Die Burschenschaften als Wegbereiter der Revolution von 1848

Ein Bild der Germania
Die Germania, Sinnbild Deutschlands

Die anhaltenden Verfolgungen sprengten die bis 1822 bestehende "Allgemeine Deutsche Burschenschaft", die erst 1827 auf einem Burschentag in Bamberg, der allerdings nur aus Erlangen, Heidelberg, Jena, Leipzig und Würzburg beschickt war, neu entstand. Aber die Neugründung stand bereits unter dem Zeichen der Spaltung. Seit 1825 gab es als Folge der oben angedeuteten Meinungsverschiedenheiten über die Zielsetzung und Formen der Burschenschaft zuerst in Würzburg, dann in Erlangen zwei gegnerische Parteien, die später als "Arminen" und "Germanen" bezeichnet wurden. Letztere waren die waffenfreudigen Verfechter eines straffen Verbindungslebens, die die theoretische Beschäftigung mit politischen Problemen zur Verpflichtung erheben wollten. Die von ihren Gegnern als klingenscheue "Philosophen" und "Christen" verspotteten Arminen zielten auf eine Verinnerlichung des burschenschaftlichen Lebens und lehnten politische Diskussionen ab. In kurzer Zeit griff dieser Gegensatz auch auf andere Burschenschaften über. Die sich von Jahr zu Jahr verstärkende politische Spannung führte bei den Germanen immer mehr zur Tendenz und Bereitschaft zu praktisch-politischem Handeln. 1829 entschied sich der Verband für die Germanen und steckte schließlich die Arminen in den Verruf, d. h., er erklärte sie für unehrenhaft und sprach ihnen die Existenzberechtigung ab.

Auf politischem Gebiet schritt die Radikalisierung fort. Auf dem Frankfurter Burschentag im Herbst 1831 strichen die Germanen aus der Zielformel "Vorbereitung zur Herbeiführung der Einheit und Freiheit Deutschlands" das Wort "Vorbereitung" und beschlossen, für das Ziel einzutreten, "wo, wann und auf welche Weise die Möglichkeit hierfür gegeben sei". Die germanische Burschenschaft wollte "als eine politische Assoziation gegen jedes illiberale Prinzip auftreten". Man empfahl den Austausch von Burschenzeitungen, die Politisierung, die Mitarbeit an Tageszeitungen und die Gründung von politisch gerichteten "Philistervereinen" aus ehemaligen, im Berufsleben stehenden Mitgliedern. Unter dem Einfluß der Pariser Julirevolution des Jahres 1830 und als Folge der Ablehnung jeglicher freiheitlicher Zugeständnisse und jeden Versuchs der Bundesreform durch die deutschen Fürsten und Regierungen wurden die bisher fast nur in der Burschenschaft erhobenen Forderungen zum Ziel weiter Kreise des Volkes. Die aus Frankreich einströmenden demokratisch-republikanischen Ideen führten zu einer weiteren Erhitzung der politischen Atmosphäre. Die Knebelung der liberalen Presse wurde im Januar 1832 mit der Gründung des radikalen "Preßvereins" oder "Vaterlandsvereins" beantwortet, an dem sich nicht nur die Germanen, sondern auch die Arminen beteiligten. Hatte man früher alles Französische und "Welsche" unbedingt abgelehnt, so sang man jetzt sogar die Marseillaise und trug die französischen Farben.

Das Hambacher Fest
Das Hambacher Fest

Burschenschafter nahmen in großer Zahl und zum Teil in führender Stellung an den politischen Volksfesten teil, insbesondere am Hambacher Fest vom 27. Mai 1832, bei dem die burschenschaftlichen Farben endgültig zu den deutschen Farben, zum Zeichen des deutschen Einheits- und Freiheitsstrebens wurden. Metternich und die Regierungen beantworteten die Forderung, den Bund der Fürsten durch den Bund der Völker, durch ein republikanisches Europa zu ersetzen, mit neuen Bundestagserlassen, mit denen eine Einschränkung der Rechte der bestehenden Volksvertretungen, eine weitere Beschneidung der Versammlungs- und Pressefreiheit und eine Erneuerung der Karlsbader Beschlüsse verfügt wurden.

Unter dem Eindruck dieser Maßnahmen schwand die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der deutschen Frage, die Radikalen übernahmen die Führung. Das in Frankfurt ansässige Zentralkomitee der Vaterlandsvereine, an dem die Burschenschafter G. Bunsen, Jucho, Körner und Gärth führend beteiligt waren, bereitete einen Volksaufstand vor, an dem sich auch französische und polnische Freischaren beteiligen sollten.

Titelbild "Die Burschenschaften"

Man plante und hoffte, sich in Frankfurt der Bundestagsgesandten zu bemächtigen und sich in den Besitz der Bundeskasse zu setzen, eine provisorische Regierung einzusetzen und so ganz Deutschland zur Erhebung mitzureißen. Der germanische Burschenschaftsverband spielte bei diesen Vorbereitungen eine maßgebende Rolle. Auf dem Stuttgarter Burschentag am 26./27. Dezember 1832 beschloß man in der irrigen Ansicht, der Gedanke der Revolution habe bei der Mehrheit des Volkes Anklang gefunden, den Umsturz aktiv zu betreiben. Der schlecht vorbereitete und leichtfertige "Frankfurter Wachensturm" vom 3. April 1833, an dem etwa 40 Burschenschafter beteiligt waren, brach kläglich zusammen und wurde der Anlaß zu einer neuen Welle der Verfolgungen.

An Stelle der 1820 aufgelösten Mainzer Zentraluntersuchungskommission wurde am 20. Juni 1833 die Frankfurter Bundeszentralbehörde gegründet, die den Auftrag erhielt, alle Einzelheiten der mit dem Wachensturm zusammenhängenden Verschwörungen und geheimen Verbindungen aufzudecken. Sie blieb bis 1839 in Tätigkeit und klagte über 1.800 Personen an, von denen etwa 1.200 Burschenschafter waren. Das preußische Kammergericht in Berlin erließ allein 39 Todesurteile, die freilich nicht vollstreckt wurden. Auf dem Gnadenwege wurden sie in lebenslängliche oder dreißigjährige Haft umgewandelt. Hunderte, deren Verbrechen nur in der Zugehörigkeit zur Burschenschaft bestanden hatte, wurden zu langjährigen Festungsstrafen verurteilt. Die Burschenschaft erlitt mit dem Mißlingen des Wachensturmes einen Schlag, von dem sie sich nur schlecht erholen konnte und der ihrer führenden politischen Rolle vorerst ein Ende setzte. Nicht nur die germanischen, auch die arminischen Burschenschaften verschwanden vorerst von der Bildfläche. Nur in Jena, Erlangen, Tübingen und Breslau entstanden lose Zusammenschlüsse, denen es gelang, die burschenschaftliche Tradition in eine bessere Zeit hinüberzuretten.

Die Manifestationen für Freiheit und Einheit, die ihren Ausdruck auf dem Hambacher Fest 1832 und beim Sturm auf die Haupt- und Konstablerwache in Frankfurt 1833 fanden, konnten auch durch immer schärfere Repressalien letztendlich nicht mehr unterdrückt werden. Zu Beginn des Jahres 1848 kam es unter dem Eindruck der Februar-Revolution in Frankreich auch in Deutschland, zunächst im südwestdeutschen Raum sowie später in allen Teilstaaten des Deutschen Bundes zum Aufbegehren des Volkes, das seine politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fesseln zu sprengen versuchte. Nach den Ereignissen der Märzrevolution wurde Metternich zum Aufgeben gezwungen. Über dem Palais Thurn und Taxis in Frankfurt, dem Sitz des Bundestages, wehte das schwarz-rot-goldene Banner.

Deutschland während der Märzrevolution
Deutschland während der Märzrevolution

Die Revolution auf deutschem Boden begann am 27. Februar 1848 in Baden. Ihr Verlauf in den einzelnen deutschen Staaten, zur damaligen Zeit insgesamt 39, war sehr unterschiedlich, jedoch war ein gemeinsames Ziel überall erkennbar: Es sollte ein deutscher Nationalstaat mit einer einheitlichen Verfasung geschaffen werden. Es war daher unumgänglich, die Forderung nach Einberufung einer deutschen Nationalversammlung zu erheben, die allein das Recht haben sollte, diese Verfassung auszuarbeiten, zu verabschieden und in Kraft zu setzen. Vom 31. März bis zum 3. April 1848 tagte in der Frankfurter Paulskirche das Vorparlament. Insgesamt 574 prominente Liberale und Demokraten kamen zusammen; viele von ihnen waren Abgeordnete aus einzelstaatlichen Landtagen. Tiefgreifende Differenzen zwischen der liberalen Mehrheit einerseits und den Demokraten andererseits traten zutage. Einigkeit bestand allerdings nur darin, allgemeine Wahlen zur Nationalversammlung auszuschreiben. Daher legte das Vorparlament das Wahlrecht in Grundzügen fest, wonach 649 Abgeordnete gewählt werden sollten. Böhmen und Mähren boykottierten die Wahl, da sie nach ihrem Selbstverständnis nur in einem Habsburger Reich, nicht aber in einem Deutschen Reich leben wollten. So verblieben 585 Abgeordnete, von denen ca. 450 an den Verhandlungen teilnahmen. Bei Verabschiedung des Verfassungswerkes im April 1849 reichte die Zahl an 540 heran.

Die Paulskirchenversammlung
Die Paulskirchenversammlung

Die deutschen Burschenschaften waren der wichtigste Träger des nationalen Freiheits- und Einheitsgedankens. Sie trugen die Botschaften des Hambacher Festes von 1832 in den gesamten deutschen Liberalismus. Es war daher nicht verwunderlich, daß in der Nationalversammlung "nach verschiedenen Quellen" bis zu 156 Burschenschafter neben zahlreichen weiteren Korporierten vertreten waren. Am 18. Mai 1848 fand die erste konstituierende Sitzung der Nationalversammlung statt. Bereits am 9. März 1848 wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold zu denen der Freiheit, die am 31. Juli 1848 auch von der Nationalversammlung zu den Nationalfarben erklärt wurden. Die Burschenschaft hatte schon bei ihrer Gründung 1815 diese zu ihren Farben erkoren und hatte somit einen sichtbaren Erfolg zu verzeichnen. Das Ziel der parlamentarischen Arbeit, die Reichsverfassung, wurde erst am 28. März 1849 mit knapper Mehrheit angenommen. Mit der Ablehnung der Kaiserkrone durch Preußens König Friedrich Wilhelm IV. scheiterte das Parlament, jedoch nicht dessen Verfassungsprinzipien und die damit verbundene parlamentarische Praxis.

Die Reichsverfassung setzte mit ihren Verfassungsprinzipien ein Maß für alle zukünftigen deutschen Verfassungsgeber. Auch heute hält die Deutsche Burschenschaft an den am Wartburgfest formulierten Grundsätzen fest, indem sie aktiv für die Einheit und Freiheit unserer demokratischen Staaten in einem einigen Europa eintritt.