Vom Rebellen zum Innenminister

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14.05.2016


Als er am 14. Mai 1906 seine Augen für immer schloß, hatte er ein bewegtes Leben beendet. Heutzutage kennt ihn in seiner deutschen Heimat kaum noch jemand, er ist weitgehend dem Vergessen anheimgefallen, anders jedoch in seiner Wahlheimat, den USA, wo Carl Schurz noch heute verehrt wird.

Geboren wurde Carl Schurz am 2. März 1829 in Libar, in der Nähe von Köln, in der preußischen Rheinprovinz. Aus einfachen Verhältnissen stammend, sein Vater war Dorfschullehrer, besuchte er das Gymnasium, welches er aus finanziellen Gründen jedoch nicht beenden konnte. Als Schurz 1847 begann, an der Bonner Universität Philologie und Geschichte zu studieren (er hatte es geschafft seine Reifeprüfung als Externer abzulegen), wurde er bei der Bonner Burschenschaft Frankonia aktiv, für deren Ideale sich der junge Student begeistern konnte, da er sich neben seinen Studien auch intensiv mit der Geschichte der Französischen Revolution beschäftigte, ständische Strukturen und den Obrigkeitsstaat ablehnte und wie seine Bundesbrüder für eine freie Presse, freies Versammlungsrecht und Gleichheit vor dem Gesetz eintrat.

Folglich schließt sich Schurz 1849 der Revolution an. Er tritt als Redner der Bonner Studentenbewegung auf, wirkt mit seiner Burschenschaft agitatorisch auf die Landbevölkerung ein und schreibt für Zeitungen. Auf einem Treffen demokratischer Vereine in Köln begegnet er Karl Marx und findet ihn furchtbar arrogant, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt. Aber auch Marx findet wenig Gefallen an Schurz und nennt in später „ein intrigantes Männlein von großer Ambition und geringen Leistungen“. Doch beim Agitieren und Reden bleibt es nicht. Der Plan, aus dem Zeughaus von Siegburg bei Bonn Waffen und Munition zu erbeuten, scheitert. Schurz wendet sich nach Baden, wo er in der Festung Rastatt als Oberleutnant der Artillerie dient. Als die Preußen die Festung nach dreiwöchiger Belagerung schließlich erstürmen, gelingt es ihm zu entkommen und nach Frankreich und weiter in die Schweiz zu fliehen. Mit einigen Getreuen befreit er 1850 seinen Freund und Mitkämpfer Professor Gottfried Kinkel, der inzwischen von den Preußen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, aus dem Spandauer Gefängnis. Von da geht es zuerst nach England und weiter nach Frankreich. Im Laufe des Jahres 1851 wird er dort kurz vor dem Staatsstreich Napoleons III. von der Polizei verhaftet und ausgewiesen. Wieder in London sieht er in Europa keine revolutionären Möglichkeiten mehr und beschließt, mit seiner Frau, geb. Margarethe Meyer, der Schwägerin eines befreundeten Revolutionärs, die er kurz zuvor geheiratet hat, in die USA zu emigrieren. Am 17. September 1852 kommt das Paar in New York an und zieht weiter nach Watertown in Wisconsin, wo es sich niederläßt. Während Carl sich der neuen republikanischen Partei anschließt, beschäftigt sich seine Gemahlin mit Kindererziehung und gründet den ersten Kindergarten in den Vereinigten Staaten.

Nach dem Wahlsieg Lincolns wird Schurz – der in Reden gegen die Sklaverei auftritt und für Lincoln deutschsprachige Wähler überzeugt – Botschafter in Spanien. Mit Ausbruch des Bürgerkrieges ist er jedoch zurück in den Staaten und meldet sich sofort zu den Waffen. In der Armee der Nordstaaten trifft er viele Achtundvierziger wieder, etwa Fritz Anneke, dessen Adjutant Schurz im Badischen Krieg war, ist jetzt als Oberst sein Untergebener, wie auch der bekannte Friedrich Hecker. Im Krieg befehligt Schurz als Brigadegeneral von 1862 bis 1863 zwei Freiwilligendivisionen, nimmt im Korps von Franz Sigel an den Schlachten von Bull Run, Fredericksburg, Chancellorsville und Gettysburg teil und wird im Sommer 1863 zum Generalmajor befördert.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs ist er zunächst als Zeitungsherausgeber und Verleger in Detroit tätig, bevor er 1869 Senator von Missouri wird; er ist somit der erste gebürtige Deutsche, der Mitglied des Senats wird. Kurz zuvor, 1868, hatte er erstmals nach 15 Jahren seiner Heimat einen Besuch abgestattet und war sogar von Bismarck eingeladen worden, von dem er überaus begeistert war.

Als Senator kritisiert er die zunehmende Korruption unter der Präsidentschaft von Ulysses S. Grant. Nach den Wahlen von 1876 wird der ehemalige rheinländische Revolutionär schließlich von Präsident Hayes zum Innenminister ernannt. Er reformiert den Verwaltungsdienst, wobei ihm seine preußische Erziehung zugute kommt. Auch das Büro für Indianerangelegenheiten übernimmt er. Als dieses Büro dem Kriegsministerium unterstellt werden soll, wehrt sich Schurz mit Vehemenz dagegen. Nach seiner Amtszeit war Schurz wieder journalistisch tätig und wurde zudem als stellvertretender Vorsitzender der Antiimperialistischen Liga ein harter Kritiker der republikanischen Außenpolitik unter Roosevelt. Sein Freund Mark Twain bewunderte an Schurz, wie er 1906 in dessen Nachruf schrieb, die "unbefleckte Ehrenhaftigkeit, seinen unangreifbaren Patriotismus, seine hohe Intelligenz und seinen Scharfsinn".

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Der Eckart. Wir danken herzlich für die Genehmigung zum Abdruck.