Parlamentarier, Politiker, Verwaltungsbeamte


Die uns heute vertraute lebenslange Mitgliedschaft in einer studentischen Korporation gibt es erst seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Einige der im folgenden genannten Verstorbenen zählten nur kurzfristig zu einer Burschenschaft, andere sind früh oder erst in späteren Jahren wieder ausgetreten bzw. erst im fortgeschrittenen Alter Ehrenmitglieder geworden. Bei manchen ist eine formale Zugehörigkeit zur Burschenschaft nicht genau nachweisbar, andere können auch als Corpsstudenten angesehen werden; die Abgrenzungen waren früher fließender als heute.

Franz Adickes (1846-1915),
1883-1890 Oberbürgermeister von Altona, 1891-1912 von Frankfurt a. M., 1914 Mitbegründer der Frankfurter Universität, große sozialpolitische Verdienste, lebenslanges Mitglied des Preußischen Herrenhauses.

Victor Adler (1852-1918),
Arzt, 1882 mitbeteiligt an der Verfassung des national-sozialen "Linzer Programm", seit 1889 Führer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, seit 1905 Mitglied des Österreichischen Abgeordnetenhauses, 1889 Mitgründer der Zweiten Internationalen.

Robert Blum (1807-1848),
Politiker, Publizist, Autodidakt; Führer der demokratischen Linken ("Deutscher Hof") in der Paulkirche (einer der Vizepräsidenten); überbrachte 1848 den Revolutionären in Wien eine Solidaritätsadresse der Parlaments-Linken, aktive Beteiligung am Aufstand, in Wien zum Tode verurteilt und standrechtlich erschossen.

Rudolf Breitscheid (1874-1944),
sozialdemokratischer Politiker, 1919/20 preußischer Innenminister, seit 1920 Reichstagsabgeordneter, 1926-1930 Mitglied der Völkerbundkommission, gestorben im KZ Buchenwald.

Eduard David (1863-1930),
ursprünglich Gymnasiallehrer, führender SPD-Agrarpolitiker um die Jahrhundertwende, seit 1903 Reichstagsabgeordneter, 1919 erster Präsident der Weimarer Nationalversammlung, 1919-1920 mehrfach Reichsminister.

Hermann Dietrich (1879-1954),
Politiker, 1918-1920 Minister des Auswärtigen in Baden, 1919-1933 Reichstagsabgeordneter, 1928-1930 Reichsernährungs-, 1930-1932 Reichsfinanzminister, 1930-1932 zugleich Vizekanzler.

Franz Dinghofer (1873-1956),
österreichischer Politiker, 1918 Präsident der Provisorischen Nationalversammlung, in der ersten Republik Führer der Großdeutschen Volkspartei, 1926-1927 Vizekanzler, 1926-1928 Justizminister, 1928-1938 Präsident des Obersten Gerichtshofes.

Johann Gottfried Eisenmann (1795-1867),
Arzt und Politiker, politischer Publizist und medizinischer Schriftsteller, 1836 wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung lebenslänglich verurteilt, 1847 begnadigt, 1848-1849 Paulskirchenabgeordneter.

Heinrich von Gagern (1799-1880),
Politiker, 1818 Mitbegründer der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft, 1848 kurzfristig Ministerpräsident des liberalen hessen-darmstädtischen Märzministeriums, erster Präsident der Frankfurter Nationalversammlung.

Friedrich Hecker (1811-1881),
Anwalt, Politiker, radikaldemokratischer Sprecher der liberalen Opposition im badischen Landtag, mit Gustav Struve Führer des blutig niedergeschlagenen Aufstands in Baden, emigrierte 1848 in die USA, dort Farmer und 1861 Oberst in der Nordstaatenarmee.

Theodor Herzl (1860-1904),
österreichischer Schriftsteller, mit seiner Schrift "Der Judenstaat" (1896) Begründer des politischen Zionismus, 1897 erster Präsident der Zionistischen Weltunion.

Hermann Höcherl (1912-1989),
Politiker (CSU), Jurist, 1961-1965 Bundesminister des Innern, 1965-1969 für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten; seit 1976 oft Vermittler in politischen Streitfragen und Vorsitzender von Untersuchungsausschüssen.

Hermann Höpker-Aschoff (1883-1954),
Politiker, 1925-1931 preußischer Finanzminister, 1948 Mitgründer der FDP, 1949 Mitglied des Parlamentarischen Rates und (1949-1951) des Deutschen Bundestags, 1951-1954 (erster) Präsident des Bundesverfassungsgerichtes.

Werner Hofmeister (1902-1984),
1947-1967 Abgeordneter des Niedersächsischen Landtags, 1949 als Mitglied des Parlamentarischen Rates Mitarbeit an der Schaffung des Grundgesetzes, 1947-1950 und 1957-1959 Niedersächsischer Justizminister, 1955-1957 Präsident des Niedersächsischen Landtags.

Johann Jacoby (1801-1877),
Arzt, Schriftsteller ("Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen", 1841); Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und (seit 1863) des preußischen Abgeordnetenhauses (jeweils äußerste Linke), publizistischer Wegbereiter der Judenemanzipation, 1872 Anschluß an die Sozialdemokratie.

Karl Jarres (1874-1951),
1925-1933 Oberbürgermeister von Duisburg, 1923-1924 Reichsinnenminister (Deutsche Volkspartei); erhielt bei der Reichspräsidentenwahl 1925 im ersten Wahlgang die meisten Stimmen, verzichtete aber im zweiten Wahlgang zugunsten Hindenburgs.

Kurt Joël (1865-1945),
Jurist, Beamter, 1917 Direktor im Reichsjustizamt, 1920-1931 Staatssekretär im Reichjustizministerium, 1931-1932 Reichsjustizminister im 2. Kabinett Brüning.

Ferdinand Lassalle (1825-1864),
Publizist, Arbeiterführer, Mitarbeiter an der von Karl Marx herausgegebenen "Neuen Rheinischen Zeitung"; 1863 Gründer und erster Präsident des "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins", starb an den Folgen eines Duells.

Adolph Lette (1799-1868),
Jurist, Landwirtschaftsexperte, Sozialpolitiker; Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, des Preußischen Landtags und des Deutschen Reichstags; 1863 Gründer des bis heute bestehenden "Lette-Vereins" zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit.

Wilhelm Liebknecht (1826-1900),
Vater von Karl L., Teilnehmer an der Revolution von 1848/49, enge Kontakte zu Karl Marx, mit August Bebel 1869 Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, Reichstagsabgeordneter, langjähriger Redakteur des "Vorwärts".

Karl Mathy (1807-1868),
Publizist und Politiker, seit 1842 Führer der Liberalen in der zweiten badischen Kammer, Paulskirchenabgeordneter, 1866 badischer Ministerpräsident, Verfasser zahlreicher politischer und ökonomischer Werke.

Otto Meißner (1880-1953),
Jurist, 1920-1934 Leiter des Büros des Reichspräsidenten (seit 1923 als Staatssekretär), 1934-1945 Chef der Präsidialkanzlei (seit 1937 als Staatsminister), 1949 im Nürnberger "Wilhelmstraßenprozeß" freigesprochen.

Johannes (von) Miquel (1828-1901),
zunächst Mitglied des "Bundes der Kommunisten" (Kontakte zu Karl Marx), später nationalliberal; 1865 Oberbürgermeister von Osnabrück, 1880 von Frankfurt a. M., Abgeordneter des preußischen Abgeordnetenhauses und des Deutschen Reichstags, 1890 preußischer Finanzminister.

Robert von Mohl (1799-1875),
1824-1840 Professor für Staatsrecht in Tübingen, seit 1847 in Heidelberg; Paulskirchenabgeordneter, zugleich 1848/49 Reichsjustizminister; 1861-1871 badischer Gesandter beim Deutschen Bund und in Bayern; 1874 Reichstagsabgeordneter; Wegbereiter des modernen Rechtsstaats.

Wilhelm Niklas (1887-1957),
Politiker (CSU), Dr.-Ing., Prof. Dr.-Ing. (1947), als Landwirtschaftsexperte Mitglied der Versailler Delegation, 1920 Ministerialrat im Reichsernährungsministerium, 1935 zwangspensioniert, Gründungsmitglied der CSU, 1949-1954 Bundeslandwirtschaftsminister.

Engelbert Pernerstorfer (1850-1918),
österreichischer Publizist und Politiker, 1882 an der Abfassung des Linzer Programms der deutschnationalen Bewegung beteiligt, 1885-1897 und 1901-1918 Reichsratsabgeordneter, seit 1896 für die Sozialdemokraten; Mitbegründer der österreichischen Sozialdemokratie.

Karl Rodbertus von Jagetzow (1805-1875),
Nationalökonom, Politiker, 1848-1849 Abgeordneter der Preußischen Nationalversammlung (Führer des linken Zentrums), danach des Preußischen Abgeordnetenhauses, 1867 des Norddeutschen Reichstags; 1848/49 kurzfristig Kultusminister, Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in Deutschland.

Georg Ritter von Schönerer (1842-1921),
Ehrenmitglied, seit 1873 Mitglied des österreichischen Abgeordnetenhauses, seit 1879 Hauptführer der antiliberalen, antiklerikalen und antisemitischen deutschnationalen Bewegung, deren "Linzer Programm" (1882) er maßgeblich prägte; starker Einfluß auf den jungen Hitler.

Carl Schurz (1829-1906),
amerikanischer Politiker und Publizist deutscher Herkunft, 1848 Anschluß an die demokratische Bewegung, entkam aus Rastatt durch Flucht nach London, 1850 abenteuerliche Befreiung Gottfried Kinkels aus dessen Haft in Spandau, seit 1852 in den USA, dort 1861 Gesandter in Madrid, 1861-1863 Brigadegeneral im Bürgerkrieg, 1877-1881 Innenminister.

Eduard von Simson (1810-1899),
Jurist und Politiker, Mitglied (seit Dezember 1848 Präsident) der Frankfurter Nationalversammlung; Leiter der Abordnung, die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot; später Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags; 1879-1891 erster Präsident des Reichsgerichts in Leipzig.

Friedrich Julius Stahl (bis 1824 Jolson-Uhlfelder) (1802-1861),
Rechtsphilosoph und Politiker, 1832 Professor in Würzburg, 1834 in Erlangen, seit 1840 in Berlin; dort als Staatsrechtler und Theoretiker des preußischen Konservatismus ("Das monarchische Prinzip", 1845) großer Einfluß auf die Politik Friedrich Wilhelms IV. und die preußische konservative Partei.

Karl Stingl (1864-1936),
Dipl.-Ing., Dr.-Ing. h. c., 1912 Oberpostdirektor in Landshut, 1919 Ministerialdirektor der Postabteilung im Bayerischen Verkehrsministerium, 1920 Staatssekretär, 1922-1923 und 1925-1927 Reichspostminister.

Gustav Stresemann (1878-1929),
Nationalökonom, Politiker; 1907-1912, 1914-1918 und 1920-1929 nationalliberaler Reichstagsabgeordneter, 1919-1920 der Nationalversammlung; 1923 Reichskanzler und Reichsaußenminister; erstrebte eine Verständigung mit Frankreich und eine Revision des Versailler Vertrags; mit Aristide Brian 1926 Friedensnobelpreis.

Gustav von Struve (1805-1870),
Rechtsanwalt, bekämpfte als radikaldemokratischer Publizist das vormärzliche Regierungssystem, 1848 mit Friedrich Hecker Leiter des Aprilaufstands in Baden, emigrierte 1849 in die Schweiz, 1851-1863 in die USA, 1862 US-Konsul bei den thüringischen Staaten.

Julius Sylvester (1854-1944),
Jurist, schon als Gymnasiast Anhänger Georg von Schönerers, 1882 Mitarbeit am alldeutschen "Linzer Programm", 1897-1918 österreichischen Reichsratsabgeordneter, 1911 Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses, 1918-1919 Staatsnotar der Provisorischen österreichischen "Nationalversammlung".

Emil Welti (1825-1899),
freisinniger Schweizer Politiker und Staatsmann, zwischen 1869 und 1891 mehrfach Schweizer Bundespräsident, politischer Wegbereiter und Vollender der Gotthard-Bahn, Mitschöpfer des Schweizer Bundesheeres, Vorkämpfer und Mitbegründer der modernen Verfassung der Schweiz als Bundesstaat; wegen seiner Verdienste und einer gewissen äußeren Ähnlichkeit auch "Bismarck der Schweiz" genannt.

Hans-Georg Wormit (1912-1992),
Jurist, zunächst im Verwaltungsdienst von Staat und Wirtschaft, 1949-1956 Vertreter des Kultus- bzw. Innenministers in Kiel; 1962 erster Kurator, später erster Präsident der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" in Berlin, als solcher u. a. Verdienste um die Neubauten der Museen für europäische Kunst und der Staatsbibliothek sowie den Beitritt aller Länder zur Stiftung.

Oskar Freiherr von Wydenbrugk (1815-1876),
Jurist, 1847-1854 Abgeordneter und Führer der liberalen Opposition im Sachsen-Weimarischen Landtag, 1848 und 1849 sachsen-weimarischer Minister, 1848-1849 Paulskirchenabgeordneter, umfangreiche journalistische und publizistische Tätigkeit.

 

 

Text und Bilder: Peter Kaupp und Helge Dvorak
Gestaltung: Markus Lenz