Die Wartburg, eine burschenschaftliche Gedenkstätte

Außenansicht der Wartburg

Um 1800 war die Wartburg weitgehend dem Verfall preisgegeben, sie war Wirtschaftshof und Gefängnis, niemand kümmerte sich ernsthaft um sie. Fast genau 200 Jahre später, 1999, wurde die Wartburg von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. In der Anerkennung finden sich als Gründe: die Wartburg sei eine „Idealburg“, in der sich deutsches mittelalterliches Leben und deutsche Geschichte verkörpere, sie habe eine reichhaltige und weit in die Vergangenheit zurückreichende Tradition und vor allem hohen symbolischen Stellenwert, sie sei ein kraftvolles Symbol der deutschen Einheit. Innerhalb zweier Jahrhunderte wandelte sich der politische und kulturelle Stellenwert der Wartburg grundlegend. Wesentlich dafür verantwortlich waren die Burschenschaften.

Auf der Wartburg hatte angeblich zu Beginn des 13. Jahrhunderts der sagenhafte „Sängerkrieg“ stattgefunden, dem Richard Wagner seine 1845 uraufgeführte Oper „Tannhäuser“ widmete. „Der große und anhaltende Erfolg der Oper machte die Wartburg zum Inbegriff des idealisierten Mittelalters, zu einem Denkmal deutscher Sage und Geschichte.“ (Etienne Francois). Dazu beigetragen hat auch der vor allem durch seine Märchen-Sammlungen bekannte Schriftsteller und Leipziger Burschenschafter Ludwig Bechstein mit seinem „Sagenschatz des Thüringerlandes“ (1835/38).

Ansprache Ludwig Rödigers auf dem Wartburgfest 1817. Rödiger wurde aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Burschenschaft in Preußen und Bayern verfolgt.

1521 war der vom Wormser Reichstag zurückkehrende Martin Luther vom sächsischen Kurfürsten auf der Wartburg in Sicherheit gebracht worden und übersetzte dort die Bibel ins Deutsche. Dies schuf nicht nur die moderne deutsche Sprache, sondern die Wartburg wurde damit zu ihrem Symbolort und dem der Reformation, gedeutet als einer geistigen Befreiung aus kirchlicher Bevormundung.

Für den 18. Oktober 1817 lud die Jenaische Burschenschaft die Burschenschaften anderer Hochschulen nach Eisenach und auf die Wartburg, um zweier Jahrestage zu gedenken, des 300. der Reformation Luthers und des vierten der 1813 geschlagenen Leipziger Völkerschlacht, mit der die endgültige Befreiung Deutschlands von der Herrschaft des Franzosenkaisers Napoleon begann. Das Wartburgfest der Burschenschaften war nicht nur eine Gedenkfeier, sondern die erste überregionale und gesamtdeutsche Feier überhaupt. Es war eine Antwort der die deutsche Einheit herbeisehnenden Studenten auf die staatliche Zersplitterung nach dem Wiener Kongreß:

Fahne der Jenaer Urburschenschaft (Wartburg-Fahne) 1816
Eine von mehreren deutschen Briefmarken zur Wartburg. Hier: Erinnerung an das Wartburgfest 1817 (DDR, Jahrgang 1953)

„Ein Deutschland ist, und ein Deutschland soll sein und bleiben.“

Auf dem Wartburgfest wurden die „Beschlüsse des 18. Oktober“ vorgestellt, die erste Formulierung der Grundrechte in Deutschland, deren Intentionen in Länderverfassungen, die Reichsverfassungen von 1848/49 und 1919 sowie in das Grundgesetz von 1949 und die österreichische Verfassung von 1920 bzw. 1929 einflossen. Die Beschlüsse waren wichtiger Anstoß für einen deutschen Verfassungsstaat, Menschen- und Bürgerrechte werden gefordert, Glaubens- und Religionsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Freizügigkeit und Eigentumsrecht, Meinungs- und Pressefreiheit, Bauernbefreiung und Gewerbefreiheit, Abschaffung der Patrimonialgerichtsbarkeit und ein einheitliches deutsches Gesetzbuch. Die anschließende Verbrennung der dem entgegenstehenden Schriften und Symbole war eine an die Verbrennung der päpstlichen Bannbulle durch Luther angelehnte und schon von den Zeitgenossen so verstandene außerordentliche politische Demonstration, antifeudal und antiabsolutistisch, revolutionär und national.

Alles dies stellte die Wartburg in den Mittelpunkt des politischen Geschehens und machte sie bis in die Gegenwart zu einem hervorgehobenen Ort für das Streben nach deutscher Einheit und nationaler Emanzipation. Hier kreuzen sich politische und kulturelle Linien aus Jahrhunderten, geben die Möglichkeit der Politisierung und bieten zukunftsorientierte Erinnerung. Entsprechend wurde auf der Wartburg in der Revolution von 1848/49 das zweite, wiederum von den Burschenschaften initiierte Wartburgfest gefeiert, seit den 1850er Jahren war sie ein deutscher Gedenkort, besonders prachtvoll fiel 1867 die burschenschaftliche 50-Jahr-Feier des Wartburgfestes aus. Seither fanden – unterbrochen nur in der Zeit des NS- und des DDR-Regimes – alljährliche Feiern statt. Was bereits 1867 ein Festredner sagte, gilt nach wie vor:

„Wartburg und Burschenschaft gehören zusammen und sind eins. Denkbar ist im deutschen Vaterland das eine nicht ohne das andere.“

Burschenschafter auf der Wartburg anlässlich des Burschentages 2015 (200 Jahre Deutsche Burschenschaften).