200 Jahre zurück und voraus - gibt es einen deutschen Weg in die Zukunft?

Rede zum 200. Jahrestag der Gründung der Jenenser Urburschenschaft

Kategorie: Schwerpunkt
18.06.2015


Vor 200 Jahren, am 12. Juni 1815, wurde die Urburschenschaft in Jena gegründet. Ihr Gründer war der mecklenburgische Pastor Riemann. Das ist für mich merkwürdig, denn ich war der letzte Überkirchenratspräsident der heute nicht mehr existierenden mecklenburgischen Landeskirche. Ernst Rudolf Huber schreibt hierzu in Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789:

„Der burschenschaftliche Gedanke faßte in Jena zuerst Fuß. Jena, die gemeinsame Landesuniversität der sächsischen Herzogtümer, war am stärksten von allen deutschen Hochschulen vom großen Strom der klassischen, der romantischen und der idealistischen Bewegung der Zeit erfaßt. Goethes große Gestalt warf Licht und Schatten auf die Universität. Schiller hatte hier gelehrt. […] Vom vaterländischen Bewußtsein erfüllt, von der Idee der deutschen Einheit und Freiheit angetrieben, kehrten diese Studenten in die Hörsäle zurück. Schon 1814 bildeten alte Freiwillige des Lützow`schen Corps in Jena eine von den Gedanken Jahns beeinflußte Vereinigung. Am 12. Juni 1815 gründeten die Angehörigen von vier Landsmannschaften die Jenenser Burschenschaft.“
Sie haben mich eingeladen, anläßlich dieses Jahrestages zu Ihnen zu sprechen. Das tue ich gerne und bedanke mich für die Ehre, zumal ich als Alter Herr eines Kösener Corps gewissermaßen in der Nachfolge der Landsmannschaften stehe, also gerade der studentischen Verbindungen, gegen deren Sauf- und Rauflust, gegen deren Renommiersucht und aristokratisches Getue sich der burschenschaftliche Gedanke erhob. Die Vorwürfe, die Joachim Leopold Haupt in seinem Buch Landsmannschaften und Burschenschaften aus dem Jahre 1820 gegen die Landmannschaften erhob, sind heftig. Aber sie dürften zum großen Teil zutreffen. Ein unverdächtiger Zeuge dafür ist Richard Wagner, der in seiner Autobiographie als ehemaliges Mitglied der Leipziger Landsmannschaft (=Corps) Saxonia von dem wüsten Treiben berichtet. Die Landsmannschaften, aus denen dann die Corps hervorgingen, widmeten sich, so war der wohl nicht unberechtigte Vorwurf, im Wesentlichen sich selbst, ohne eine lebendige Beziehung zu Volk und Vaterland zu suchen. Die Corps formulieren in der Tat als Prinzip, anders als die Burschenschaften, unpolitisch zu sein. Viele Corpsstudenten sind darauf auch heute stolz. Die Burschenschaften hatten im Gegenteil von Anfang an politische Ziele.

Ich möchte an diese im Rückblick auf 200 Jahre erinnern und meine Ausführungen entsprechend dem Titel meines Vortrages wie folgt gliedern: 200 Jahre zurückgeschaut führt uns zu dem Gedanken, doch einmal zu versuchen, 200 Jahre vorauszudenken, um daraus die Frage zu formulieren: Gibt es für uns Deutsche eine deutsche Zukunft?

Und wenn wir eine solche wollen – was meinen wir eigentlich mit Begriffen wie „deutsch“, „deutsches Volk“? Würden wir heute wie Oberst Stauffenberg mit den Worten sterben wollen: Es lebe das heilige Deutschland?

I. 200 Jahre zurückgeschaut

1. Gründung und Verbot

Die Gründung der Jenenser Burschenschaft und der bald alle deutschen Universitäten erfassende burschenschaftliche Gedanke war Ausdruck einer Jugendbewegung. Diese wollte mit dem Überschwang, der auch Unsinn und Übertreibungen enthält, den „Muff von 1000 Jahren“ wegfegen. Heinrich von Treitschke berichtet auch von den Albernheiten und bedenklichen Aktionen, welche im Rahmen der burschenschaftlichen Bewegung vorkamen. Die Formel vom „Muff der 1000 Jahre“ ruft natürlich die Parallele hervor zu den Studentenunruhen der 1968 er Jahre, die nach verständlichen Anfängen in Mord und Terrorismus endeten.

Auch in den Burschenschaften war das angelegt. Der Mord an August von Kotzebue am 23. März 1819 durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand war durch blutrünstige Sprüche und Parolen gegen die wirklichen oder angeblichen Feinde Deutschlands und der Freiheit vorbereitet. Er war auch kein Einzelfall. Die Nachahmungstat des Karl Löning auf den nassauischen Regierungspräsidenten Carl Friedrich von Ibell (1780 – 1834) am 1. Juli 1819 steht im engen Zusammenhang mit den Burschenschaften und ist nur deswegen kaum bekannt, weil Ibell überlebte. Das provozierte die Karlsbader Beschlüsse und damit den weitgehenden Verlust der Meinungsfreiheit und des nationalen Gedankens, wofür die Burschenschaften eingetreten waren.

Ich besitze ein Buch aus dem Jahre 1820, Landsmannschaften und Burschenschaften. Das ist offenbar eine Art Schutzschrift gegen die Karlsbader Beschlüsse von 1819, denn das Buch ist gewidmet Allen edlen teutschen Fürsten aus Achtung für ihre Besorgnisse. Die Grundsätze und Ziele der Burschenschaft werden darin in sechs Punkten zusammengefaßt:

  1. Einheit von Studenten teutschen Stammes.
  2. Die Burschenschaft ist eine öffentliche, - wir würden heute das Modewort Transparenz brauchen – also keine gegen Geheimgesellschaft.
  3. Die Vereinigung ist eine freie: „Die Burschenschaft giebt jedem frei, seine Überzeugung in jeder Form zu äußern.“
  4. Die Burschenschaft ist eine unauflösliche Vereinigung, welche die genannten Grundsätze unablässig verfolgt.
  5. Die Burschenschaft ist eine Vereinigung christlich – teutscher Burschen. Die Burschenschaft will daher „die herrschende Sittenlosigkeit, Schlaffheit, Unempfindlichkeit und Gleichgültigkeit gegen alles Hohe und Gute vernichten […] Sie will den flachen und verflachenden Cosmopolitismus […] durch den Gedanken eines deutschen Vaterlandes zur Vaterlandsliebe erhöhen“.
  6. Alle Studenten sind einander in allem völlig gleich: „Wenn das Volk mündig geworden ist, dann ist es auch zeit, ihm seine Vormünder zu nehmen.“

Dieses Buch und andere ähnliche Veröffentlichungen schwelgen oft in dem zeitgebundenen pathetischen Stil der damaligen Zeit. Das Pathos kommt uns zwar teilweise schwer an. Aber der Inhalt ist doch wohl noch wesentlich der unsere. Sie – wie alle Bürger, die einen freien deutschen Volksstaat wünschen – müssen prüfen, was wir davon bewahrt haben beziehungsweise bewahren wollen. Vor allem stellt sich die Frage, ob die damals brutal unterdrückte Meinungsfreiheit heute nicht auch wieder gefährdet ist – denn es ist ja doch offensichtlich, daß wir bestimmte Themen nicht berühren und bestimmte Fragen nicht stellen dürfen, ohne gesellschaftliche oder auch berufliche Nachteile befürchten zu müssen.

2. Der Schwung von 1813
Es kann also nicht darum gehen, die von Burschenschaften verbreiteten Gedanken zu verherrlichen. Aber wir dürfen doch Folgendes sagen: Die Gründung der Jenenser und der folgenden Burschenschaften war jedenfalls zu Beginn von den höchsten Idealen von Freiheit und Gleichheit in Volk und Vaterland getragen. Bismarcks Einigungswerk von 1871 war nicht allein Bismarcks Werk – es war vorbereitet worden durch den jugendlichen Schwung, der mit der Jenenser Ur-Burschenschaft begonnen hatte.

Aus diesem Anfang wurde entstand das Wartburgfest 1817. Dieses war das erste wirklich gesamtdeutsche Ereignis seit – ja seit wann? Die Leipziger Schlacht von 1813 war nicht „gesamtdeutsch“; zum einen wegen der kriegsentscheidenden russischen Beteiligung und zum andern, weil die Rheinbundstaaten immer noch ängstlich auf Napoleons Seite verharrten, und die braven sächsischen Truppen konnten sich erst während der Schlacht entschließen, den Spieß umzudrehen und auf die „deutsche“ Seite zu wechseln.

Es gibt zwar einige Höhepunkte, in denen sich die deutsche Geschichte gleichsam verdichtet. Dazu gehört gewiß Luthers Auftritt am 17. April 1521 in Worms; auch der 28. Januar 1077, dem Tag Karls des Großen, als König Heinrich IV. in Canossa den Streit mit dem Papst je nach Bewertung verlor oder vielleicht doch gewann; auch der Weihnachtstag des Jahres 800 gehört dazu, als Karl, der König der Franken, das römische Kaisertum „deutscher Nation“ begründete. Aber in unserer bis 1817 vergangenen tausendjährigen deutschen Geschichte hatte es niemals ein Ereignis gegeben, in welchem das deutsche Volk, hier vertreten durch die Studenten zwischen Kiel und Wien, sich als deutsches Volk fühlte. Am Ende war die Schlacht im Teutoburger Wald vor dem Wartburgfest das erste und bis dahin einzige „gesamtdeutsche“ Ereignis. 

Im damaligen Deutschland gab es nur ein einziges ganz Deutschland umspannendes politisch wirksames Netzwerk – die Burschenschaften. Die durch das Kotzebue-Attentat ausgelösten gegen die Burschenschaften gerichteten Karlsbader Beschlüsse führten – paradoxerweise – das von den Burschen begründete gesamtdeutsche Bewußtsein dadurch fort und verstärkten es wohl sogar. Der Abscheu gegen diese Unterdrückung der geistigen Freiheit wurde bald zu einem gesamtdeutschen Phänomen, welches sich gesamtdeutsch im Hambacher Fest erneut äußerte und in der Revolution von 1848 entlud.

3. Schwarz–Rot–Gold
Das Bewußtsein, Teil eines gemeinsamen politischen Körpers mit Namen Deutschland zu sein, kam überhaupt erstmals durch die Burschenschaften in das deutsche Volk. Die Reformation von 1517 hatte die Deutschen zwar in einer ähnlichen Weise aufgewühlt und auch – etwa gegenüber den Römern – zu einem neuen Selbstbewußtsein geführt. Aber das Gesamt – Volk war nun gespalten in Protestanten und Katholiken. Richtig ist zwar, daß die Burschenschaften sich zumeist aus Studenten protestantischer Konfession rekrutierten – aber erstmals seit der Reformation gab es einen Gedanken, der diese Spaltung überwölbte, den der Nation. Indem der burschenschaftliche Gedanke das Trennende verdrängte und das Gemeinsame heraushob, leistete er die Vorarbeit, ohne welche Bismarck keinen Erfolg gehabt hätte und Deutschland wohl nicht da wäre.

Die Farben der Burschenschaften Schwarz-Rot-Gold galten als Farben der Demokratie, also des republikanischen Umstürzlertums. Das 1871 gegründete zweite Kaiserreich hat sie daher nicht gewollt und die geschichtslose Kombination „Schwarz-Weiß-Rot“ zu den Farben des Reiches gemacht. Sie kennen die Geschichte der heutigen Farben unserer Republik – und es ist geradezu schicksalhaft, daß heute die linksextremen Aktivisten gegen Freiheit und Demokratie mit ihren Hammer&Sichel–Symbolen frei herummarschieren dürfen, daß man aber uns – wenn ich mich Ihnen zurechnen darf – die wir die Farben der Freiheit erkämpft haben fast wieder wie 1820 als Staatsfeinde behandelt.

4. Burschenschaften und das Gothaer Programm von 1875  
Die politische Linke glaubt, daß sie die Grundlagen der deutschen Republik gelegt habe. Aber stimmt das denn? Die prägenden Merkmale der heutigen deutschen Republik sind doch vielleicht ursprünglich burschenschaftliches Gedankengut. Wurde eigentlich schon einmal ernsthaft geprüft, wie viel burschenschaftliches Gedankengut sich im Gothaer Programm von 1875, dem Grundsatzprogramm der vereinigten nicht marxistischen Linken wiederfindet? Ich erlaube mir daher als praktischen Vorschlag: Lassen Sie das einmal wissenschaftlich bearbeiten.

Die heutigen Burschenschaften, wir Bürgerlichen überhaupt, sind viel zu schnell bereit, dem politischen Gegner das Feld zu überlassen.

II. 200 Jahre Blick voraus

1. Veränderungen
Man darf von der Vergangenheit und den darin vollbrachten Leistungen zehren, aber man darf diese nicht verzehren. Vergangenheit darf nicht als Sammlerstück im Wohnzimmerschrank ausgestellt werden. Sie soll uns „zu edler Tat begeistern“, und zwar – wie es im Deutschlandlied so schön heißt – „unser ganzes Leben lang“, also nicht nur im Studium, sondern auch in Familie und Beruf. Lassen Sie uns daher schauen, wo wir heute stehen und versuchen, vorauszudenken. 200 Jahre.

Schlägt man die Zeitschiene von 1815 um 200 Jahre zurück, dann gerät man in das Jahr 1615, also vor dem Dreißigjährigen Krieg. Wie wenig hatte sich die Welt in diesen 200 Jahren doch geändert! 1815 saßen noch immer dieselben Familien auf den europäischen Thronen wie 1615. Die Theorie des Kopernikus hatte sich im Volk 1815 noch ebenso wenig herumgesprochen wie 1615. Die Kirche predigte auch 1815 noch, was sie 1615 gepredigt hatte. Man glaubte wie auch 1615 immer noch, daß die Welt kaum mehr als etwa 5000 Jahre alt sei. Goethe fand Grund, die Meinung auch vieler Gebildeter zu verspotten, wonach die zu seiner Zeit bekannten Tier- und Pflanzenarten seit dem Tage der Schöpfung unverändert da gewesen seien. Alle technischen Dinge, die heute unser Leben bestimmen, gab es noch nicht. Von 1615 bis 1815 hatte sich die Welt kaum, von 1815 bis 2015 hat sie sich wahrhaft grundstürzend verändert!

2. Alternativen
Es bietet sich für den Blick in die Zukunft die Alternative. Entweder bricht die seit 1815 rasende Veränderungsgeschwindigkeit in den nächsten Jahrzehnten ab, oder die Entwicklung geht – jedenfalls in der näheren Zukunft – mit demselben oder sogar noch schnelleren Tempo weiter.

1. Möglichkeit
Die meisten Zeitgenossen denken sich die Zukunft offenbar wie den Börsenkurs einer Aktie. Sie schreiben das Bisherige fort, zwar mit gewissen Knicks, aber insgesamt geht es weiter wie bisher. Gerade dieser Börsenkursvergleich lädt aber zur Skepsis ein. Als ehemaliger Bankjurist weiß ich, wie viel Konkurse durch solches Denken verursacht oder verschleppt wurden, indem Anpassungen, die noch beizeiten möglich gewesen wären im Vertrauen auf das so lange Bewährte unterblieben. Es gibt schlechterdings nichts auf der Welt, was sich ständig weiter und dann immer nur in dieselbe Richtung entwickelt. Ewiger Forstschritt ist schon mathematisch eine Unmöglichkeit.

Es ist daher durchaus denkbar, daß die Fortschrittslinie demnächst abbricht. Die Antike hatte auch in technischer Hinsicht Beträchtliches geleistet. Aber eines Tages wurde sie ihres Fortschrittes müde. Technik und Künste verfielen, die Wissenschaften degenerierten. Dieses „eines Tages“ kann man – wie ich glaube – auch fast auf das Jahr datieren – nämlich auf das Todesjahr des letzten Stoikers, des Kaisers Mark Aurel (190 n. Chr.). Von da an dauerte es ziemlich genau 1000 Jahre bis der wohl bedeutendste Naturforscher des Mittelalters, Albertus Magnus (1200-1280) aus Köln auftrat und mit Fragen, die seit der Antike liegen geblieben waren, das wissenschaftliche Zeitalter anstieß. Die Parallelen zwischen der ihrem Untergang entgegentaumelnden Spätantike und unserer heutigen Zivilisation sind beeindruckend, ja bedrohlich und vielfach beschrieben und beschworen worden. Ich halte eine solche Entwicklung, also den einer kulturell-demographischen Stockung nebst Niedergang – oder wenn man so will: einer gesamtgeschichtlichen Verschnaufpause in der Menschheitsentwicklung – für sehr wohl denkbar.

2. Möglichkeit
Bis auf weiteres ist aber die zweite Möglichkeit doch wohl wahrscheinlicher. Wie eine Lawine reißen die Wissenschaften uns aus der ruhenden Gegenwart. Fast nichts bleibt, was eben noch galt, und das Tempo der Veränderungen nimmt noch stetig zu. Wenn es in diesem oder gar noch schnelleren Tempo weitergeht – dann versagt die Phantasie schon im Zeitrahmen von zehn bis dreißig Jahren. Die Frage, wie Deutschland in 200 Jahren aussehen wird, erscheint dann absurd. Ich will mich nicht in Science Fiction verlieren, denn das, was heute vorstellbar ist, sprengt eigentlich alles. Die wildesten Unvorstellbarkeiten von vor nur einer Generation sind heute Routine. Man denke nur an die Möglichkeiten der Genanalyse.

Müssen wir, selbst wenn wir an sich den Fortschritt bejahen, uns denn diese Veränderungsgeschwindigkeit gefallen lassen? Vielleicht haben die konservativen Kreise, zu denen die Burschenschaften doch auch zählen, die Aufgabe noch nicht erkannt, welche darin liegt, den Fortschritt dadurch zu fördern, indem sie ihn gezielt behindern! Walther Rathenau sagte einmal vor gut 100 Jahren: „Der Wert der Tradition liegt in der Verlangsamung der Bewegung, die hierdurch an Stetigkeit gewinnt.“

200 Jahre. Wie wenig ist das in der Menschheitsgeschichte. Franzosen sprechen aber unbefangen von La France eternelle. Wir Deutschen sind da vorsichtiger geworden. Eigentlich möchten wir aber doch, daß auch Deutschland, wenn nicht gleich ewig, so doch auch in 200 Jahren, auch noch in 1000 – oder 10.000? – Jahren da sein wird. Allein solche Zahlen zu nennen, zeigt aber, wie absurd die von mir aufgeworfene Frage eigentlich ist. Es ist aber vielleicht gar nicht absurd, sie zu stellen. Das ist sogar sehr nötig. Absurd ist nur, eine belastbare Antwort zu erwarten oder zu geben. Die Frage nach der Zukunft ist ja letztlich nur eine Abwandlung der unmittelbar praktischen Frage: Was sind angesichts des Erwarteten oder Befürchteten hier und jetzt meine Pflichten? Richtige Fragen sind die Voraussetzung für richtige Antworten.

Zu erwarten ist wohl folgendes:

  • Die Zuwanderung wird nicht aufhören, sondern zunehmen.
  • Die Globalisierung mit dem Ergebnis der Einebnung aller nationalen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede hat gerade erst begonnen und wird nicht aufhören.
  • Es wird geschehen, was Walter Rathenau schon um 1900 sinngemäß schrieb: Die herrliche blonde Rasse - Rathenau war als Jude weder blond, noch gehörte er zu dieser „herrlichen“ Rasse – wird unter dem Ansturm der dunklen Völker verschwinden.
  • In 200 Jahren wird es wohl keine Nationen im heutigen Sinne mehr geben.
  • Bei uns Deutschen wird das nicht einmal so lange dauern.

3. Was sind angesichts dieser Perspektive unsere Pflichten heute?
Fata ducunt volentem, nolentem trahunt! – diesen Satz von Seneca kann man übersetzen: Wer tätig ist, kann dem Schicksal vielleicht die Weichen stellen, der Müßige aber muß zuschauen, wohin es ihn halt führt.

Ist es nicht vielleicht doch besser, bewußt und zielgerichtet die nationale Selbstauflösung zu betreiben, indem wir uns in größere Einheiten wie die EU flüchten, später dann in eine noch erst im Zeugungsstadium befindliche atlantische Allianz, um am Ende in einem monokulturellen englischsprachigen Weltstaat aufzugehen? Aldous Huxley beschrieb diesen in Brave New World bereits 1932 – und es erschüttert mich oft, wie treffend er vieles voraussah. 

Dann gingen wir den Weg, der uns vom Schicksal vorgegeben ist, den wir gehen müssen, aber wir gehen ihn wenigstens in Würde und mit einem Hauch von Selbstbestimmtheit. Haben wir uns nicht längst auf diesen Weg begeben? Deutschland schafft sich ab!Wir schauen der massiven „Umvolkung“ oder – falls das Wort politisch zu inkorrekt ist – der Veränderung unserer Wohnbevölkerung praktisch ohne Widerstand zu.Unser Schulsystem wertet – ebenfalls ohne nennenswerten Widerstand – die deutsche Geschichte um, und entläßt Schüler mit der Vorstellung, daß es außer der NS-Zeit und der auf diese hinführenden Vorgänge seit Karl dem Großen, der – wie die Franzosen selber sagen – überdies ja Franzose war, nicht viel Berichtenswertes in der deutschen Geschichte gibt. Deswegen bekommen wir im Fernsehen auch meistens History Channels vorgesetzt, die uns die anglo-amerikanischen Geschichtsbetrachtung nahebringen, in welcher wir Deutsche natürlich keine, und wenn, dann keine gute Rolle spielen.

  • Wer durch die englischsprachigen Einkaufsmeilen unserer Städte geht, muß den Eindruck bekommen, daß wir unsere Sprache mit aller Gewalt abschaffen wollen. Als Wissenschaftssprache wird Deutsch selbst im deutschen Sprachbereich vor unseren Augen – wiederum ohne jeglichen ernsthaften Widerstand – von deutschen beziehungsweise österreichischen Behörden geradezu gewalttätig verdrängt, etwa indem die Deutsche Forschungsgemeinschaft Förderanträge nur noch auf Englisch entgegen nimmt.
  • Und was die Demographie angeht – schweigen wir lieber. Ist Ihnen einmal aufgefallen, wie selten die überhaupt noch geborenen Kinder deutscher Eltern einen deutschen Vornamen erhalten? Wir Deutschen haben offenbar die Lust an uns selber verloren.

III. Ende?

In seiner Novelle Das Fähnlein der sieben Aufrechten läßt Gottfried Keller einen der Aufrechten, Meister Frymann, wie folgt sprechen:
„Wie es dem Manne geziemt, in kräftiger Lebensmitte zuweilen an den Tod zu denken, so mag er auch in beschaulicher Stunde das sichere Ende seines Vaterlandes ins Auge fassen, damit er die Gegenwart desselben unser inbrünstiger liebe; […] Ein Volk, welches weiß, daß es einst nicht mehr sein wird, nützt seine Tage umso lebendiger, lebt umso länger und hinterläßt ein rühmlicheres Gedächtnis […] Ist die Aufgabe eines Volkes gelöst, kommt es auf einige Tage längerer oder kürzerer Dauer nicht mehr an, neue Erscheinungen harren schon an der Pforte ihrer Zeit. So muß ich gestehen, daß ich auf stillen Wegen solchen Gedanken anheimfalle und mir vorzustellen suche, welches Völkerbild einst nach uns walten möge. Und jedesmal gehe ich mit umso größerer Hast an meine Arbeit, wie wenn ich dadurch die Arbeit meines Volkes beschleunigen könnte, damit jenes künftige Völkerbild mit Respekt über unsere Gräber gehe.“

Ein Blick auf unsere große Referenzkultur, die römische Antike macht wenig Hoffnungen. Die letzten Sätze aus dem großen Werk von Alexander Demandt Die Spätantike lauten:
„[…] immer wieder fielen Reiternomaden über die Kulturländer her. […] Der Machtübernahme ging gewöhnlich eine friedliche Einwanderung voraus […] Und indem bei den Barbaren der Wunsch nach dem Reichtum der Kulturländer umso größer wurde, je mehr sie von ihm erfuhren, und in den Kulturländern die Wehrkraft sank, je länger das Leben im friedlichen Wohlstand andauerte, erfolgte irgendwann der Einmarsch.“ Gilt das auch uns? So könnte es schon kommen.

Wir Menschen sind aber gottlob davor bewahrt, die Zukunft zu kennen. Wir dürfen daher unsere Hoffnungen wach halten. Dazu müssen wir aber unsere Hoffnungen kennen, um unsere Pflichten danach zu bestimmen. Welche Rolle wollen beziehungsweise können wir Deutschen als Deutsche im Welttheater spielen? Wollen wir überhaupt noch mitspielen? Wenn wir weiterhin als Volk bestehen wollen, brauchen wir Deutschen ein Bewußtsein, deutsch zu sein und bleiben zu wollen. Was meinen wir aber eigentlich, wenn wir Deutschland sagen oder denken?

  • Goethe und Kant? Wer liest und kennt die denn?
  • Händel, Bach, Mozart & Co? Schon eher – aber werden nicht auch diese vom Getön der I-Phone abgelöst?
  • Luther? Wer das Neue Testament nicht mehr kennt, weiß natürlich auch nicht, was es mit Luther auf sich hat.
  • Bleiben als typisch deutsch – wie ich es im Ausland auf entsprechende Frage immer wieder höre: Fußball, Volkswagen und natürlich Hitler.

Dabei darf es nicht bleiben. 

IV. Deutschlands Stärken

1. Fremdbild 
Wie stark und entschlossen wollen wir sein, damit es für uns eine deutsche Zukunft gibt? Was stark ist an Deutschland?

  • German Gemutlichkeit und Munich Beerfestival?
  • Fleiß, Pünktlichkeit, Erfindungsreichtum sind Eigenschaften, die man uns noch nachsagt. Sind es diese?

Das wohl nun nicht. Es wird Ihre Aufgabe sein, meine lieben jüngeren Kommilitonen, die Frage, was wir eigentlich mit deutsch meinen, zu präzisieren und zu beantworten. Nicht, um unseren Wohlstand zu erhalten. Das vielleicht auch. Vor allem aber, damit jenes künftige Völkerbild mit Respekt über unsere Gräber gehe.

Das britische Magazin Economist (Ausgabe vom 12. April 2012) stellte angesichts der Finanzkrise die Frage: Wie kann es sein, daß Deutschland in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, so blendend dasteht? Wie kommt es, daß Deutschland Zuwachsraten in fast allen Feldern aufweist, in denen die meisten anderen europäischen Länder zurückfallen? Die Antwort, welche dieses Magazin sich und der Welt, die ähnliche Fragen stellt, gibt, ist einfach: Die Deutschen waren eigentlich schon immer anders, irgendwie komisch! Die Deutschen haben, so der Economist, gewisse alt eingeübte Verhaltensweisen. Diese könne man nur erstaunt zur Kenntnis nehmen, sie ließen sich nicht kopieren – sie seien eben typisch deutsch. Von Wirtschaft hätten die Deutschen auch ja überhaupt keine Ahnung. Sonst würden sie bei ihrer höchsten Bonitätsstufe und den daraus folgenden historisch niedrigen Zinsen, fast den niedrigsten aller Volkswirtschaften der Erde, jetzt richtig Geld aufnehmen und ausgeben und mal so richtig konsumieren.

Aber die Deutschen kapieren es einfach nicht. Stur oder auch beschränkt sagen selbst höchst erfolgreiche Unternehmer – ein Unternehmer aus Ostwestfalen-Lippe wird namentlich zitiert – einfach nur: „Ich bin gegen Schulden!“

2. Schwankend in schwankender Zeit
Man muß nicht immer auf das Ausland hören. Wir Deutschen tun es eigentlich viel zu viel. Wir sind übereifrig, andere Modelle zu kopieren, siehe Bologna-Modell. Gelegentlich sollten wir aber doch einmal auf unsere Nachbarn hören, insbesondere auf unsere Vettern von den Britischen Inseln, die uns seit jeher mit dem besonderen Eifer des Verwandtenneides beäugen.

Wir Deutschen haben – immer noch – bestimmte Werte und Wertvorstellungen. Nicht nur den Mercedes-Stern. Man sieht belustigt oder spöttisch, wie wir Deutschen sind – altmodisch, langweilig, humorlos, und im Karneval überlustig. Aber, bei Licht besehen, stehen wir doch seit Johannes Gutenberg, also seit einem halben Jahrtausend, immer mit an der Spitze des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Wir selbst haben das fast vergessen. Wie die Dinge bei uns laufen, empfinden wir als selbst verständlich, so macht man das halt! Es ist gar keine Frage, daß Züge pünktlich sein müssen, daß die Gerichte zügig und sorgfältig arbeiten – das tun sie wirklich meistens! Hat man längere Zeit im Ausland gelebt, merkt man erst, was alles in einem Staat nicht funktionieren kann! Manches bei uns ist schon etwas lächerlich. Stichwort Mülltrennung! Unsere hysterischen Reaktionen, wenn etwas schief läuft. Wenn der Berliner Flughafen nicht pünktlich eröffnet wird, ist das doch keine nationale Katastrophe! Wir übertreiben gerne und nerven unsere Nachbarn mit Überreaktionen. Ein Schuß Rotwein täte uns schon manchmal gut.
Wir müssen zwar nicht so bleiben, wie wir sind. Aber laßt uns das Eigene, das Deutsche, erkennen, pflegen und weiter entwickeln. Das, was wir haben, was wir können, schulden wir auch der Welt. Wenn wir etwas für richtig erkannt haben, dann besteht kein Grund, es wegzuwerfen, nur weil andere es anders machen. Das gilt besonders, wenn so Vieles unsicher wird. Gerade dann, wenn die Grundlagen schwanken und alles um uns herum unsicher wird, wenn der Chor der Ratgeber sich in Dissonanzen verliert – dann sollten wir fest bleiben. Wir wissen, wie wir es erworben haben, so sollten wir auch wissen, wie wir es behalten. Sind wir, sind Sie als die Jüngeren, bereit zu dieser Entschlossenheit? Die Urburschen aus Jena hätten vor 200 Jahren auf diese Frage jugendfrisch und unbekümmert im Sinne des Liedes geantwortet:
„Ich hab mich ergeben
mit Herz und mit Hand,
Dir Land voll Lieb’ und Leben
Mein deutsches Vaterland!“

Lebt dieser Geist der Burschenschaften noch? Wenn nicht, dann können wir ja tränenselig aus dem Kommersbuch anstimmen „Oh alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden […]“

Wir können aber, wenn wir uns noch etwas zutrauen, frisch singen:

„Burschen heraus! Lasset es
schallen von Haus zu Haus!“

Ich danke Ihnen ■

Ähnlich sind die Gedanken Adelbert von Chamissos in das Schloss Boncourt:

So stehst du, o, Schloß meiner Väter mir treu und fest in dem Sinn und bist von der Erde verschwunden der Pflug geht über dich hin. Sei fruchtbar o teurer Boden ich segne dich mild und gerührt und segn` ihn zwiefach wer immer den Pflug nun über dich führt.“

Um Goethe zu zitieren:
Halten wir fest und pflegen der schönen Güter Besitztum. Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist. Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung
Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin. Dies ist unser! so laß uns sagen und so es behaupten! Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen […]“

Menno Aden

Menno Aden

Dr. iur. Menno Aden wurde 1942 in Berchtesgarden geboren. Nach seinem Jurastudium in Tübingen und Göttingen wurde er 1972 in Bonn promoviert. Es folgten u.a. berufliche Tätigkeiten für die Deutsche Bank AG, Ruhrgas AG oder die Sparkasse Essen. Von 1994 bis 1996 war Aden dann Präsident des Oberkirchenrates der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Bis vor einigen Jahren war Aden außerdem Hochschullehrer in Essen und Dortmund. Er verfasste zahlreiche Schriften juristischer, wirtschaftlicher, historischer und politischer Natur. Aden ist Alter Herr des Corps Franconia Tübingen, verheiratet und hat fünf Kinder.

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