Die Burschenschaft in der Weimarer Republik

ADW-Gründungstagung, 7. August 1919
ADW-Gründungstagung, 7. August 1919

Im Gegensatz zur Revolution des Jahres 1848/49 vollzog sich die Umwälzung nach der Niederlage von 1918 ohne Beteiligung der Studenten, die meist noch im Felde standen und von vornherein in ihrer Mehrheit der neuen Republik mit Abneigung oder doch mit Reserve begegneten. Der unglückliche Ausgang des Krieges weckte aber auch den Willen zur Einheit und zur Zusammenfassung aller Kräfte innerhalb des Studententums und der Burschenschaft.

Burschenschafterecke im Schweidnitzer Keller in Breslau, 1925
Burschenschafterecke im Schweidnitzer Keller in Breslau, 1925

Noch während des Krieges, Ostern 1918, fand in Jena ein Studententag statt, der vorwiegend unter freistudentischem Einfluß stand und von den großen Verbänden nicht anerkannt wurde, weil sie darauf hinweisen mußten, daß der bei weitem größere Teil der Studenten noch an der Front stände und ohne ihre Vertreter eine Einigung der Studentenschaft nicht erfolgen könnte. Die Aktivität verbindungsfeindlicher Kreise veranlaßte die Korporationsverbände zur Einleitung von Gegenmaßnahmen. Die Deutsche Burschenschaft setzte einen "Verbands-Ausschuß", den späteren "Hochschulpolitischen Ausschuß" ein, der zum Ziel hatte, eine Einigung aller studentischen Verbände herbeizuführen. Bei der Gründung des "Allgemeinen Deutschen Waffenringes" (ADW), die vornehmlich von den Landsmannschaften betrieben wurde, blieb die Deutsche Burschenschaft zunächst fern, weil sie die rein waffenstudentische Basis für zu schmal hielt.

Exbummel 1930
Exbummel 1930

Das Jahr 1919 brachte im Januar auf einem außerordentlichen Burschentag in Berlin die Vereinigung der Burschenschaften an Universitäten mit denen an Technischen Hochschulen; im August folgte beim Burschentag in Jena im Zeichen des großdeutschen Gedankens die Verschmelzung mit den in der "Burschenschaft der Ostmark" zusammengeschlossenenen österreichischen Burschenschaften. Damit nahmen die Burschenschaften "einen Gedanken auf, der 1848/49 in der Paulskirche proklamiert und den die Deutsche Nationalversammlung 1919 in Weimar fortgeschrieben hat". Die Deutsche Burschenschaft war der größte Korporationsverband im deutschen Sprachraum geworden. Nur wenige Wochen vorher war auf dem 1. Studententag in Würzburg die "Deutsche Studentenschaft", ebenfalls auf großdeutscher Basis, also unter Einschluß der Studentenschaften Österreichs, des Sudetenlands und Danzigs, entstanden und damit endlich der Traum vom "deutschen Studentenstaat" in Erfüllung gegangen. Während des 2. Studententags in Göttingen wurde unter starker burschenschaftlicher Beteiligung der "Deutsche Hochschulring" (22. Juli 1920) gegründet, der alle Studenten, auch die Frei- oder nichtkorporierten Studenten, umfassen wollte, im Laufe der Jahre die "Mehrheitspartei" der Deutschen Studentenschaft wurde und maßgebenden Einfluß ausübte. Beim 3. Studententag in Erlangen wurde unter Führung der Deutschen Burschenschaft am 30. Juni 1921 das "Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen" abgeschlossen, womit wenigstens zu einem Teil und für eine Reihe von Jahren das traditionelle Gegeneinander der studentischen Verbände beseitigt wurde.

Burschenschaftlicher Festfrühschoppen, Freiburg 1929
Burschenschaftlicher Festfrühschoppen, Freiburg 1929

Auch innerhalb des Verbands war die bis zum Ausbruch des Weltkriegs stark betonte Selbstgenügsamkeit, die manchmal fast bis zur Sterilität geführt hatte und die Verbindung mit dem Erbe der Urburschenschaft vermissen ließ, aufgegeben worden. Der bereits 1918 eingesetzte "Politisierungsausschuß" wurde auf dem ordentlichen Burschentag 1919 in den "Ausschuß für vaterländische Arbeit" umgewandelt, der in den kommenden Jahren als gemeinsamer Ausschuß der Aktiven und Alten Herren, vor allem unter dem Vorsitz von Georg Kleeberg (Germania Marburg), der wichtigste und bedeutendste Ausschuß des Verbands wurde. Er erhielt die Aufgabe, die nationale Arbeit in den abgetrennten und besetzten Gebieten Deutschlands zu fördern sowie Anregungen für die staatsbürgerliche Bildungsarbeit der Burschenschaften zu geben, wobei jede Parteipolitik von Beginn an ausgeschlossen wurde. In den Burschenschaften wurden die Vortragsabende, die sogenannten Burschenschaftlichen Abende, stark ausgebaut und auch auf der Basis der Örtlichen Burschenschaften, der Kartelle und durch Veranstaltungen des Verbands fortentwickelt. Der "Verein für das Deutschtum im Ausland" wurde wesentlich aus der Burschenschaft gefördert, ebenso das Studium von reichsdeutschen Burschenschaftern an den Hochschulen in Österreich, Danzig, Königsberg, Riga, Dorpat, Prag, Brünn und Czernowitz. Aus Mitteln der "Georg-Kleeberg-Grenzlandstiftung" wurde die praktische Grenzlandarbeit unterstützt, die Veranstaltung von Grenzlandlagern, Wanderungen und ausgedehnten Grenzlandfahrten, die bis nach Siebenbürgen führten.

Hochzeit, Wien 1932
Hochzeit, Wien 1932

Auch die Förderung der Leibesübungen empfing neue Impulse. Seit dem Burschentag 1926 waren alle Burschenschaften verpflichtet, korporativ einem Sportverein beizutreten. Daneben arbeitete man eng mit den Hochschulinstituten für Leibesübungen und den entsprechenden Stellen der Studentenschaft zusammen. Bei den "Kampfspielen der Deutschen Burschenschaft" und den Hochschulmeisterschaften wurden durchweg gute Leistungen gezeigt.

Bei den nach Kriegsende aufflackernden Grenzlandkämpfen in Kärnten, der Steiermark (1920) und im Jahre darauf in Oberschlesien, ebenso bei der Bildung von Freikorps im Reichsgebiet waren Burschenschafter und auch einzelne Burschenschaften beteiligt.

Die zunehmende Politisierung des Verbands zog grundlegende Beschlüsse auf verschiedenen Gebieten nach sich. Der Burschentag 1920 brachte mit dem heute kaum verständlichen, beklagenswerten und folgenreichen Beschluß, der die Mitgliedschaft von Juden und die Heirat mit jüdischen Frauen untersagte, den endgültigen Durchbruch des "Rassenantisemitismus". Der Burschentag zu Pfingsten 1922 in Salzburg wurde zu einer Kundgebung für den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich, eine Forderung, die in jenen Jahren auch von allen Parteien in Deutschland und Österreich unterstützt wurde. Mit der Freimaurerfrage beschäftigte sich der Burschentag 1923, überließ freilich dem einzelnen alten Burschenschafter die Entscheidung über die Mitgliedschaft in Logen.

Die Königsberger Burschenschaften, 1930
Die Königsberger Burschenschaften, 1930

Beim Streit der preußischen Studentenschaften und der Deutschen Studentenschaft mit dem preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker um den großdeutschen Charakter der Studentenschaft und die Frage der Zugehörigkeit von jüdischen Studierenden schlug sich die Deutsche Burschenschaft eindeutig auf die Seite der preußischen Studentenschaften. Als diese die von Becker vorgeschlagene Verfassung mit großer Mehrheit ablehnten, unterstützte sie die Bildung von "Freien Studentenschaften", wie auch Burschenschafter seit 1919 führend an der Arbeit der studentischen Selbstverwaltung und der Deutschen Studentenschaft mitgewirkt hatten. Die zunehmende Radikalisierung des politischen Lebens, die sich in der Studentenschaft deutlich widerspiegelte, machte auch vor der Deutschen Burschenschaft nicht halt. Sie führte bei ihr zu einer immer deutlicher werdenden Frontstellung gegen die Weimarer Republik, ihre Parteien und Parlamente, und schließlich zu einem Eingreifen in die allgemeine Politik, als sich der Burschentag 1929 gegen eine starke Minderheit entschloß, dem "Reichsausschuß für das Volksbegehren zur Ablehnung des Young-Planes" beizutreten. Dies führte zu einer starken Spannung innerhalb des Verbandes, die erst beim Burschentag 1931 in Bingen beseitigt wurde.

Reichsgründungsfeier, Berlin 18. Januar 1933
Reichsgründungsfeier, Berlin 18. Januar 1933

Die militärischen Beschränkungen Deutschlands durch den Versailler Vertrag bei gleichbleibenden Rüstungsanstrengungen seiner unmittelbaren Nachbarn forderten in den Augen der Studenten dazu heraus, nach einer Entsprechung zu suchen, die vor allem mit der voranschreitenden Zeit immer dringlicher zu werden schien. Nach den von Dr.-Ing. Otto Schwab vorgelegten Plänen, die auch die Billigung des Reichswehrministeriums gefunden hatten, wurde durch den Burschentag 1930 ein "Wissenschaftliches Arbeitsamt" gebildet, das der Wehrerziehung dienen sollte und der Leitung Schwabs unterstellt wurde. Noch im gleichen Jahre wurde, ebenfalls unter der Leitung des Darmstädter Germanen Schwab, die "Akademische-Flieger-Abteilung Deutscher Burschenschafter e. V." gegründet, die in den folgenden Jahren eine große Zahl von jungen Burschenschaftern zu Segel- und Motorfliegern ausbildete. Unter Führung der Deutschen Burschenschaft wurde die Wehrarbeit im Jahre 1931 auch auf eine große Zahl anderer akademischer Verbände ausgedehnt und das "Akademische Wissenschaftliche Arbeitsamt", wiederum unter der Leitung von Schwab, ins Leben gerufen. Das Arbeitsprogramm entsprach den von Schwab im Vorjahr dem Burschentag vorgelegten Richtlinien, der Name "Wissenschaftliches Arbeitsamt" diente als Tarnung für "Wehramt" und sollte unter Umgehung der Bestimmungen des Versailler Diktats der Wehrerziehung der akademischen Jugend dienen.

Im Jahre 1932 brach zwischen dem 1926 gegründeten "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund" (NSDStB), der seit dem Studententag 1931 die Führung in der Deutschen Studentenschaft übernommen hatte, und der Deutschen Burschenschaft nach anfänglicher Zusammenarbeit der offene Streit aus. Unter der Führung der Deutschen Burschenschaft bildete sich eine "Hochschulpolitische Arbeitsgemeinschaft studentischer Verbände" (Hopoag), der die Deutsche Burschenschaft, die Deutsche Landsmannschaft, der Cartellverband der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV), der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV), die Deutschnationale Studentenschaft und der Stahlhelm-Studentenring angehörten. Dieser Versuch, den Einfluß des NSDStB einzudämmen, kam freilich zu spät. Die kurzen Monate von September 1932 bis zur Machtergreifung Hitlers reichten nicht aus, um eine erfolgreiche Gegenfront aufzubauen. Im April des Jahres 1933 wurde die Hopoag zwangsweise aufgelöst.