Bundespräsident Heinrich Lübke über die Deutsche Burschenschaft

Zur 150-Jahr-Feier hat die Deutsche Burschenschaft folgende, am 10. Juni 1965 in Bonn ausgefertigte Grußbotschaft des Bundespräsidenten erhalten:

Der Tag, an dem vor 150 Jahren in Jena die Deutsche Burschenschaft gegründet wurde, hat über den Kreis ihrer heutigen Mitglieder hinaus für unser ganzes Volk geschichtliche Bedeutung erlangt. Unter den schwarz-rot-goldenen Farben und entscheidend beeinflußt von den burschenschaftlichen Zielen und Idealen entfaltete sich in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts das Streben nach Einheit des Vaterlandes und nach rechtsstaatlichen und demokratischen Reformen in Deutschland.

Beseelt von der Liebe zum deutschen Volk und getragen von der Überzeugung, daß die Freiheit zu den kostbarsten Gütern des Menschen gehört, ließen sich die Burschenschafter von Verboten und Verfolgungen nicht beirren. Das Treffen auf der Wartburg, das Hambacher Fest und schließlich die Ereignisse, die zur Wahl der Frankfurter Nationalversammlung führten, sind gleichermaßen Stationen deutscher und burschenschaftlicher Geschichte und Entwicklung. Wenn Sie darauf verweisen können, daß 1848 in die Paulskirche 150 Abgeordnete einzogen, die aus den Reihen der Burschenschaft kamen, dann ist dies ein Beweis für ein waches Verantwortungsbewußtsein und für eine lebendige Bereitschaft, sich für Staat und Volk einzusetzen.

Die 150 Jahre burschenschaftlicher Geschichte, auf die Sie heute zurückblicken können, waren nicht immer frei von Irrtum und Verstrickung. Es gibt jedoch kaum einen gesellschaftlichen Zusammenschluß in unserem Land, dem nicht Gleiches oder Ähnliches widerfahren wäre. Nicht daran kann und darf die Deutsche Burschenschaft gemessen werden, sondern an dem, was sie heute in der Besinnung auf die Tradition der Urburschenschaft zu leisten bestrebt ist. Ich freue mich, feststellen zu können, daß in den einzelnen Bünden wie vom Gesamtverband eine gewissenhafte und verantwortungsbewußte staatsbürgerliche Bildungsarbeit durchgeführt wird. Die junge Generation hat sich aufgeschlossen genug gezeigt, um das politische Gespräch mit allen staatstragenden Parteien zu suchen und zu pflegen, und der ganzen Vielfalt des demokratischen Gestaltungswillens in ihren Reihen Raum zu geben. Angesichts der Teilung Deutschlands stärkt die Deutsche Burschenschaft in ihren Bünden und darüber hinaus in der Öffentlichkeit die Bereitschaft, sich für unseren demokratischen Rechtsstaat und für die Wiedererlangung unserer staatlichen Einheit einzusetzen. Sie wirkt für das Zusammenwachsen der europäischen Völker in einer dauerhaften Gemeinschaft. Dafür möchte ich Ihnen besonders danken.

Allen Angehörigen der Deutschen Burschenschaft und allen denen, die mit ihr zusammen in Berlin die 150-Jahr-Feier ihres Bestehens begehen, wünsche ich in diesem Sinne einen erfolgreichen Verlauf der Veranstaltung. Möge Ihr Treffen dazu beitragen, Verständnis zu wecken für das, was unser ganzes Volk ersehnt und erstrebt: Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland.