Die Urburschenschaft

Auf gegen Napoleon
Auszug der Studenten im Kampf gegen Napoleon

Der Kampf gegen Napoleon und die französische Vorherrschaft in Europa wurde zur Geburtsstunde eines neuen deutschen Nationalgefühls und der Anlaß zu einer entscheidenden Umgestaltung des studentischen Gemeinschaftslebens. Schon um 1810 entwarfen Friedrich Friesen und Friedrich Ludwig Jahn im Auftrag des geheimen "Deutschen Bundes" den Plan einer deutschen Burschenschaft, die alle Sonderverbindungen ausschließen und das Studententum "moralisch verbessern, den deutschen Sinn beleben" und damit den Kampf gegen das französische Joch einleiten sollte. Wenn auch der damalige Rektor der Universität Berlin, Johann Gottlieb Fichte, diese Gedanken entschieden ablehnte, so fielen sie bei den noch landsmannschaftlich organisierten Studenten Nord- und Mitteldeutschlands auf fruchtbaren Boden. Begeistert gliederten sich große Teile des Studententums in die Reihen der Kämpfer gegen Napoleon ein. Im Rahmen des Lützowschen Freikorps wurden Jahns und Friesens Ideen fortentwickelt und nahmen festere Formen an. Schon kurze Zeit nach dem Sieg über Napoleon entstand in Halle am 1. November 1814 eine Teutonia, der freilich die landsmannschaftliche Herkunft noch stark anzumerken war und die deshalb nicht den Namen einer Burschenschaft verdient.

Die Tanne in Jena
Die Gastwirtschaft "Zur Tanne" in Jena, Gründungsort der Burschenschaft

Im Westen und Südwesten Deutschlands waren es von Ernst Moritz Arndt ausgegangene Anregungen, die zum Entstehen von Vereinigungen in Gießen, Heidelberg und Marburg führten, die als Vorgänger der Burschenschaft bezeichnet werden dürfen. Aus den 1814 im Rhein-Main-Gebiet gegründeten "Deutschen Gesellschaften" bildete sich unter der Führung von Wilhelm Snell und Karl Hofmann ein politischer Geheimbund, der eine Einigung Deutschlands unter preußischer Führung und eine freiheitliche Verfassung anstrebte. Mit Unterstützung des preußischen Staatskanzlers Hardenberg gelang es diesem "Deutschen Bund", in Südwestdeutschland Anhang zu finden. In Jena bildeten im August 1814 die aus dem Felde zurückgekehrten Freiwilligen eine "Wehrschaft", die sich im Gebrauch der Waffen übte und aus Angehörigen der verschiedensten landsmannschaftlichen Verbindungen bestand. Die treibende Kraft für die Gründung einer allgemeinen Verbindung wurde jedoch die Landsmannschaft Vandalia. Nach erbitterten Auseinandersetzungen, die zu zahlreichen Mensuren führten, ließen sich auch die übrigen Landsmannschaften für den burschenschaftlichen Gedanken gewinnen. Am 29. Mai 1815 beschloß der Senioren-Convent die Auflösung und wenige Tage später, am 12. Juni 1815, senkten sich vor der Gastwirtschaft "Tanne" die Fahnen der Landsmannschaften zum Zeichen ihres Aufgehens in der Burschenschaft.

Das Friedensfest
Das Friedensfest der Burschenschaft in Jena im Januar 1816

So bestand denn zwischen Landsmannschaft und Urburschenschaft in Jena eine enge Verwandtschaft, und doch unterschied sich diese von jener ganz wesentlich. Der Unterschied lag nicht so sehr in einer Umbildung der Formen des studentischen Lebens; solche Reformen hatten bereits die Orden und die "neuen" Landsmannschaften angestrebt. Das eigentliche Neue lag darin, daß die Burschenschaft das Volk und die Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem Ganzen in den Mittelpunkt des studentischen Lebens stellte. Die Erziehung von freien, sittlichen und opferbereiten Persönlichkeiten wurde der Leitgedanke, der bis heute Gültigkeit besitzt. Die Schüler von Jahn, Luden, Fichte, Friesen und Arndt hatten kein Verständnis mehr für die kleinstaatliche Zersplitterung Deutschlands. "Als ein Bild ihres in Freiheit und Einheit erblühenden Volkes" wollte die Burschenschaft für die Überwindung der nationalen Zerrissenheit wirken. Unter Ablehnung übersteigerter individualistischer und weltbürgerlicher Tendenzen der Aufklärung stellten die Urburschenschafter als echte Kinder der Romantik den Glauben an die besondere Bestimmung und Bedeutung des Volkstums in die Mitte ihres Denkens und Handelns. "Die Reinheit der deutschen Sprache, die Ehrbarkeit der deutschen Sitten, die Eigenart deutschen Brauchs, überhaupt alles zu fördern, was Deutschland groß und stark, den deutschen Namen rühmlich und gefürchtet machen konnte", war der Urburschenschaft oberstes Ziel. Ihr ideales Streben und die Reinheit ihres Wollens werden für alle Zeiten Vorbild des deutschen Studententums sein. Freilich, die leidenschaftliche Vaterlandsliebe schloß in ihrer Bekämpfung des "Undeutschen" und "Welschen" auch die Gefahr der Übersteigerung, der Deutschtümelei in sich. Dieser Gefahr ist die Burschenschaft nicht immer entgangen.