Das Wartburgfest 1817

Aufstieg der Burschen zur Wartburg am 18. Oktober 1817
Aufstieg der Burschen zur Wartburg am 18. Oktober 1817

Nicht nur in den 1815 folgenden Jahrzehnten, sondern bis in unsere Tage setzte sich das Ringen um einen Ausgleich zwischen den waffenstudentisch-korporativen Traditionen und den vaterländischen Zielsetzungen und Reformbestrebungen fort. Zunächst jedoch griff der burschenschaftliche Gedanke in wenigen Monaten um sich.

Bild der Bücherverbrennung
Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest

Als von Jena die Einladung erging, am 18. Oktober 1817 zur Feier des Jahrestages der Reformation und der Leipziger Völkerschlacht auf der Wartburg bei Eisenach zusammenzukommen, folgten über 500 Burschen von fast allen deutschen Hochschulen diesem Ruf. Bei den Verhandlungen prallten auch hier zunächst die Ansichten der Repräsentanten der alten landsmannschaftlichen Richtung und die der Wortführer der burschenschaftlichen Idee hart aufeinander, doch kam in der allgemeinen Begeisterung eine Versöhnung zustande, alle Gegensätze traten fürs erste zurück.

Bild der Bücherverbrennung
Bücherverbrennung auf dem Wartburgfest

Das Wartburgfest ermöglichte erstmals einen Gedankenaustausch zwischen den Führern der jungen Bewegung und trug entscheidend zur gegenseitigen Angleichung und Befruchtung bei. Sehr schnell einigte man sich über die Gründung einer "Allgemeinen deutschen Burschenschaft" als Gesamtverband. In den sogenannten "19 Punkten" legte der erste Jenaische Burschentag im März 1818 die Grundlage für eine Verfassung, die am 18. Oktober 1818 beim zweiten Burschentag zu Jena von 14 Vertretern von 14 Universitäten unterzeichnet wurde. Die "christlich-deutsche Ausbildung einer jeden leiblichen und geistigen Kraft zum Dienste des Vaterlandes" und "Einheit, Freiheit aller Burschen untereinander und möglichste Gleichheit aller Rechte und Pflichten", das waren die Ziele, die man sich setzte.

DDR Briefmarke zum Wartburgfest
DDR-Briefmarke zum Wartburgfest, 1953

Freilich stellte sich schon bald heraus, daß die Zusammenfassung der ganzen Studentenschaft nicht zu erreichen war, Konzessionen waren nicht zu umgehen. Die abseits stehenden Burschen sollten in ihrer Freiheit geschützt, aber dem Gesetz des allgemeinen Burschenbrauches untergeordnet werden. Die neben der Burschenschaft bestehenden Verbindungen wollte man durch Überzeugung gewinnen.

Eine der unmittelbaren Folgen des Wartburgfestes und der beiden folgenden Burschentage war die Ausbreitung des burschenschaftlichen Gedankens auf nahezu alle deutschen Universitäten, auch auf die vornehmlich von katholischen Studenten besuchten Hochschulen in Breslau, Würzburg, Freiburg i. Br. und die neue Hochschule in Bonn. Konfessionelle und partikularistische Gegensätze wurden ausgeglichen oder zumindest überdeckt. Zugleich zeichnete sich aber auch am Horizont eine Gegenbewegung ab: Die sehr freimütigen Reden hatten dem jungen Bund die erbitterte Feindschaft einflußreicher Männer eingetragen und die Aufmerksamkeit der Behörden auf ihn gelenkt. Schon setzten die ersten Verfolgungen ein. Die von den burschenschaftlichen Führern unter Beteiligung des Jenaischen Historikers Luden verfaßten "Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers" wurden, da man im letzten Augenblick die Gefahr für den Bestand der Burschenschaft sah, nicht zum Druck gegeben. Diese Denkschrift nahm das nationale Programm der nächsten fünfzig Jahre vorweg; sie forderte staatliche, wirtschaftliche und kirchliche Einheit, einheitliches deutsches Recht, verfassungsmäßige Erbmonarchie, Rede- und Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Selbstverwaltung, öffentliches Gerichtsverfahren und Geschworenengerichte, allgemeine Wehrpflicht, selbstbewußte Machtpolitik. Die Formulierungen der "Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktober" sind teilweise wortgetreu in die Paulskirchenverfassung von 1849 und über diese in die Weimarer Reichsverfassung von 1919 und das Grundgesetz von 1949 eingeflossen.

Klemens Wenzel Lothar Graf von Metternich
Klemens Wenzel Lothar Graf von Metternich

Die Ermordung des in weiten Kreisen als russischer Spion und "Verkörperung undeutschen Wesens" geltenden August von Kotzebue durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand sollte für das Schicksal der Burschenschaft schreckliche Folgen haben. Obwohl diese in ihrer Mehrheit den überspannten Vorstellungen Sands, der glaubte, durch seinen Opfertod den christlich-deutschen Ideen der Burschenschaft zu dienen, fernstand, wurde ihr die Verantwortung für seine Tat zugeschoben. Der Mordversuch des Apothekers Löning, der der Gießener Burschenschaft, den Gießener "Schwarzen", nahestand, aber aus eigenem Antrieb handelte, am nassauischen Präsidenten Ibell, bot dann einen weiteren willkommenen Vorwand, um gegen die den herrschenden Kräften schon lange verdächtige Burschenschaft vorzugehen. Im August 1819 faßten deutsche Minister unter dem Vorsitz des österreichischen Staatskanzlers Metternich die "Karlsbader Beschlüsse", die am 20. September 1819 vom Bundestag verkündet wurden. Für alle deutschen Hochschulen wurden Regierungsbevollmächtigte bestellt, die über die politische Gesinnung der Professoren und Studenten und die Einhaltung der Disziplin wachen sollten. Die Lehrer aller Art wurden für den Fall der Verbreitung "verderblicher" Lehren mit der Entfernung aus dem Amt bedroht. Die alten Gesetze gegen geheime Studentenverbindungen wurden erneuert und insbesondere auf die Burschenschaft bezogen, weil ihr die "schlechterdings unzulässige Voraussetzung einer fortdauernden Gemeinschaft und Korrespondenz zwischen den verschiedenen Universitäten" zugrundeläge. Ihren Mitgliedern wurde der Zugang zu allen Ämtern versperrt.

Studenten und akademische Lehrer, die von einer Universität verwiesen oder aus dem Amt entfernt wurden, durften an keiner anderen Hochschule aufgenommen werden. Zeitungen, Zeitschriften und Bücher unter 20 Bogen wurden unter Zensur gestellt. Die Zentraluntersuchungskommission in Mainz wurde beauftragt, die angeblichen revolutionären Umtriebe und demagogischen Verbindungen zu untersuchen und zu verfolgen. Die Folgen dieser Unterdrückungspolitik waren von großer Tragweite. Für Jahrzehnte wurde die nationale Entwicklung Deutschlands gehemmt und das Bürgertum als Träger des politischen Willens ausgeschaltet. Die burschenschaftliche Bewegung kam zwar nicht zum Erliegen, wurde aber zur Geheimbündelei gedrängt, die eine ruhige, kontinuierliche Fortentwicklung der politischen Auffassungen unmöglich machte. Die bunte und wechselvolle Geschichte der Burschenschaft an den einzelnen Hochschulen kann in diesem Rahmen nicht geschildert werden. Wenn auch in Süddeutschland die Jahre nach 1819 eine Zeit besonderer Blüte gewesen sind und auch in Österreich der burschenschaftliche Gedanke lebendig, aber bald unterdrückt wurde, so ist doch für die Gesamtheit festzustellen, daß das Hauptziel der Burschenschaft, die öffentliche Einigung aller Studenten zum Dienst am Vaterlande, zunächst aufgegeben werden mußte.

Ansprache am Wartburgfest
Ansprache auf dem Wartburgfest

Zunächst gelang noch ein Ausgleich der Spannungen. Die "Allgemeine Deutsche Burschenschaft" erstand erneut, und auf den Burschentagen in Dresden (1820), Streitberg (1821) und im Odenwald (1822) wurde eine neue, den veränderten Verhältnissen angepaßte Verfassung ausgearbeitet, wobei am alten christlich-deutschen Prinzip festgehalten wurde. Stärker als zuvor wurde eine unmittelbare politische Tätigkeit abgelehnt und die wissenschaftlich-sittliche Aufgabe der Burschenschaft in den Vordergrund gestellt. Zahlreiche schriftliche Zeugnisse vermitteln uns einen lebendigen Eindruck der damaligen idealistischen und begeisterten Stimmung, aber auch von dem herrschenden echten und oft auch überschäumenden Frohsinn. Neben dem Fechten wurde auch das Turnen gepflegt. Die wissenschaftlich-politische Ausbildung in wöchentlichen Vorträgen und Aussprachen erlebte eine besondere Blüte.