Der Frankfurter Wachensturm 1833

Frankfurter Wachensturm, 3. April 1833

Die 1815 gegründete Burschenschaft war die Avantgarde der deutschen Nationalbewegung. Sie wurzelte in den Freiheitskriegen, stand unter dem Einfluß von Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte, war geprägt durch idealistische Volkstumslehre, christliche Erweckung und patriotische Freiheitsliebe. Diese antinapoleonische Nationalbewegung deutscher Studenten war politische Jugendbewegung – die erste in Europa – und die erste gesamtnationale Organisation des deutschen Bürgertums überhaupt, die 1817 mit dem Wartburgfest die erste gesamtdeutsche Feier ausrichtete und mit rund 3.000 Mitgliedern 1818/19 etwa ein Drittel der Studentenschaft des Deutschen Bundes umfaßte.

Die zur nationalen Militanz neigende Burschenschaft, zu einem Gutteil hervorgegangen aus dem Lützowschen Freikorps, setzte ihr nationales Engagement in neue soziale Lebensformen um, die das Studentenleben von Grund auf reformierten. Aber nicht nur das: Die Studenten begriffen die Freiheitskriege gegen Napoleon als einen Zusammenhang von innerer Reform, innenpolitischem Freiheitsprogramm und Sieg über die Fremdherrschaft. Nationale Einheit und Freiheit wurden propagiert, Mannhaftigkeit und Kampfbereitschaft für das deutsche Vaterland.

Dem Wartburgfest 1817, der Gründung der Allgemeinen deutschen Burschenschaft 1818 und der Ermordung August von Kotzebues durch den Jenaer Burschenschafter Karl Ludwig Sand folgten 1819 die Karlsbader Beschlüsse und die Unterdrückung der Burschenschaft. Sie wurde zu einer sich mehr und mehr radikalisierenden Bewegung an den deutschen Hochschulen, die bald mehr, bald weniger offiziell bestand.

Zunehmende Radikalisierung

Ludwig Burger, Frankfurter Wachensturm, um 1880

Deutlichstes Zeichen dieser Radikalisierung auf Grund von unterschiedlichen Ansichten über die gesellschaftlichen und politischen Aufgaben der Burschenschaften war ab 1829 die Spaltung in „Germanen“ und „Arminen“: die „arministische Richtung“ lehnte jede aktive politische Betätigung und Einmischung ab. Die Hochschüler sollten vielmehr erst sittlich reifen, die Studienzeit sollte der Vorbereitung dienen, um später das politische Geschehen mit- und umgestalten zu können. Anders die „germanistische Parteiung“, die die aktive, möglicherweise auch gewaltsame Partizipation an politischen Prozessen in den Vordergrund stellte. Die Germanen obsiegten in zahlreichen Burschenschaften.

War in der Urburschenschaft neben der Sicherung des Volkstums nach außen die „Erziehung zum christlichen Studenten“ für den Innenbereich bestimmend gewesen und der Zusammenhang von Wartburg, Luther und Reformation 1817 mehr als deutlich geworden, so ließ der Frankfurter Burschentag 1831 die Forderung nach „christlich-deutscher Ausbildung“ zu Gunsten einer zunehmenden Polarisierung endgültig fallen. Der Stuttgarter Burschentag faßte im Dezember 1832 einen Beschluß zur Tolerierung und Förderung revolutionärer Gewalt zum Zweck der Überwindung der inneren Zersplitterung Deutschlands. Das mündete in die Beteiligung am Hambacher Fest Ende Mai 1832 und am Preß- und Vaterlandsverein – der ersten parteiähnlichen Organisation in Deutschland mit dem Ziel, über eine freie Presse zu einem freien und einigen Deutschland zu gelangen – sowie in den Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833, an dem vor allem Heidelberger und Würzburger Burschenschafter beteiligt waren, und löste eine neue Welle der Verfolgungen durch die eigens eingerichtete Bundeszentralbehörde in Frankfurt a. M. bis in die vierziger Jahre hinein aus, die der älteren burschenschaftlichen Bewegung das Rückgrat brach.

Pläne und Vorbereitungen

In Kreisen der aktionsorientierten Germanen wurden seit 1832 Pläne für ein gewaltsames Losschlagen erwogen, das eine Initialzündung sein sollte für eine allgemeine Revolution in Deutschland, die man sich nach dem Vorbild der französischen Juli-Revolution von 1830 dachte. Nachdem der Vorsitz des Preß- und Vaterlandsvereins in Frankfurt beheimatet war und nach dem Hambacher Fest sowie den ihm folgenden Beschlüssen des Bundestags - Festlegung des monarchischen Prinzips, Überwachung der Landtage, Verbot politischer Vereine, Volksversammlungen und Kundgebungen - konkretisierten und radikalisierten sich die Pläne. Frankfurt wurde als zentraler Ort des Aufstands ausersehen, die Bundestagsgesandten der deutschen Staaten sollten festgenommen, die Bundeskasse beschlagnahmt werden. Gleichzeitig sollten sich württembergische Truppen erheben, bei denen man einige Offiziere kannte, und auf das damit gegebene Signal sollte der Aufstand auch in anderen Orten, in Heidelberg, in Homburg, in Oberhessen, Marburg, Kassel usw. losbrechen. Die weitere Ausbreitung der Erhebung in Baden, Württemberg, Rheinbayern, in Nassau und in den beiden Hessen hielt man für gesichert. Mit dem Abfall eines Teils des hessen-homburgischen, aber auch der kurhessischen Truppen wurde gerechnet. Auch die preußische Landwehr, so hoffte man, würde den Kampf gegen das Volk verweigern. Vom Rhein her erwartete man französischen und polnischen Zuzug. Unterstützt durch den Preß- und Vaterlandsverein, glaubte man, das übrige Deutschland leicht zu gewinnen. Eine provisorische Regierung sollte dann die liberalen Führer zu einem Vorparlament einberufen. Dieses sollte die Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung organisieren, die darüber zu entscheiden habe, ob Deutschland eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie werden solle - eben so, wie es dann 1848 ausgeführt wurde. Die Regierungen waren durch Spitzel und Spione übrigens gut unterrichtet, ohne den Plänen jedoch besondere Bedeutung beizumessen. Ihnen erschien es vielfach absurd, daß ein paar Studenten den Deutschen Bund meinten beseitigen zu können.

Zweifellos kamen die Führer des Preß- und Vaterlandsvereins früh auf den Gedanken, sich der Burschenschaften zu bedienen, zumal sie selbst meist Burschenschafter gewesen waren. Es bestanden enge Beziehungen zu den Germanen; Gustav Bunsen, Georg Adolf Berchelmann, Eduard Kollhoff waren die Mittelspersonen, während im Vaterlandsverein Georg und Karl Bunsen, Friedrich Sigmund Jucho u. a. die eigentlichen Drahtzieher waren. Nur Franz Gärth, der Sekretär des Vereins, stand im Vordergrund und entfaltete eine eifrige und geheime Tätigkeit. Nach Gustav Peter Körner liebte er kühne Pläne, täuschte sich selbst große Dinge vor und war ein Charismatiker, dem schwächere Naturen gern folgten. Gärth unterhielt Verbindungen zu Oppositionellen in ganz Deutschland, dazu mit den Straßburger Flüchtlingen und dem polnischen Revolutionsausschuß in Paris.

Im Februar 1833 ging Peter Friedrich Neuhoff nach Tübingen, Stuttgart und Ludwigsburg, Gustav Bunsen kündigte schon zu Fastnacht in Heidelberg den Zeitpunkt des Aufruhrs auf die ersten Apriltage an. Körner unternahm am 25. Februar 1833, mit Briefen und mündlichen Aufträgen Gärths versehen, eine große Werbe- und Erkundungsreise durch Mitteldeutschland. Er suchte zunächst in Kassel, wo die Wellen wegen des Verfassungsstreits zwischen Landtag und Landesherrn besonders hoch gingen, den Führer der hessischen Liberalen, Sylvester Jordan, auf. Dieser stellte, besonders für die vorauszusehende Landtagsauflösung durch den Kurfürsten, eine Beteiligung der kurhessischen Bevölkerung an einem allgemeinen Aufstand unter der Führung von Abgeordneten und selbst der Armee und der Bürgergarde in Aussicht. Er billigte auch den vorgesehenen Zeitpunkt und das für das Gelingen geplante rücksichtslose Verfahren. Körner verließ Kassel, wo er auch mit Bürgern und Offizieren gesprochen hatte, die Jordans Ansichten bestätigten, in der Hoffnung, daß, wenn der Schlag in Frankfurt gelänge, man auf Kurhessen zählen könne.

In Göttingen suchte Körner einige alte Freunde auf, darunter August Ludwig von Rochau und Julius Thankmar Alban, die ihm ihre Teilnahme und zugleich die Herstellung von Kontakten mit den örtlichen Liberalen zusagten. Auch in Leipzig, wo sich Körner an den ehemaligen Burschenschafter Karl Eduard Burkhardt, Schriftleiter des "Tageblatts", wandte, wurde er darin bestärkt, daß mit einem Aufstand in Sachsen zu rechnen sei. In Altenburg fand Körner seine alten Kommilitonen August Wilhelm Rittler und Wilhelm Weber zum Losschlagen bereit. In Jena traf er nur einige wenige Mitglieder der Germania, die mit ihm einen Tag in Kospeda zubrachten und mit denen er "zufriedenstellende Vereinbarungen" traf. In Coburg hingegen wurde ihm die Stimmung als einem Aufstand wenig geneigt geschildert. Ebenso äußerte sich der ehemalige Münchner und Erlanger Germane Dr. Heinrich Heinkelmann in Bamberg. Dagegen wurde Körner in Kronach versichert, daß dieser Ort den Mittelpunkt eines Aufstandes für das Fichtelgebirge und den Thüringer Wald bilden würde. In Würzburg versprachen Körner eine Anzahl Germanen die Teilnahme bei rechtzeitiger Benachrichtigung.

Am 17. März kehrte Körner nach Frankfurt zurück und berichtete, im ganzen befriedigt, über das Ergebnis der Reise, verhehlte aber nicht seine Ansicht, daß man sich nicht auf alle Versprechungen verlassen könne. Da mittlerweile der kurhessische Landtag am 18. März aufgelöst wurde und die Erregung in Kurhessen darüber stark zunahm, glaubte man sich der Mitwirkung der dortigen Bevölkerung sicher. Auch aus Darmstadt und Heidelberg brachte Körner günstige Nachrichten. Aus Leipzig erschien als Abgesandter der dortigen Freunde der ehemalige Corpsstudent Karl Eduard Tittmann (Lusatia), um sich bei Körner nach den Plänen zu erkundigen.

Gärth hatte währenddessen mit den Radikalen im Großherzogtum Hessen verhandelt. Am 3. März fanden sich mehrere Führer der Verschwörer in Großgartach bei Heilbronn zur entscheidenden Versammlung ein. Hier berichtete Gärth über die angeblichen Teilnehmer und die zu Gebote stehenden Mittel sowie den eigentlichen Plan. Man müsse, legte er dar, in Kürze losschlagen. Die im Februar erfolgte Verhaftung des Buchhändlers Friedrich Gottlob Frankh, des Kandidaten Georg David Hardegg und des Arztes Dr. August Friedrich Breidenstein mahnte zur Beschleunigung. Man vereinbarte, daß in Frankfurt und Ludwigsburg an einem vor dem 6. April liegenden noch genauer zu bestimmenden Tag gleichzeitig losgeschlagen werden solle. Körner wurde nach Metz geschickt, um den dort weilenden flüchtigen Advokaten Friedrich Schüler zu befragen, ob er in die einzusetzende provisorische Regierung eintreten wolle, die außer ihm aus den Grafen Karl Christian Ernst von Benzel-Sternau, Johann Adam von Itzstein, Sylvester Jordan, Karl von Closen und Karl von Rotteck bestehen sollte. Schüler sagte zu. Körner war dann noch in Straßburg, Colmar und Freiburg und glaubte dort überall Scharen von Polen zu sehen, die seiner Meinung nach am Aufstand teilnehmen wollten.

Zuletzt versuchten die Frankfurter den württembergischen Oberleutnant Ernst Ludwig Koseritz in Ludwigsburg zu überreden, zuerst loszuschlagen. Aber dieser wollte erst den Aufstand in Frankfurt abwarten und gab an, mit den Vorbereitungen noch nicht fertig zu sein. Zögerte er, schreckte er noch zurück? Später wurde behauptet, seine Begnadigung und Entlassung nach Amerika nach einer Verurteilung zum Tode sei eine Belohnung für den von ihm begangenen Verrat gewesen. Ohne Zweifel ist, daß den meisten Verschwörern, mochten sie sich anfangs auch selbst über ihre Mittel und den Willen des Volkes zur Erhebung getäuscht haben, bewußt wurde, daß das geplante Unternehmen nicht gelingen könne. Unklar bleibt aber, weshalb die Frankfurter dennoch auf der Ausführung beharrten. Gärth mag in Selbsttäuschung befangen geblieben sein, bei anderen war, wie es scheint, das Bewußtsein durchgedrungen, daß es zu spät sei, zurückzutreten, weil man so oder so bestraft werden würde. Wieder andere glaubten, daß auch ein Mißlingen des Unternehmens durch die Aufregung, die in das Volk getragen würde, einen Fortschritt auf dem Wege zur Einheit und Freiheit Deutschlands bedeuten werde. Dieser Gedanke scheint ausschlaggebend gewesen zu sein. Die jungen, draufgängerischen und tatenlustigen Mitglieder des Frankfurter Ausschusses des Preß- und Vaterlandsvereins waren entschlossen, sich für die gute Sache zu opfern. Sie wußten auch, daß etliche Burschenschafter mitziehen würden und verrechneten sich nicht. Die Mahnungen und Warnungen Friedrich Ludwig Jahns in der erst Mitte März 1833 vollendeten Schrift "Merke zum deutschen Volkstum", die die Geheimbündelei und das Liebäugeln mit Frankreich auf das Schärfste verurteilte, das Unglück des deutschen Volkes im Gegensatz von Volk und Staat sah und das von Unholden aller Art, von "Rückwärtsern" und "Hambachern" in gleicher Weise bedrohte Volk aufforderte, diesen Gegensatz zu beseitigen, kamen zu spät, würden auch schwerlich noch Gehör bei der radikalisierten Jugend gefunden haben. Die Studenten fühlten sich als Vortrupp und glaubten die historische Entwicklung, die Geschichte, auf ihrer Seite. Das wirkte sich in einer erstaunlichen Bereitschaft aus, Sekurität und das persönliche Fortkommen zu Gunsten der politischen Betätigung zurückzustellen.

Die Teilnehmer

Steckbrief Gustav Körner, 12. April 1833

Mitte März fand in Heidelberg im engeren Klub der Burschenschaft unter dem Vorsitz des Sprechers Eduard Fries eine Besprechung statt, in der sich sechs Mitglieder zur Teilnahme am Aufstand meldeten, während die übrigen sich bereit halten sollten, im Falle des Gelingens des Frankfurter Unternehmens loszuschlagen, dann nach Mannheim zu ziehen und sich der dortigen Kanonen und der Rheinbrücke zu bemächtigen. Um das Geld für die nötigen Reisen zu beschaffen, versetzte man die Bücherei der Burschenschaft. Die verbündeten Burschenschaften lud man durch ein Schreiben ein, das etwa lautete: "Anfangs April hat meine Schwester in Frankfurt Hochzeit, deren Tag noch näher bestimmt werden wird. Es wird mich sehr freuen, wenn du diesem Feste beiwohnst und tüchtige Freunde mitbringst." Peter Feddersen reiste nach Kiel, um die Aufforderung dorthin zu bringen. Ob eine Einladung nach München gelangte, steht nicht fest. Die nach Würzburg ergangene, durch Heinrich Eimer wiederholte Einladung wurde von Bernhard Luzius nach Erlangen weitergegeben. In Tübingen war, wie Theodor Friedrich Mögling berichtet, ein Brief an Friedrich Böhringer in dessen Abwesenheit angekommen und ihm nach Maulbronn nachgesandt worden. Jedenfalls erhielten die Tübinger keine Kenntnis des Unternehmens. Von dort nahm daher ebenso wenig jemand teil wie aus Kiel und München. Es war zudem für die Ausführung des Plans ungünstig, daß die Einladung in die Ferien fiel, so daß viele Burschenschafter nicht am Studienort anwesend waren. Doch reisten aus Erlangen mehrere Germanen über Würzburg, wo sich eine Anzahl dortiger Burschenschafter anschloß, nach Frankfurt. Nach Göttingen überbrachte Friedrich August Cunradi die Nachricht von der Festsetzung des Tages, aber nicht an den engeren Verein der Allemannia, sondern wohl nur an die einzelnen Mitglieder, die früher germanischen Burschenschaften angehört hatten. Auch nach Gießen und Marburg sind Aufforderungen an die dortigen burschenschaftlichen Kreise ergangen. Der Kandidat Friedrich Breidenstein, ein Bruder des verhafteten Breidenstein, hatte es in Großgartach übernommen, die hessischen Burschenschaften zu verständigen. Bekannt ist, daß in den Tagen kurz vor dem 3. April lebhafter Verkehr zwischen "Patriotenvereinigungen" in Oberhessen, besonders Gießen, Marburg und Kassel, herrschte. Auch nach Hanau scheinen die Frankfurter Aufforderungen geschickt zu haben.

An den beiden ersten Tagen des April 1833 trafen folgende Studenten in Frankfurt ein:

  • aus Heidelberg: Heinrich Eimer (auch Freiburger Burschenschaft), Peter Feddersen (auch Kiel), Eduard Fries, Hermann Moré, Ernst Matthiae (auch Bonn) und Karl von Reitzenstein;
  • aus Würzburg: Johann Baptist Dörflinger, Karl Siegmund Pfretzschner, Heinrich Joseph Freund, Friedrich Gambert (auch Erlangen), Bernhard Lizius (auch Aschaffenburg), Karl Julius Rubner (auch Jena und Erlangen), Ignatz Sartori, Eduard von Welz (auch Germania München und Heidelberg) und Adolf Wislicenus (auch Göttingen und Germania Jena);
  • aus Erlangen: Friedrich August Krämer (auch Germania Jena), Hermann Friedrich Handschuh (auch Germania München) und Josua Baptist Dehner(t) (auch Greifswald);
  • aus Göttingen: Julius Thankmar Alban, August Ludwig von Rochau (beide auch Germania Jena) und Karl Friedrich Holzinger (auch München, Göttingen und Heidelberg);
  • aus dem Straßburger Flüchtlingskreis: Wilhelm Obermüller (Heidelberg und Germania Freiburg), Ludwig Silberrad (Germania Freiburg), Friedrich August Cunradi (Germania München, Würzburg und Heidelberg), Wilhelm Zehler (Würzburg und Teutonia Erlangen) und Johann Kaspar Georg Herold (Halle);
  • aus Metz: Erasmus Theodor Engelmann (München, Jena und Heidelberg);
  • aus Gießen: der Pole Alexander Lubanski und Eduard Scriba (auch Bonn);
  • außerdem ehemalige Burschenschafter: Franz Gärth, Gustav Bunsen und die Lehrer des Erziehungsinstituts Georg Bunsens, Georg Adolf Berchelmann (Heidelberg und Würzburg), Eduard Kollhoff (Halle und München), Georg Nahm (Würzburg, Heidelberg, Germania Erlangen) und Gustav Peter Körner (Jena, München, Heidelberg);
  • sonstige: die drei Corpsstudenten Dr. Johann Ernst Hermann von Rauschenplat (Hannovera Göttingen), Gymnasiallehrer Ernst Schüler (Starkenburgia Gießen) aus Gießen und der Advokat Dr. Friedrich Neuhoff (Guestphalia Halle) aus Frankfurt.


Endlich sollten noch die drei Gießener Burschenschafter August Becker, Wilhelm Braubach und Friedrich Breidenstein als Unterführer einer vom Landwirt Georg Neuhoff und dem Müller Johann Ernst Schrimpf aus Bonames bei Frankfurt heranzuführenden Bauernfreischar dienen. Zu ihnen gesellte sich eine kleine Anzahl von Handwerkern, Gesellen usw., meist aus Frankfurt, darunter auch ein Tübinger Burschenschafter, der Gärtnergehilfe Eduard Schmidlin, und andere. Ihre Führung sollte der frühere Major Jozef von Michalowski übernehmen. Genau ist die Zahl der Empörer nicht festzustellen. Mehr als 70 werden es kaum gewesen sein.

Der Wachensturm

Die meisten fremden Studenten versammelten sich am 2. April nachmittags auf Einladung Körners und Bunsens in einem Wirtshaus in Bockenheim, unmittelbar vor Frankfurt. Es wurde ihnen mitgeteilt, daß in beiden Hessen und in Württemberg alles für den Aufstand vorbereitet und ein teil der jeweiligen Armeen gewonnen sei. 2.000 Bürger und Handwerksgesellen aus Frankfurt seien zum Anschluß bereit, Bauern aus der Umgegend würden weiteren Zuzug bringen. Doch die Studenten wurden mißtrauisch, sie sahen von der Macht der Verschworenen nichts und durchschauten, mit welch geringer Zahl man den Deutschen Bund hinwegzufegen gedachte. Gustav Bunsen und Körner erkannten dies auch und stellten frei, noch zurückzutreten, am folgenden Tag werde es zu spät sein. Aber keiner trat zurück. Den Vorwurf der Feigheit wollte keiner auf sich laden, auch als sie erfuhren, daß außer ihnen, die zunächst zur Erstürmung der Hauptwache bestimmt seien, nur noch eine kleine Schar zur Einnahme der Konstablerwache bereit sei. Sie wollten sich, wie sie meinten, für das Vaterland opfern. Diese Stimmung bezeugen mehrere, namentlich Alban, vor allem aber Körner in seinem 1837 geschriebenen Tagebuch: „Wir alle waren der festen Überzeugung, daß, wenn auch unser Schritt mißlingen und wir den Untergang finden würden, dennoch irgendeine Tat geschehen müsse. Wir waren der Überzeugung, daß jeder Tropfen vergossenen Blutes tausendfachen Ertrag doch einst bringen würde. Wir waren der Überzeugung, daß das Mißlingen uns nur scheinbar zurückwerfen mußte, denn wir hatten alle aus der Geschichte die unwandelbare Ansicht geschöpft, daß keine Tat, die einem freien, männlichen, auf Selbstaufopferung gegründeten Entschlusse entspringt, ohne die beabsichtigen Folgen bleiben kann. Wir glaubten an die Wahrheit und Gerechtigkeit unserer Gesinnung und also auch unserer Handlung zu sehr, um nicht, wenn auch nicht unmittelbar, den Sieg unserer Sache für gewiß zu halten.“

Am 3. April erhielt das Frankfurter Komitee des Preß- und Vaterlandsvereins die Mitteilung, der ganze Plan sei verraten. Die früheren, den Regierungen zugegangenen Nachrichten hatten einen so wenig glaubhaften Eindruck gemacht, daß bisher niemand an ernstliche Gegenmaßnahmen gedacht hatte. Das vom verhafteten Butzbacher Gemeindeschöffen Johann Konrad Kuhl abgelegte Geständnis und die Aussagen Friedrich Gottlob Frankhs, dem wenigstens einige Andeutungen zu entlocken gewesen waren, waren den zuständigen Behörden noch nicht zur Kenntnis weitergegeben worden. Am Morgen des 3. April erhielt der bayerische Bundestagsgesandte Maximilian von Lerchenfeld und der erste Bürgermeister Frankfurts durch den zu kurzem Besuch weilenden Professor Johann Adam Seuffert aus Würzburg die Mitteilung, daß nach einem dem Würzburger Rechtskonsulenten Quante zugesteckten, unterschriftslosen Brief am Abend um ½ 10 Uhr von Vaterlandsfreunden ein Sturm auf die Konstabler- und die Hauptwache geplant sei. Auch wolle man die Sturmglocke läuten, die Bundestagsgesandten festnehmen und eine provisorische Regierung für ganz Deutschland errichten. Unterstützung aus der Umgebung werde erwartet. Zugleich wurde berichtet, daß der bekannte Unruhestifter und Aufwiegler Rauschenplat in Frankfurt sei, und daß man auffällig viele Studenten sähe. Der bayerische Gesandte setzte das Bundestagspräsidium und die anderen Gesandten in Kenntnis, die Vorsichtsmaßnahmen trafen. Der Militärgouverneur der Festung Mainz wurde verständigt und machte 2.000 Mann mit sechs Geschützen und eine Schwadron Kavallerie mit 100 Reitern marschfertig. Das Frankfurter Linienbataillon wurde alarmiert und die Hauptwache verstärkt. Aber die Wachen erhielten keine scharfen Patronen und wurden auch nicht davon verständigt, daß sie auf einen Angriff vorbereitet sein müßten. Der Bürgermeister und die Senatoren berieten, aber es geschah nichts, um den Ausbruch des Aufstands zu verhindern. Später hat man dies so gedeutet, daß die Regierungen die Empörung haben ausbrechen lassen, um nachher Burschenschaften und Liberale um so sicherer unterdrücken zu können. Beweisbar ist das nicht, willkommen war ihnen der Grund sicherlich.

Die verschworenen Studenten versammelten sich in der Wohnung Gustav Bunsens an der Münze. Jeder erhielt Gewehr, Bajonett und Patronen und eine dreifarbige Armbinde, einige noch andere Waffen. Patronen für die Kanonen und Signalraketen wurden mitgenommen. Punkt ½ 10 Uhr stürzte unter Führung Rauschenplats ein im ganzen 33 Mann starker Haufen, von dem Gustav Bunsen, Berchelmann und Körner je eine Rotte befehligten, auf die von 51 Soldaten besetzte Hauptwache zu und schossen auf den Posten und die in der Wachstube sich aufhaltende Mannschaft. Diese ergab sich, nachdem der wachhabende Offizier durch ein Fenster entflohen war und ein sich tapfer wehrender Sergeant, der Bunsen und Körner verwundete, niedergeschossen war. Einige der Verschwörer begaben sich in das obere Stockwerk, um die dort einsitzenden politischen Gefangenen zu befreien. Andere forderten die sich ansammelnde Menge und die Soldaten vergeblich auf, Waffen zu nehmen und für die Freiheit zu kämpfen. Dann zog die Mehrheit zur Konstablerwache. Nur wenige blieben zur Bewachung der gefangenen Soldaten zurück. Bunsen eilte mit einigen Freunden zum Dom und zwang die Frau des Türmers zum Läuten der Sturmglocke. Mittlerweile war auch die Konstablerwache von einem 18 oder 19 Köpfe zählenden Haufen genommen worden. In dem dabei entstehenden Gefecht wurden mehrere Soldaten getötet oder verwundet. Auch hier wurden einige Gefangene in Freiheit gesetzt, aber auch hier blieb die Aufforderung an das Volk, für die Freiheit zu streiten, ohne jeden Erfolg. Rauschenplat bemühte sich vergebens, die durch strömenden Regen naß gewordenen Raketen zu zünden. Auch die Öffnung des der Konstablerwache gegenüberliegenden Zeughauses, aus dem man Kanonen und Gewehre zur Volksbewaffnung holen wollte, gelang nicht. Einzelne kleine Trupps wurden an anderen Stellen der Stadt gesehen. Sie riefen: ,,Es lebe die Freiheit! Zu den Waffen!“

Inzwischen hatte sich das Linienbataillon marschfertig gemacht, dessen kommandierender Offizier den vor seiner Wohnung lauernden beiden Studenten entkommen war. Mit vorgezogenen Plänklern rückte die Truppe zunächst gegen die Hauptwache vor. Die wenigen Aufständischen, die sich noch dort befanden, gingen auf die Konstablerwache zurück, ohne die dort stehenden beiden Kanonen zu benutzen. Nur Rubner, der sich verspätet hatte, wurde nach heftiger Gegenwehr gefangen. Dann rückte eine Abteilung, gefolgt vom Bataillon, gegen die Konstablerwache vor, die, nachdem zuvor die vorgeschickte Patrouille durch das Feuer der Verschworenen zerstreut worden war, nach kurzem Gefecht genommen wurde. Die Empörer warfen meist einfach die Waffen weg und entkamen in der Dunkelheit. Der nicht nachlassende Regen hatte einerseits die Überraschung der Wachen und das spätere Entkommen erleichtert, andererseits aber größere Volksversammlungen verhindert, auf die man gehofft hatte. Ein Haufen von etwa 60 Bauern war von Bonames her angerückt, hatte die verhaßte hessische Zollstätte in Preungesheim zerstört, aber vor der Stadt angehalten. Ein anderer kleiner Haufen von 15 bis 20 Leuten hatte am Friedberger Tor vergeblich Einlaß begehrt. Beide Gruppen kehrten um, als sie nichts vom Erfolg des Aufstands in der Stadt bemerkten und die verabredeten Zeichen ausblieben.

Auch sonst blieb in Deutschland alles ruhig. Namentlich schlug Koseritz in Ludwigsburg nicht los. Die verschiedenen Verschwörerherde wurden vom Mißlingen des Aufstands rasch, teilweise durch reitende Boten, verständigt. Am 7. April versuchte noch vergeblich eine Schar von 300 bis 400 Polen aus Besançon und Dijon über die Schweiz nach Baden zu gelangen. Auch gleichzeitige Putschversuche in Polen und in Piemont hingen mit der Frankfurter Erhebung zusammen.

Folgen und Verfolgung

Flucht der Wachenstürmer

Von den Aufrührern starben zwei an den erhaltenen Wunden, einige weitere waren verwundet worden. Dazu wurden sechs Soldaten getötet, 14 verwundet, außerdem wurde ein unbeteiligter Bürger getötet, andere verwundet. Dem größten Teil der Verschwörer gelang die Flucht aus der Stadt und ins Ausland, wobei sie vielfach die Unterstützung ihrer am Aufstand selbst unbeteiligten Freunde und Kommilitonen fanden. Einige wurden in Frankfurt aufgegriffen. Von den Gefangenen starben Neuhoff, Nahm und Dehner(t) in der Haft, Rubner verunglückte im Mai 1834 bei einem mit Hilfe von Frankfurter Einwohnern unternommenen Fluchtversuch tödlich, wogegen zeitgleich Alban und Lizius, später, am 20. Oktober 1836, Rochau, der anfangs einen Selbstmordversuch unternahm, und am 10. Januar 1837 Matthiae, Fries, Sartori, Handschuh, Zehler und Wilhelm Obermüller aus dem Gefängnis entflohen. In der Regel organisierten ihre Freunde die Flucht. Freund, Silberrad und Reitzenstein wurden wahnsinnig, letzterer deshalb im Juni 1834 entlassen. Am 19. Oktober 1836 wurde den Häftlingen, darunter auch der angeblich schauspielernde Freund, das Urteil verkündet. Es lautete auf lebenslängliches, nur beim halbwegs wiederhergestellten Silberrad auf 15jähriges Zuchthaus. Ende November 1838 mußte gegen Freund die Untersuchung eingestellt werden. Pfretzschner wurde nach Bayern ausgeliefert. So blieben nur Eimer, Moré und Silberrad in der Hand der Frankfurter Behörden. Im August 1838 wurden sie zu lebenslänglicher Verbannung begnadigt unter der Bedingung, daß im Falle der Rückkehr ihre Strafe vollstreckt werden sollte. Von den flüchtigen bayerischen Staatsangehörigen wurde Lizius in Abwesenheit zu lebenslänglicher Festungshaft verurteilt, gegen Dörflinger, Engelmann, Gambert, Holzinger, Cunradi und Welz wegen ungenügender Beweise auf Einstellung und eine Verdachtsstrafe von je 10.000 Gulden oder fünfjähriger Festungshaft erkannt. Erst 1839 hob das Münchner Oberappellationsgericht dieses Urteil auf, und Pfretzschner und Krämer wurden in Freiheit gesetzt. Besonders hart griffen die preußischen Behörden durch, rund 200 Burschenschafter wurden verurteilt, darunter über 30 zum Tode, was später meist in lebenslängliche bzw. 30jährige Haft umgewandelt wurde. Amnestierungen erfolgten erst 1840 anläßlich der Thronbesteigung König Friedrich Wilhelm IV. Die Flüchtigen gingen meist in die Schweiz oder die USA, Körner etwa wurde später Oberster Richter und Vizegouverneur von Illinois und US-Gesandter in Madrid. Nur wenige, so Gärth, Eimer und Rochau, kehrten nach 1848 nach Deutschland zurück.

Wirkung und Wertung

Erinnerungstafel an der Frankfurter Hauptwache

Wir haben Körner gehört: Obwohl aussichtslos, war er trotzdem für das Unternehmen. Ähnlich schrieb Rochau: „Wir hatten keinen anderen Zweck als den, zu fallen und Deutschlands politisches Urteil anzuregen. Es war von einer Eroberung, von der Möglichkeit eines Umsturzes keine Rede. Man wollte gegen die Bundesbeschlüsse, gegen die Lethargie der Masse protestieren, man wollte der konservativen Partei zeigen, wessen die liberale fähig sei in ihrem Mut und ihrer Überzeugung.“

Aus Rochaus Worten spricht ein Avantgardebewußtsein, wie es für Studenten bis 1968 charakteristisch war. Zwar hatten sich bis dahin die Studenten einschließlich ihres politischen Standortes in der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit verändert. Konstant geblieben war jedoch ihre Funktion als potentielle Elite. Denn in der Studentenschaft vereinen sch Aspekte einer juristisch, kulturell und gesellschaftlich relativ geschlossenen Gruppe. Den deutschen Studenten zeichnen dabei mehrere Faktoren aus: Zunächst ist das Studententum eine zeitlich begtenzte Phase im Leben junger Erwachsener, die ein ausgeprägtes, studentische Traditionen weitergebendes Gruppenbewußtsein aufweisen und daher wenig soziale Kontakte zu anderen Schichten pflegen. Studenten sind familiärer Sorgen weitgehend ledig, auf Grund des deutschen, wissenschaftlichen und nicht erzieherischen Studiensystems in ihrem Tun und Lassen ausgesprochen unabhängig und wegen ihrer vorrangig geistigen Beschäftigung wenig auf vorhandene Denkmodelle fixiert. Besonderen Nachdruck verleihen studentischem Engagement die berufliche, soziale und finanzielle Ungewißheit, der instabile Sozialstatus: Studenten sind noch nicht gesellschaftlich integriert und stehen daher auch Kompromissen weitgehend ablehnend gegenüber. In ihren politischen Ideen und Idealen neigen Studenten deshalb zum Rigorismus. Daraus resultiert, Gegner zu bekehren, oder, wenn das nicht möglich ist, sie niederzukämpfen oder zu vernichten. Zudem: Bis weit in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein begriffen die Gesellschaft wie die Studenten sich selbst als Elite, die als Akademiker die führenden Positionen des öffentlichen Lebens einnehmen würden, woraus letztlich das für eine Avantgarderolle unerläßliche Selbstbewußtsein entstand. Damit einherging eine anhaltende Überschätzung der eigenen Rolle, aber auch eine ,,Seismographenfunktion gesellschaftlicher Veränderungen“ (Thomas Nipperdey). Mehr noch, studentische Organisationen, die Verbindungen, hatten für die politische Kultur des bürgerlichen Deutschland von jeher eine Leitfunktion, spiegeln die Vielgestaltigkeit des gesellschaftlichen Lebens und sind mit den Problemen der einzelnen politisch-gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen verzahnt (Otto Dann).

Dazu kommt im Falle des Frankfurter Wachensturms noch mehr. Er ist die Fortsetzung des Hambacher Festes, das wiederum die Fortsetzung des Wartburgfestes war – so bereits Zeitgenossen. Hambach war die größte und bedeutendste demokratische Volksversammlung des Vormärz, die erste politische Massenveranstaltung in Deutschland, der Höhepunkt einer breiten Bewegung in den deutschen Staaten, die erstmalige massenhafte Vertretung nationaler, radikaler republikanischer Forderungen und mit dem Preß- und Vaterlandsverein der erste Versuch des Aufbaus einer organisierten Partei sowie die ,,erste Formulierung und Proklamation der Grundrechte des deutschen Volkes. Das Einzigartige und bis dahin noch nie Dagewesene hat Wirkung und Sprengkraft über das Jahrhundert hinaus.“ Mit dem Frankfurter Wachensturm versuchten die Studenten gewaltsam umzusetzen, was weniger als ein Jahr zuvor in Hambach proklamiert worden war.

Eben das zog im April 2008 eine ganze Reihe von würdigenden Veranstaltungen nach sich, wobei man, den demokratischen Impetus der Wachenstürmer hervorhebend, die Gewaltanwendung bedauerte oder mißbilligte und den nationalen Ansatz verschwieg. Denn gar trefflich läßt sich mit der Geschichte, mit Hambach und Wachensturm Politik treiben, läßt sich beides aktuell verwerten. Edgar Wolfrum hat in seiner 1999 erschienenen Habilitationsschrift über ,,Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland“ gezeigt, daß ,,Geschichte als Waffe“ bzw. Geschichtspolitik „als Kampfmittel gegen innere und äußere Feinde“ genutzt wird. Geschichte ist ,,eine geeignete Mobilisierungsressource im politischen Kampf um Einfluß und Macht. Sie kann als Bindemittel dienen, um nationale, soziale oder andere Gruppen zu integrieren. Sie kann ausgrenzen, Gegner diffamieren und gleichzeitig das eigene Handeln legitimieren. Will man diese Mechanismen näher betrachten, so empfiehlt es sich, vielfältige Formen der Geschichtspräsentation zu untersuchen, die von der Präsentation von Mythen und Nationalhelden bis hin zur Sinnstiftung durch Museen und Denkmäler reichen. Sie schaffen Erinnerungslandschaften – und Erinnerungslandschaften beeinflussen die Vorstellungen und Werte von Menschen.“ Eine solche Erinnerungslandschaft ist real und im symbolischen Sinne der Frankfurter Wachensturm vom 3. April 1833.

Geschichtspolitik als ,,Kampffeld der Vergangenheitsinterpretationen und der Zukunftserwartungen“, so Wolfrum weiter, ist argumentatives und publizistisches Mittel zur Gegnerbekämpfung, zur Legitimierung eigenen politischen Handelns oder zur Herrschaftslegitimation, unabhängig von der jeweiligen Herrschafts- oder Staatsform. Es gilt das gesellschaftliche Geschichtsbewußtsein zu formen, um identitätsstiftende Wirkung zu erzielen und Zustimmung zu historischer Legitimation politischen Handelns zu erhalten.

Die 100-Jahr-Feier des Wachensturms wurde 1932/33 vom Frankfurter Magistrat erwogen, unterblieb in der Weltwirtschaftskrise aber auf Grund der erwarteten Kosten. Kaum jemand interessierte sich für die kleine 125-Jahr-Feier des Wachensturms 1958, erst zur l50-Jahr-Feier 1983 erschienen einige Beiträge einschließlich solcher der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung. Wie schon 1982 für Hambach wurden – wenn auch im geringeren Maße – Geldmittel bereitgestellt, Regierungsstellen des Bundes, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt wurden aktiv, Feier- und Gedenkstunden fanden statt. Die Deutsche Burschenschaft erinnerte sich der Burschenschafter, die 1832 in Hambach und 1833 in Frankfurt dabei waren. Offensichtlich hatte das Interesse an Ereignissen und Orten massiv zugenommen. Warum? Wo lag der Grund?

Während in der älteren burschenschaftlichen Geschichte, in der burschenschaftlichen Geschichtsbetrachtung und im burschenschaftlichen Geschichtsbewußtsein die nationalstaatliche Einigung im Vordergrund stand, waren jetzt verstärkt Töne zu hören, die die freiheitlich-demokratische Tradition betonten. Das korrespondierte mit einer Entwicklung, die auf der staatlichen Seite 1970 begonnen hatte. In diesem Jahr äußerte Bundespräsident Gustav Heinemann grundsätzliche Überlegungen zum Thema Geschichtsbewußtsein und Tradition, die letztendlich in die Einrichtung der ,,Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte“ im badischen Rastatt mündeten. Stärker als bisher ins Bewußtsein treten sollte die demokratische deutsche Überlieferung vom Bauernkrieg des frühen 16. Jahrhunderts über die deutschen Jakobiner des späten 18. bis hin zum Zeitalter der Befreiungskriege, die Revolutionen von 1830, 1848/49 und 1918/19, der Widerstand nach 1933 und der DDR-Volksaufstand von 1953. Dies natürlich nicht als Selbstzweck, sondern vor allem zur Legitimierung einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wie sie 1949 im Westen Deutschlands installiert worden war. Hambach und in seinem Gefolge der Frankfurter Wachensturm bekamen eine Funktion, die sich in den letzten Jahren wiederum änderte: so verschwand der burschenschaftliche, wohl zu nationale Anteil einschließlich der Replik der Fahne der Urburschenschaft weitgehend aus der Hambacher Ausstellung, ebenso ist es mit dem anscheinend zu gewalttätigen Wachensturm. Er ist gegenwärtig eben nur zu Teilen politisch verwertbar, mit seinen Toten und Verwundeten und ihrem Wollen zu ambivalent, um ins deutsch-demokratische Weltbild eingepaßt zu werden.

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