Burschenschaft und Paulskirche

Am 18. Mai 1848 tritt in der Frankfurter Paulskirche die deutsche Nationalversammlung zusammen. (Kolorierte Lithographie, Jean Nicolas Ventadour, 1848)
Wilhelm Heinrich August Freiherr von Gagern *20.08.1799 in Bayreuth. Präsident der Nationalversammlung und Burschenschafter
Gedenktafel der Deutschen Burschenschaft für Heinrich von Gagern (Paulskirche Frankfurt)
Auszug aus der Stammrolle der Jenaischen Burschenschaft aus der die Mitgliedschaft Heinrich von Gagerns ersichtlich ist.

Die Grundlagen der heutigen deutschen Rechtsordnung legte die erste deutsche Nationalversammlung von 1848/49, die in der Paulskirche in Frankfurt a. M. tagte und oft kurz nach diesem Tagungsort benannt wird. Sie schuf die Grundlage für deutsche Einheit und Freiheit, ihre Intentionen flossen 1919 in die Weimarer Verfassung und 1949 ins Grundgesetz ein. „Wesentliche Elemente unseres Gemeinwesens, die Garantie von Grundrechten, der Parlamentarismus, die demokratische Legitimation politischen Handelns gehen auf 1848 zurück“, so der Frankfurter Historiker Lothar Gall.

Die Burschenschaften haben ein besonderes Verhältnis zur Paulskirche: die Präsidenten
 Heinrich von Gagern (1799-1880) und Eduard Simson (1810-1899) waren Burschenschafter, um die 200 Abgeordnete ebenfalls. Das zog die Bezeichnung als „Burschenschafter-Parlament“ nach sich. Wer in einer Burschenschaft sozialisiert und politisiert worden war, Demagogenverfolgungen und Haft erlitten und persönliche Nachteile für seine politische Überzeugung in Kauf genommen hatte, der engagierte sich in den 1820er, 1830er und 1840er Jahren vielfach in politischen Vorfeldorganisationen wie Gesang-, Turn- und Schützenvereinen, war führend tätig in Vereinigungen zur Unterstützung des Befreiungskampfs der Griechen und Polen, hatte vielfach oft auch Länderparlamenten angehört, war als Politiker hervorgetreten und auf die eine oder andere Art und Weise 1848 an der Revolution beteiligt.

Die einer intellektuellen Elite angehörenden Akademiker und Abgeordneten waren teilweise von erheblichem publizistischen Einfluß wie Robert Blum (1807-1848), Arnold Ruge (1802-1880) oder Franz Schuselka (1811-1886).

Im ersten deutschen Parlament suchten sie erstmals ein Verfassungswerk für einen deutschen Gesamtstaat zu schaffen, dessen burschenschaftliche Herkunft nicht zu verleugnen war – die Nationalversammlung tagte nicht umsonst unter den burschenschaftlichen Farben Schwarz-Rot-Gold, die 1848/49 endgültig zu den deutschen geworden sind.

Literatur:
Kaupp, Peter (Hrsg.): Burschenschafter in der Paulskirche. Aus Anlaß der 150. Wiederkehr der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 im Auftrag der Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung (GfbG), o. O. (Dieburg) 1999.

Kaupp, Peter: „Aller Welt zum erfreulichen Beispiel“. Das Wartburgfest von 1817 und seine Auswirkungen auf die demokratischen deutschen Verfassungen, in: Schroeter, Bernhard (Hrsg.): Für Burschenschaft und Vaterland. Festschrift für Prof. Dr. Peter Kaupp, Norderstedt 2006, S. 27-52.