Siegerdiktate am Beispiel Kärntens

Burschenschafter im Kärntner Freiheitskampf 1918/19

Dr. Bruno Burchhart

Die wesentlichsten neuzeitlichen Schicksalsjahre Kärntens: 1918-1920, des an der südöst­lichsten Grenze des deutschen Sprachraumes befindliche Bundeslandes, wurden sehr ent­scheidend von Burschenschaftern geprägt. Daher sind die damaligen Ereignisse nicht nur Teil einer gesamtdeutschen Geschichte und Vorbild burschenschaftlichen Einsatzes, son­dern auch wichtiger Teil der burschenschaftlichen Geschichte.

Hintergründe

Zu Ende des 1. Weltkriegs waren alle Krieg führenden Staaten weit-gehend militärisch erschöpft. Die Kriegsziele der Alliierten, nämlich die Zerschlagung der mitteleuropäischen Monarchien: Deutsches Kaiserreich und kuk- Donaumonarchie samt Installierung etlicher Neustaaten, u.a.m.  waren in Sichtweite. Da präsentierte US-Präsident Wilson, der seinen Staat entgegen seinen Wahlversprechen doch in den Krieg geführt hatte, ein „14-Punkte-Programm“  als  Waffenstillstands-Grundlage für Europa. Der für die Mittelmächte entscheidende Punkt war das  „Selbstbestimmungsrecht der Völker“.

In den Pariser Vororten kam es jedoch – im Gegensatz zu allen früheren  Friedensverhandlungen der Neuzeit – zu keinerlei Verhandlungen mit den Mittelmächten. Das Ergebnis der Gespräche der Alliierten (USA, Großbritannien, Frankreich, Italien) wurde den Vertretern des Deutschen Reiches und der Republik Deutsch-Österreich aufgezwungen. Mit Recht wird daher vom Friedensdiktat von Versailles und St. Germain gesprochen.

Das Ergebnis war der Verlust von einem Siebentel der Gebiete des Hohenzollernstaates: Elsaß-Lothringen, Eupen-Malmedy, „Korridor“ (Westpreußen-Posen-Danzig) samt allen Kolonien gingen dem Deutschen Reich verloren. Aus Teilen der Habsburgermonarchie wurden  neue Staaten konstituiert: wie die inzwischen wieder zerfallene Tschechoslowakei sowie Jugoslawien, Polen, „Klein“-Ungarn und Groß-Rumänien.  Deutsch-Österreich mußte auf seinen selbstgewählten Namen verzichten, außerdem mußten die seit Jahrhunderten deutsch besiedelten Gebiete wie das Sudetenland, Süd-Tirol, Untersteiermark, Gottschee und das Kanaltal ohne Volksentscheid an fremde Staaten abgegeben werden. Das Selbst­bestimmungsrecht der Völker wurde dem deutschen Volk (bis heute!) vorenthalten. Die einzige auf Dauer erfolgreiche Ausnahme ist Kärnten mit seiner durch den Freiheitskampf errungenen Volksabstimmung.

Entwicklung

Am 12.11.1918 verkündete der Burschenschafter Dr. Franz Dinghofer (B! Ostmark Graz) als Präsident der Provisorischen Nationalversammlung Deutsch-Österreichs an der Wiener Parlamentsrampe das beschlossene Gesetz über die Staats- und Regierungsform. Der junge Staat wurde damit zur Republik, bei der „alle Macht vom Volke ausgeht“ (Art 1) und „Deutsch-Österreich ein Bestandteil der Deutschen Republik“ ist (Art. 2). Das am 2.9.1919 übergebene Friedensdiktat von St. Germain verbot den Namen, verbot den „Anschluß“, bestimmte die Übergabe der o.a. deutschbesiedelten Gebiete sowie Reparationen, etc. Das Gebiet des südlichsten Bundeslandes Kärnten, das einen eigenen Weg gegangen war (siehe unten), wurde extra angeführt.

Die Abstimmungsgebiete in Kärnten

Vorgeschichte

Da der Zerfall der Habsburgermonarchie  letztendlich vorhersehbar war, entwickelten die verschiedenen Völker derselben schon etliche Zeit vor Ende des 1. Weltkrieges ihre Vor-stellungen für ihre eigenen, möglichst „ethnisch reinen“ Staaten: Polen, Tschechen, Rümänen und  auch die Jugo(=Süd)slawen.  Da im damaligen Herzogtum Kärnten auch eine slowenische Minderheit in Streusiedlung beheimatet war, forderten die Südslawen übertriebenermaßen sogar ganz Kärnten für sich. Die Deutsch-Kärntner hatten jedoch schon vorher die Unteilbarkeit Kärntens postuliert.

Der Kärntner Freiheitskampf = Abwehrkampf

Nachdem Kärntner Slowenen in Laibach die Besetzung Kärntens gefordert hatten, erfolgte der Einmarsch von jugoslawischem SHS-(Srbski, Hrvatski, Slovenski)-Militär ins Mießtal, damaliges Kärnten (Gutenstein, Unterdrauburg, etc., heute slow. „Koroska“) und weiter über Eisenkappel in Richtung Völkermarkt und Ferlach sowie die Besetzung des bedeuten­den Eisenbahn-Karawanken-Tunnels. Als Reaktion darauf  faßte die Kärntner Landes­versammlung den Entschluß, zum bewaffneten Widerstand aufzurufen. Die nach harten Kämpfen mehrmals vereinbarten Waffenstillstandsabkommen wurden von SHS-Seite immer wieder gebrochen.

Immerhin wurde die in Versailles am 18.1.1919 begonnene Alliierten-Konferenz aufgrund der Kämpfe auf diese Unruheregion aufmerksam und beschloß eine Erkundungsreise  in das umstrittene Gebiet: Die eingesetzte sog. Miles-Kommission schlug der Konferenz die Kara­wanken-Grenze vor.  Nach einer  Probe-Volksabstimmung, die deutlich positiv für Kärnten ausging, setzten die Slawen alle politischen und militärischen Hebel in Bewegung, besetzten auch neuerlich das gesamte Kärntner Unterland. Sie wurden aber von den um ihre Freiheit kämpfenden, nunmehr auch militärisch bestens organisierten Kärntnern aus dem Land zurückgeschlagen.

Inzwischen wurde in Paris eine Volksabstimmung über den Grenzverlauf  beschlossen. Dagegen besetzte der slawische Aggressor mit einer gewaltigen Militärmacht wiederum  ganz Südkärnten.  Die Durchführung der beschlossenen Volksabstimmung konnte aber dadurch nicht mehr verhindert werden.

Mitglieder der „Grazer Akademischen Legion“ auf dem Jankec Kogel
Kärntner Pennal-Korporationsstudenten (Aktive der Freya und des Corps Arminia) als Mitglieder der Klagenfurter Studenten-Kompanie

Sternstunde der Burschenschafter

In diesen schweren Zeiten waren es an führender Stelle vielfach Burschenschafter (sowie andere Waffenstudenten und Turner), die sich für ihre Heimat einsetzten. Die politische Führung stand  unter dem Landesverweser(Minister-Präsident) Dr. Arthur Lemisch (B! Suevia Innsbruck) und seinem Stellvertreter Dr. Vinzenz Schumy (B! Teutonia Zürich), die das bedrohte Land sicher durch alle Fährnisse steuerten.

Unter dem Gesamtkommando von Obstlt. Ludwig Hülgerth beteiligten sich zahlreiche Burschenschafter und Waffenstudenten am militärischen Freiheitskampf. Oblt. Dr. Hans Steinacher (B! Gothia Bielitz) war der führende Kopf gegen den berüchtigten Slowenen-„General“ Majster. Lt. Karl Fritz (pB! Arminia Villach) war der Befreier des wichtigen Kara­wankentunnels.

Besonders hervorzuheben sind die nach dem Aufruf von Lemisch gebildete Grazer (Studentenführer Lt. Vogel, B! Stiria Graz) und Leobener Studenten-Legion, letztere gegliedert in einer „Burschenschafter“- und einen „Corps“-Zug. Nach ihrem Einsatz   um die stei­ermärkische Südgrenze, kämpften sie dann in Kärnten weiter.

Eine große Hilfe waren ebenso die Kla­genfurter Studentenkompanie unter Leitung des Pennalstudenten Ptatschek, wo auch zahlreiche  Pennalburschen­schafter und spätere Hochschulbur­schenschafter mit-halfen, die Kärntner Heimat zu verteidigen. Viele Burschen­schafter waren in den örtlichen Kompa­nien zusammen mit Bauern, Arbeitern und Gewerbetreibenden im Einsatz. Auch der sog. Panzerzug und die Doktorenkompanie standen unter waffenstudentischer Leitung. Ihr Leben verloren im Abwehrkampf  Ernst Großmann (B! Leder Leoben), Kurt Plahna (pB Alpina Klagenfurt), u.a.

Volksabstimmung

Der militärische Kärntner Abwehrkampf war die Voraussetzung für die Erreichung der Volksabstimmung über die Grenzen und die Zukunft Kärntens und damit Österreichs! Trotz militärischer Niederlage und Besetzung sowie  Drangsalierung durch die Slawen galt es, den „Kampf um die Herzen“  zu gewinnen. In einer gelungenen Propagandaschlacht  war es wiederum der o.a. Hans Steinacher und auch der Dichter Friedrich Perkonig  (pB! Normannia Klagenfurt), die an führender Stelle zum entscheidenden Erfolg beitrugen.

Mit 59,04 % Stimmen war die Volksabstimmung vom 10.10.1920 ein klares Bekenntnis  für den Verbleib Südkärntens bei Österreich.  Das bedeutete die  Festlegung und völkerrecht­liche Anerkennung der bis heute gültigen Karawankengrenze  und ein – damals nur von Kärnten erfolgtes - freiwilliges Bekenntnis zur jungen Republik.

“Diesen Erfolg werden wir den Kärntnern nie vergessen“ (Grußadresse des Präsidiums des Parlaments vom Oktober 1920).

Es war der einzige dauerhafte  Erfolg aller damaligen  Volksabstimmungen (Schlesien sowie Allenstein und Marienwerder gingen an Polen, Nordschleswig an Dänemark, Teschen an CSR). Durch das erkämpfte Selbstbestimmungsrecht wurde Kärnten auf Dauer dem deut­schen Volks- und Kulturraum erhalten: Burschenschafter haben dazu entscheidend beige­tragen!