Die Burschenschaft im Dritten Reich und während des Zweiten Weltkrieges

Otto Schwab
Otto Schwab

Die Übernahme der Regierungsgewalt durch den Nationalsozialismus bedeutete für die Burschenschaft wie für das ganze deutsche Volk einen entscheidenden Einschnitt. Viele gutgläubige Idealisten in der Deutschen Burschenschaft, darunter auch zahlreiche Angehörige der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), glaubten, nun breche auch für die Burschenschaft eine "neue, bessere Zeit" an. Es sollte sich bald herausstellen, wie sehr sie einem Irrtum unterlegen waren und wie man sie zu täuschen wußte. Den wenigsten war klar, daß der totalitäre NS-Staat keine nicht von ihm kontrollierten Regungen duldete.

Unter dem Druck des Nationalsozialismus wurden die Verbände gezwungen, das "Führerprinzip" einzuführen. In dieser Lage übertrugen die Amtsträger der Deutschen Burschenschaft und der Vereinigung alter Burschenschafter (VAB) dem Parteigenossen Otto Schwab - er war wenige Monate vorher der NSDAP beigetreten - die Führung des Verbands für die Dauer eines Jahres. Wenn auch die Einzelheiten dieser Vorgänge keineswegs als geklärt angesehen werden können, so dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß Schwab zu einer Umgestaltung der Deutschen Burschenschaft im nationalsozialistischen Sinne entschlossen war, wenn auch in der Absicht, das Weiterleben des Verbands auf diese Weise zu ermöglichen. Der wie alljährlich zu Pfingsten in Eisenach stattfindende Burschentag genehmigte das Vorgehen der Amtsträger und entrechtete sich durch die Anerkennung des Führerprinzips selbst. Der Burschentag hatte damit praktisch aufgehört, ein die Geschicke der Deutschen Burschenschaft selbst bestimmendes Parlament zu sein.

Auflösung der Deutschen Burschenschaft in Eisenach auf der Wartbutg, 1935
Auflösung der Deutschen Burschenschaft in Eisenach auf der Wartburg, 1935
Alte Herren und Universitätsrektoren bei der Auflösung der Deutschen Burschenschaft, 1935
Alte Herren und Universitätsrektoren bei der Auflösung der Deutschen Burschenschaft, 1935

Die kompromißlose Durchführung der Bestimmungen über die Mitgliedschaft von Juden und Freimaurern, die zu deren Ausschluß führte, der Versuch, Einheitsfarben und eine einheitliche Mütze einzuführen und die Eingriffe in die Rechte der Einzelburschenschaften führten zu einer schweren Verstimmung und zur allmählichen Bildung einer Opposition innerhalb des Verbands, die zunächst noch einer organisatorischen Form ermangelte. Inzwischen hatten sich die Burschenschaften in Österreich und im Sudetenland von der Deutschen Burschenschaft aus außenpolitischen Gründen gelöst, ohne dabei die Verbindung mit dem Reich aufzugeben. Der Anschluß des Jahres 1938 und die Besetzung der Resttschechoslowakei im darauffolgenden Jahre bedeuteten auch ihr Ende.

Zugleich hatte sich die Situation der Korporationsverbände weiter verschlechtert. Im Juli 1934 wurde Andreas Feickert zum Reichsführer der Deutschen Studentenschaft und der früher dem katholischen Cartellverband angehörende Albert Derichsweiler zum Führer des NSDStB ernannt, dem die weltanschauliche, staatspolitische und körperliche Ausbildung der gesamten Studentenschaft übertragen wurde. Der sogenannte "Feickert-Plan" sah die Umwandlung der Verbindungen in Wohnkameradschaften vor, denen die einzelnen Studenten für zwei Semester zugewiesen werden sollten, ohne daß sie Mitglied der betreffenden Korporation werden mußten. Trotz weitreichenden Widerspruchs wurde dieser Plan von Reichserziehungsminister Bernhard Rust genehmigt. Dadurch verstärkte sich erneut die Opposition und entwickelte sich über verschiedene Stufen zum "Altburschenschaftlichen Ring", der aus der Deutschen Burschenschaft ausschied und 22 ausgetretene oder ausgeschlossene Burschenschaften umfaßte, wobei der Widerstand gegen die Arierbestimmungen und der im Oktober erfolgte Austritt der Deutschen Burschenschaft aus dem Allgemeinen Deutschen Waffenring eine entscheidende Rolle spielte.

Karl Hoppmann
Karl Hoppmann

Unter Führung des Staatssekretärs in der Reichskanzlei und Verbändeobmanns Dr. Hans Heinrich Lammers (Wratislavia Breslau im Miltenberger Ring) entstand am 12. Januar 1935 eine "Gemeinschaft studentischer Verbände" (GStV), die vorübergehend die Anerkennung als Gesamtvertretung aller studentischen Korporationsverbände gegenüber der NSDAP erreichte, aber sich schon am 8. September des Jahres wieder auflösen mußte, wobei erneut Rivalitäten der Verbände und die Frage des Ausschlusses der jüdischen Alten Herren und Freimaurer eine Rolle spielte. Die Führung der Deutschen Burschenschaft hatte seit dem 22. Februar 1935 als Nachfolger von Schwab Rechtsanwalt Hans Glauning (Germania Marburg) übernommen. Er verfolgte als alter Angehöriger des NSDStB eine noch eindeutigere nationalsozialistische Politik, so daß weitere Burschenschaften austraten und sich der "Alten Burschenschaft" unter der Führung von Dr. Karl Hoppmann (Germania Straßburg) anschlossen, die sich aus dem Altburschenschaftlichen Ring entwickelt hatte. Versuche, beide Verbände wieder zusammenzuführen, schlugen fehl.

Die jüngsten Mitglieder der Kameradschaft Lützow, Jena 1943
Die jüngsten Mitglieder der Kameradschaft Lützow, Jena 1943

Als Reichsjugendführer Baldur von Schirach allen Mitgliedern der Hitlerjugend die Mitgliedschaft in Korporationen verbot, ein gleiches Verbot vom NSDStB und von der SA erlassen wurde, spitzte sich die Lage immer mehr zu. Zwar gelang es Glauning, im sogenannten "Plauener Abkommen" (5. Oktober 1935) von Derichsweiler, dem Führer des NSDStB, die Zusicherung zu erlangen, daß alle Burschenschaften geschlossen als Kameradschaften in den NSDStB übernommen würden, aber schon im Januar 1936 wurde diese Abmachung von Derichsweiler bei der Zehnjahresfeier des NSDStB in München als überholt bezeichnet. Die in Anknüpfung an das Wartburgfest von 1817 am 18. Oktober 1935 auf der Wartburg vollzogene Auflösung der Deutschen Burschenschaft - die Alte Burschenschaft löste sich bereits tags zuvor auf - hatte sich damit als eine sinn- und wertlose Demonstration erwiesen. Den Todesstoß erhielt das Verbindungswesen schließlich durch eine Anordnung des "Stellvertreters des Führers", Rudolf Heß, mit der allen studierenden Angehörigen der NSDAP die Mitgliedschaft in einer Korporation verboten wurde. Nachdem sich viele Burschenschaften bereits Ende 1935 aufgelöst hatten, folgten jetzt auch die meisten anderen diesem Beispiel, nur wenige konnten sich bis zum Sommersemester 1936 halten. Die Altherrenschaften bestanden jedoch in ihrer überwiegenden Mehrzahl weiter und weigerten sich vielfach, ihre Häuser den Kameradschaften zur Verfügung zu stellen.

Eine Wandlung bahnte sich seit dem Jahre 1938 an, als Dr. Gustav Adolf Scheel, ein ehemaliger VDSter, in Personalunion Führer der Deutschen Studentenschaft und Reichsführer des NSDStB wurde. Es gelang ihm, durch Konzessionen an die Tradition der Korporationen einer Reihe von Altherrenschaften die Zustimmung zur Aufnahme von Kameradschaften in ihre Häuser abzugewinnen. In vielen Fällen entwickelten sich diese Kameradschaften zu Zellen der Opposition gegen den NSDStB. Sie führten dort, wo besonders günstige Umstände herrschten, das Korporationsleben getarnt fort. Darunter war auch eine ganze Reihe von Burschenschaften, was für den Wiederaufbau der burschenschaftlichen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg von erheblicher Bedeutung war.