Deutsche Burschenschaft heute

Dr. Franz Noll, Münchner Burschenschaft Cimbria

Tradition und Moderne

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts haben Burschenschafter in ihrer jeweiligen Zeit Politik, Staat und Gesell­schaft richtungsweisend geprägt, zumindest aber nahmen sie konstruktiv unter Beachtung demokratischer Spielregeln Einfluß auf die Geschicke unseres Volkes. Sach- und personenbezo­gene Beispiele hierfür finden sich im Kapitel „Geschichte und Tradition“.

Aus heutiger Sicht ist es richtig, sich an den Jahrhunderte überdauernden guten und erfolgreichen Ereignis­sen in und um die Burschenschaft zu orientieren, sich an deren wertebasierten Überzeugun­gen ein Beispiel zu nehmen und so die Tradition mit der Moderne zu verknüpfen. Beide Elemente dürfen für den heutigen Burschenschafter kein Widerspruch sein, sie müssen sich vielmehr ergänzen, denn niemand kann verant­wortungsbewußt die Zukunft gestalten, wenn er sich die Geschehnisse der Vergangenheit nicht erschließt und in ihrem Konsens begreift.

Burschenschafter bei der Technischen Nothilfe 1919
Sonderzug zum 190. Stiftungsfest der Deutschen Burschenschaft nach Jena (2005)

Werte als Grundlage burschenschaftlichen Denkens und Handelns

Plato: Griechischer Philosoph und Historiker

Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint es so, dass Burschenschafter gerne auf ihre Vergangen­heit hinwei­sen. Auf all das, was sie im 19. Jahrhundert im Rahmen der Freiheits- und Einheitsbewe­gung, zwischen den Kriegen und im so genannten "Nachkriegsdeutschland" geleistet haben. Natürlich war es vor allem bei der Gründung der Burschenschaft, der damals noch jungen und von viel Idealismus getriebenen Bewegung, vor allem ein tolerantes Nationalgefühl, welches sie vorwärts trieb. Ein Nationalgefühl, das sich sehr viel später, und für nur kurze Zeit, eben nicht mehr so großzügig wie in der Gründungsepoche zeigte. Und natürlich waren es auch Burschen­schafter, welche der allmählichen Demokratisierung in Deutschland zum Durchbruch verhalfen, indem sie sich maßgeblich an der Erarbeitung der ersten deutschen Verfassung beteiligten. Für uns heute sind viele demokratische Rechte und Freihei­ten erfüllt, sie sind Selbstverständlichkeiten.

Eine Burschenschaft heute ist eine Gemeinschaft aus Studierenden (=Aktiven) und solchen, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben (=Alten Herren). Die meisten Alten Herren stehen heute im Berufsle­ben, oft an exponierter Stelle und dies wird auch für die studieren­den Burschenschafter von heute nach Abschluss ihres Studiums zutreffen. Es ist Aufgabe der Alten Herren, den jungen Aktiven burschenschaftliche Werte und gesellschaftliche Konventionen zu vermitteln. Unter burschen­schaftlichen Werten verstehen Burschen­schafter Maßgaben aus freier Entscheidung.

Die Grundlagen solchen Verhaltens haben wir unserer abendländi­schen Kultur zu verdanken und sie sind deshalb auch unweigerlich von christlichen Elementen durchsetzt. Hier wäre neben dem Dekalog (10 Gebote) vor allem auch auf die allseits bekannten Kardi­naltugenden Platos (Gerechtig­keit, Klugheit, Tapferkeit, Maß) zu verweisen, die später auch im Werte- und Tugendkata­log des Thomas von Aquin Einzug hielten. Dies sind übrigens genau die Tugen­den, die die Convente, wie die Mitgliederversammlungen der Burschenschaften genannt werden, entschei­dend prägen. Auch in Hans Küngs "Weltparlament" kristallisie­ren sich solche und ähnliche Werte und Tugenden heraus, wie sie letztendlich im gesamten Abendland verbindlich sein sollten.

Um aber Elemente wie Mäßigung, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Stabilität, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen innerhalb einer Gesellschaft zu verankern und beständig zu pflegen, bedarf es kleiner sozialer Zellen, Gemeinschaften eben, wie Burschenschaften sie darstellen. Es ist gerade deshalb auch Aufgabe des Burschenschafters, die Antipode zu der schon selbstverständlich gewor­denen Beliebigkeit und Austauschbar­keit zu schaffen.

Leben in einem Freundschaftsbund

Auf den ersten, oberflächlichen Blick muss eine Burschenschaft auf den Betrachter befremdlich wirken, sie scheint sogar ein Anachronismus in unserer Zeit zu sein.

Zweifelsfrei gehört die studentische Mensur, wie sie in den allermeisten Burschenschaften ebenso wie vielen anderen Studentenverbindungen seit eh und je gepflegt wird, zu dem Unerklärlichsten, was ein junger Besucher auf dem Verbindungshaus erleben kann. Nur schwer und langsam erschließt sich einem jungen Studierenden der Sinn eines scharfen Waffenganges. Das Erleben, ja das Durchstehen einer solchen Extremsituation, mit der junge Burschenschafter de facto die Zugehö­rigkeit zur Gemeinschaft erwerben, stellt zweifelsfrei einen Ausleseprozess dar. Da jedoch alle Mitglieder dieses Ritual durchlaufen, dient es nicht zuletzt auch der Stärkung der Gemein­schaft, des Lebensbundes. Darunter versteht man die lebens­lange Verbundenheit mit der eigenen Burschenschaft. Das ist das wesentliche Unterscheidungskriterium zwischen einer studentischen Korporation und unserer heutigen, von Individualinteressen, Selbstverwirkli­chung und Beliebigkeit geprägten Gesellschaft.

Bei einer Burschenschaft hingegen wird bereits in jungen Jahren Verantwortung für die Gemein­schaft gefor­dert und übernommen, die dem Einzelnen lebenslange Freundschaft und Geborgen­heit bietet.

Eingebettet in den Verband "Deutsche Burschenschaft" haben junge Mitglieder die Möglichkeit, überregio­nale Freundschaften aufzubauen, sich bereits in jungen Jahren zu vernetzen. Darüber hinaus wirkt die Bur­schenschaft heute, viel mehr als in der Vergangenheit, als Ausbildungs- und Erziehungsgemeinschaft.

Durch die Internationalisierung, durch den universitären Massenbetrieb und nicht zuletzt durch den Wett­streit der Hochschulen untereinander und die für Studierende restriktiven Zeitvorgaben kann heute nur noch ein "Fachstudium" an Stelle eines umfassenden "Studium Generale" angeboten werden. Diese Einseitig­keit ergänzt die Burschenschaft durch eine Vielzahl von Seminaren und Kursen. Eine Besonderheit dabei sind die so genannten Burschenschaftlichen Abende, an denen hochkarätige Referenten aus Wissen­schaft, Wirtschaft, Kultur, Politik etc. ein breites Spektrum an Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Dabei erhalten die Zuhörer Informationen aus erster Hand und eine differenzielle Sichtweise. In anschließenden fachbereichs- und generatio­nenübergreifenden Diskussionen und Gesprächen lernen sie, neue Erkenntnisse zu verar­beiten und sogleich fundierte eigene Beiträge einzubringen. Damit greifen die Burschenschaf­ten die Bildungsansprüche aus Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft auf.

Viele dieser Burschenschaftlichen Abende sind öffentlich, Gäste sind gerne gesehen.

Zusätzlich gibt es unterschiedlichste Treffen von und mit Burschenschaftern, dazu gehören sport­liche Aktivitä­ten wie Segeln, Skifahren, Wandern sowie gemeinsame Konzert- und Theaterbesu­che.

Einen Überblick bietet der Kalender auf der Startseite.

Burschenschaftlicher Abend „auf dem Haus“
Markfrühschoppen Marburg: Burschenschaft als Teil der Gesellschaft