der Korporierten – u. a. auch gegen andere – positioniert?

Die erste Antwort lautet: innerhalb der verschiedenen Zeitepochen seit 1815 hat sich die Stellung der Burschenschaft sehr oft geändert. Das hing natürlich auch von der Stärke der Konkurrenz (Corps, VDSt, Sänger, Turner, Konfessionelle) ab: um 1900 – auf der Höhe des Kaiserreichs – machten die Burschenschafter nur 20 Prozent aller Korporierten aus.
Zum anderen gab es ständige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Lagern innerhalb der Burschenschaft, in erster Linie politische Betätigung (Freiheitskriege/Urburschenschaft) versus Fecht- und Bierkomment. Hier sind schon 1816 die Altdeutschen und die Lichtenhainer zu verorten, zehn Jahre später die Germanen und die Arminen. Wesentlich aber bleibe: Wer im Vormärz durch die Schule der Burschenschaft ging, beeinflußte im späteren Verlauf seines Lebens oft das politische Leben, so 1832 beim Hambacher Fest, in der Revolution 1848/49 oder in der Ära der Reichsgründung.

Vbr. Lönnecker verstand es, gestützt auf sein profundes, mit Eloquenz gepaartes Wissen, zum einen zu verdeutlichen, in welch hervorragender politischer Tradition die Deutsche Burschenschaft auf dem Feld der Einigungspolitik steht – letztlich hat 1989 auch das eherne Bekenntnis zu Deutschland aus der Präambel der DB-Verfassung gesiegt –, wie schwierig andererseits stets ein einheitliches Agieren zu bewerkstelligen war – sei es im Vormärz, sei es nach der Revolution.
Es sei geradezu paradox, daß der Korporationstypus, der sich am lautesten für die Einheit Deutschlands aussprach, 1871 in zahlreiche Gruppen und Grüppchen zerfallen war, und erst 1881 zu einer Einigung gelangte, deren Grundlage nicht politischer Natur war, sondern die unbedingte Satisfaktion. Und selbst dann gab es neben dem reichsdeutschen Verband der Universitäts-Burschenschaften noch die Verbände der Österreicher, der Techniker und nicht zuletzt die Reform-Burschenschaften.

Trennend wirkte sich zunehmend auch der urburschenschaftliche Aspekt des Christlichen aus, wie er im Wahlspruch "Gott-Ehre-Freiheit-Vaterland" zum Ausdruck kommt. Es fand eine Ausdifferenzierung statt, so daß sich letztlich im Schwarzburgbund (SB) "rein christliche" Burschenschaften zusammenfanden. Indes, so der Festredner, ist das Bekenntnis zum deutschen Vaterland in Einigkeit und Recht und Freiheit zu jeder Zeit und an jedem Ort der Kernpunkt eines allgemeinen politischen Bekenntnisses der Burschenschaften.
Interessant war die Nachkriegszeit: das Bekenntnis zur Einigkeit blieb felsenfest, aber der gesellschaftlich-soziale Wandel zog sektorale Verschiebungen nach sich und brachte Veränderungen der politischen Koordinaten. Viele, die sich Zeit ihres Lebens in der politischen Mitte wähnten, fanden sich plötzlich als "rechts" apostrophiert wieder. Die Entwicklungen waren und bleiben spannend, ließen aber keine Prognosen zu. "Historiker sind rückwärtsgewandte Propheten", bekannte der Fachmann.

Schließlich: Der Einfluß der Burschenschaft auf das nationale Bewußtsein der Deutschen, ihren Einheits- und Freiheitswillen, ist überhaupt nicht hoch genug zu veranschlagen – vielfach haben die Burschenschaften dieses Bewußtsein erst geschaffen, machten es "Vom Elitebewußtsein zur Massenbewegung". Das soll und muß auch so bleiben. Indes ist immer zu konstatieren, was der römische Dichter Ovid schon vor 2000 Jahren bemerkte: "Laudamus veteres, sed nostris utimur annis!" (Wir loben die alten Zeiten, leben aber in unseren!) Des Redners Rat: Bedenken wir dies und lernen daraus.

Der Beifall der Burschenschaftscorona und das Lied der Deutschen rundete die historische Dokumentation des Redners ab. Applaus gab es auch für den Vorsitzenden der VaB Salzgitter: seit 40 Jahren führt der Autor dieser Zeilen mittlerweile sein Amt aus. Aus diesem Anlaß wurde seitens der VaB-Mitglieder ein rot-weiß besticktes Ehrenband samt Bandknopf mit der Gravur des Stadtwappens überreicht.

Klaus Gossow (Ghibellinia-Leipzig zu Hannover, Plessavia Leipzig)