Burschenschaftlicher Abend mit Prof. Dr. Erwin K. Scheuch in Bielefeld

Bericht vom 14. Mai 2003 über einen Burschenschaftlichen Abend
Prof. Dr. Erwin K. Scheuch referierte auf dem Haus der Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld über das Thema "Eine neue Weltordnung? Die USA als Hegemon."

Er sei in den sechziger Jahren einem Angebot der Havard University gefolgt und für acht Jahre in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert, erzählt Prof. Dr. Erwin K. Scheuch, international anerkannter Sozialforscher und Vorstandsvorsitzender der Kölner Gesellschaft für Sozialforschung e.V., zu Beginn seiner Rede auf dem Haus der Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld.

Dabei habe er auch Bekanntschaft mit einigen derer geschlossen, die in heutiger Zeit unter der Bezeichnung "Neocons" die Geschicke der Supermacht USA zu bestimmen scheinen. Viele der knapp 30 Zuhörer im Kneipsaal der schlagenden Studenten-Verbindung mögen sich den Referenten als einen Freiheit und Entfaltung im Land der unbegrenzten Möglichkeiten suchenden Auswanderer vorgestellt haben.

Und Prof. Scheuch gibt zu, daß sich sein ehemals positives Bild der Vereinigten Staaten mittlerweile sehr gewandelt habe. Für ihn streben die USA unter der Federführung der Neocons nach einer weltweiten Vorherrschaft im Sinne einer Pax Americana, die sich an das Alte Rom im zweiten nachchristlichen Jahrzehnt anlehnt: eine glückliche Epoche für die Herrscher - Raubzüge und brutale Militärdiktatur in den Ländern der tributpflichtigen Untergebenen. Dafür sprächen vor allem drei Punkte: die Inanspruchnahme des Rechts, nach eigenem Gutdünken Krieg zu führen, die Verabschiedung vom Multilateralismus sowie die ununterbrochene militärische Hochrüstung, die größtenteils auf Pump basiere.

Nach Ansicht Prof. Scheuchs werden diese Entwicklungen jedoch nicht bei einer möglichen Abwahl George W. Bushs abrupt aufhören, sie sind im Gegenteil Ausdruck einer Kontinuität des neuen Herrenmenschentums als Perspektive in der internationalen Politik. Eine Absage erteilt Scheuch in diesem Zusammenhang den vor allem im Unions-Lager um Angela Merkel kursierenden Gedanken an eine deutsche Juniorpartnerschaft mit Amerika: Die USA suchten Vasallen, keine Verbündeten.

Was muß also geschehen, damit die Welt den Segnungen Amerikas ungeschoren entgehen kann?

Zum einen, meint Prof. Scheuch, müsse Europa als Korrektor amerikanischer Außenpolitik auftreten. Da letztere darin bestehe, zunächst eine extreme Position zu beziehen, um in der Erwartung des Gegendrucks - der mit dem Zusammenfall der Sowjetunion leider verschwunden sei - ein akzeptables Ergebnis einzufahren, sei Europa gefordert, eine eigenständige Position zu entwickeln und zu vertreten und sich hierbei vor allem auch an Rußland zu wenden.

Zum anderen liege die Achillesferse Amerikas in der Wirtschaft und dem Recht. Amerika lebe gewaltig auf Pump, und sein Rechtssystem sei vor allem bei Schadensersatzklagen außer Kontrolle geraten, womit ein Operieren in den Vereinigten Staaten für viele Wirtschaftsunternehmen mehr und mehr zu einem Glücksspiel werde. Das langsame Abbrechen des Mittelstandes sowie die steigenden ethischen Spannungen seien ein explosives Gemisch, das den Kern der Politik hegemonialer amerikanischer Ansprüche treffen könnte.

Angesichts der gegenwärtigen Militärmacht der USA sieht Prof. Scheuch jedoch zur Zeit einzig die amerikanische Bevölkerung in der Lage, durch ihr Wahlverhalten die Weltmachtsambitionen seiner Führungsmänner und -frauen zu korrigieren. Ob das für uns Deutsche beruhigend ist, sei dahingestellt. Eines hat sich jedoch an diesem Vortragsabend mit einem ehemaligen Auswanderer in die Vereinigten Staaten herausgestellt: Der Ruf der Freiheit erschallt schon lange nicht mehr aus Amerika.


Quelle:
Verbandsbruder Christoph Amendt
Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld