Das Münchner Abkommen von 1938 und die Sudetendeutsche Frage

- verfaßt von Alejandro Klein-Toledo -

Das Münchner Abkommen vom 30.09.1938 steht in der heute verbreiteten Geschichtsschreibung für das Nachgeben Englands und Frankreichs im Rahmen der "Appeasement-Politik" gegenüber Hitler und der rücksichtslosen Erpressung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich. Inwiefern diese Geschichtsauffassung zutreffend ist, oder kritisch hinterfragt werden muß, war das Thema eines Vortrages von Prof. Dr. Schlüter auf dem Haus der Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld am 17.05.2006.

Um die Problematik der sudetendeutschen Volksgruppe in der Tschechoslowakei in der Zwischenkriegszeit 1918 bis zum Anschluß an das Deutsche Reich 1938 verstehen zu können, sei es nach Prof. Schlüter notwendig, die Geschichte des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarns zunächst genauer zu beleuchten. Hierbei gelte es festzuhalten, daß es für einen rein tschechischen Staat, anders als zum Beispiel für den polnischen Staat, in der Geschichte bis 1919 keinerlei historische Vorbilder gegeben hätte. Die tschechische Nationalbewegung entwickelte sich erst Anfang des 18. Jahrhunderts und strebte mit der Märzrevolution 1848 erstmals einen Staat der vereinigten Tschechen und Slowaken unter Einbeziehung der deutschen Siedlungsgebiete in Böhmen an. Diese Forderung stellte das Vorbild für spätere Bestrebungen zur Gründung eines autonomen Staates dar.

Im weiteren Verlauf der Österreichisch-ungarischen Geschichte, stellte sich heraus, daß die Position der Ungarn, keiner Volksgruppe im Vielvölkerstaat des Habsburgerreiches besondere Autonomierechte einzuräumen, besonders die deutsche Position schwächte. Da die Tschechen in den Jahren 1879 und 1880 die Doppelsprachlichkeit in allen sudetendeutschen Gebieten durchsetzen und Sitzrecht im Österreichischen Reichstag erreichten, verschlechterten sich die Autonomierechte der deutschen Volksgruppe weiter. Die Gründung der klar habsburgerfeindlich eingestellten Nationalpartei der Tschechen im Jahre 1897,mit dem Ziel, einen Staat der Tschechen und Slowaken unter Einbeziehung der deutschen Siedlungsgebiete zu erreichen, manifestiert die Forderung der tschechischen Nationalisten auf eine eigene Staatsgründung.

Bei Kriegsausbruch 1914 ist der Führer der tschechischen Nationalisten Masarek entschlossen, seine Positionen bei den Westalliierten populär zu machen. Masarek mußte daraufhin zusammen mit seinem Anhänger Bene?, dem späteren tschechischen Staatspräsidenten, 1915 ins Pariser Exil gehen. Im Jahre 1916 gelingt es dem im Exil durch Masarek gegründeten tschechischen Nationalkomitee, eine Unterredung mit dem französischen Außenminister zu erreichen und auch der Einfluß auf die englische Regierung wächst zunehmend. So werden die Tschechen Mitte 1918 von den Westalliierten als kriegsführende Partei gegen die Mittelmächte anerkannt, obwohl zu diesem Zeitpunkt viele Tschechen in der Österreichisch-ungarischen Armee dienten.

Durch das Manifest des Österreichischen Kaisers Karl I. im Jahre 1918, durch welches allen Volksgruppen in der Donaumonarchie volle Autonomie gewährt wurde, kommt es in den tschechischen und slowakischen Siedlungsgebieten zum offenen Aufstand, mit dem Ziel, sich von Österreich-Ungarn abzutrennen und einen eigenen Staat unter Einbeziehung der deutschen Siedlungsgebiete zu gründen. Die Sudetendeutschen versuchen bei Kriegsende jedoch, sich dem neuen Staat Deutsch-Österreich anzuschließen, was durch die alliierten Siegerstaaten verboten wird. Vielmehr unterstützten die Alliierten die Forderungen der tschechischen Nationalisten und ließen mit den Pariser Vorortverträgen von 1919 die Staatsgründung einer tschechoslowakischen Republik unter Mißachtung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, wie es von Präsident Wilson im 14-Punkte-Programm von 1918 vorgeschlagen wurde, zu.

Der deutschen Volksgruppe wurden in der Folgezeit beinahe keine Autonomierechte zugestanden, was die Gegensätze zwischen Deutschen und Tschechen weiter verschärfte. Die Tschechen versuchten in der Folgezeit durch diverse Maßnahmen eine "Entgermanisierung" - ein politisches Schlagwort jener Zeit - der Sudetendeutschen zu erreichen, indem deutscher Grundbesitz enteignet wurde, deutsche Schulen geschlossen und durch tschechische ersetzt wurden und die Bankgeschäfte deutscher Banken massiv behindert wurden.

Völkerrechtlich kann bei diesem Vorgehen grundsätzlich vom Begriff der Annexion gesprochen werden, was in der weiteren historischen Entwicklung eine große Rolle spielte. Proteste der sudetendeutschen Bevölkerung gegen diese Maßnahmen des tschechisch dominierten neuen Staates wurden unter Anwendung von Gewalt unterdrückt. Aber auch die demokratische Legitimation der Verfassung, zum Beispiel durch eine Volksabstimmung, unter Beteiligung durch alle Volksgruppen, fehlte gänzlich.

In der Folgezeit waren jedoch auch die sudetendeutschen Parteien gespalten, was die Ziele ihrer Politik anging. Gemäßigte Vertreter waren für eine Anpassung an den tschechisch dominierten Staat, während die radikaleren Kräfte völlige Autonomie der von Deutschen besiedelten Gebiete forderten. Die Tschechen reagierten mit Partei- und Versammlungsverboten und bewirkten durch diese Repressionen die Gründung der außerparlamentarischen Opposition in Form der Sudetendeutschen Heimatfront unter Henlein. Die Behauptung, es handle sich bei dieser Partei um eine von Anfang an von den Nationalsozialisten beeinflußte Bewegung widerlegte Prof. Schlüter eindeutig durch eine überlieferte Rede Henleins aus dem Jahre 1934.

Henlein wandte sich erst nach mehrfachen erfolglosen Versuchen der Durchsetzung von politischer Partizipation der Sudetendeutschen im tschechischen Staat erstmals mit einem Hilfegesuch 1937 an Hitler. Bei diesem Hilfegesuch ging es jedoch lediglich um politische Unterstützung durch das Deutsche Reich. Bis zur entsprechenden Rede Hitlers vor dem Reichstag im Februar 1938 wäre das Problem der sudetendeutschen Bevölkerungsgruppe im Nachbarland kaum ein Thema in der Politik der Nationalsozialisten gewesen, auch wenn diese in ihrem Parteiprogramm ein Reich aller Deutscher schaffen zu wollen vorgaben. Unterstützung erhielten die Sudetendeutschen vielmehr von Frankreich und England, die bemüht waren, diesen "Schwelbrand" in Mitteleuropa, wie Chamberlain die Situation in der Tschechoslowakei bezeichnete, zu beseitigen. Hierzu setzten die beiden Mächte massiven diplomatischen Druck auf die tschechische Regierung ein, bis diese schließlich im Prager Abtretungsvertrag 1938 der Abtretung der sudetendeutschen Siedlungsgebiete an das Deutsche Reich zustimmten. England ging es vor allem darum, die tschechische Regierung für die Belange der sudetendeutschen Volksgruppe zu sensibilisieren.

Als sich die tschechische Regierung jedoch in der Folge weigerte, diese Abtretung zu vollziehen, drohte die Situation zu eskalieren. Der tschechischen Teilmobilmachung folgte der deutsche "Plan Grün" und etliche Ultimaten der beiden Seiten folgten. Durch die Vermittlung Mussolinis gelang es in dieser Krisensituation, die betroffenen Staaten, jedoch ohne die Tschechoslowakei, an den Verhandlungstisch zu bringen, um über die Durchführung der Abtretung zu verhandeln. Es handelte sich bei dem Münchner Abkommen also lediglich um einen Vertrag, der die Durchführungsmodalitäten regeln sollte.

Zum Abschluß bewertete Prof. Schlüter aus völkerrechtlicher Sicht das Münchner Abkommen in seiner Tragweite für die tschechische Rechtsauffassung in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Drei Hauptvorwürfe bestimmten heute die offizielle Geschichtsschreibung zum Münchner Abkommen: Erstens sei das Münchner Abkommen unter Androhung von militärischer Gewalt durch das Deutsche Reich zustande gekommen, zweitens sei die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich ohne Beteiligung der Tschechen verhandelt worden und drittens habe das Deutsche Reich durch den folgenden Einmarsch in die Resttschechei seine Rechte aus der Prager Abtretung verwirkt.

Zu diesen drei weitverbreiteten Vorwürfen nahm Prof. Schlüter ausführlich Stellung. Zu keiner Zeit während der Verhandlungen übte das Deutsche Reich militärischen Druck auf die Tschechei aus, die Teilmobilmachung im Reich erfolgte vielmehr als Reaktion auf die tschechische Ankündigung der Mobilmachung. Die Abtretung erfolgte auf Druck Englands und Frankreichs bereits in der Prager Abtretungserklärung durch die tschechische Regierung, beim Münchner Abkommen handelte es sich lediglich um die Umsetzungsregelung der Abtretung, die durch die tschechische Republik bereits erklärt war. Somit war rechtlich gesehen keine Anwesenheit der tschechischen Vertreter mehr notwendig.

Der Vorwurf der Verwirkung der Rechte aus dem Münchner Abkommen für das Deutsche Reich verfinge ebenfalls nicht, da der Einmarsch der deutschen Truppen die Abtretung nicht berührt hätte. Bei allen Betrachtungen dürfe man laut Prof. Schlüter auf keinen Fall vergessen, daß die Eingliederung der sudetendeutschen Volksgruppe in den tschechisch dominierten Staat den Tatbestand der Annexion erfüllt habe, da sie gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstoßen habe und mit Gewalt durchgesetzt wurde.

Abschließend äußerte Prof. Schlüter die Hoffnung, daß durch eine von beiden Seiten unvoreingenommene Geschichtsbetrachtung grundsätzlich eine Versöhnung möglich sei, der heutige tschechische Staat aber keinerlei Regungen zeige, diesem Ratschlag nachzukommen. Es bleibt für die Zukunft zu hoffen, daß die jüngere Generation in der Tschechei und Deutschland offen über Fehler und Versäumnisse beider Seiten reden wird und sich die Hand zur Versöhnung und würdigem Andenken an die Toten reichen wird.


Quelle:
Verbandsbruder Alejandro Klein-Toledo,
Burschenschaft Montania Chile et Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld